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Holger Schwenke: „Heinrich Mann, Der Untertan“

Wie Demokratien sterben, haben unlängst Steven Levitsky und Daniel Ziblatt gezeigt. Manchmal sterben sie plötzlich mit einem Putsch, manchmal langsam und leise, und man merkt es erst, wenn es zu spät ist. Die psychologischen Mechanismen, die das Sterben begünstigen, sind möglicherweise immer noch da. Thomas Mann exemplifizierte in seiner Novelle „Mario und der Zauberer“ diese Mechanismen, die hypnotischen Verführungskünste und die erregte Verführungsbereitschaft des Publikums. Kurz vor dem deutschen erlebte Thomas Mann 1029 den bereits etablierten italienischen Faschismus und seine psychologische Anziehungskraft: Der Magier und Menschenkenner Cipolla verdreht den Menschen den Kopf und weiß genau, was er tut. Er scheut sich auch nicht, seine Absichten zu benennen – was uns aus unserer eigenen Gegenwart irgendwie bekannt vorkommt.

„Die Fähigkeit sich seiner selbst zu entäußern,“ so erklärt der Verführer seine Wirkung ad coram publicum, „zum Werkzeug zu werden, im unbedingtesten und vollkommensten Sinne zu gehorchen, sei nur die Kehrseite jener anderen, zu wollen und zu befehlen; es sei ein und dieselbe Fähigkeit; Befehlen und Gehorchen.“

Es scheint fast, als hätte Thomas Mann hierbei das Buch seines Bruders Heinrich im Sinn gehabt, das dieser 15 Jahre vorher im ausgehenden Kaiserreich geschrieben hatte: „Der Untertan“. Gingen die politischen Ansichten der beiden berühmten Brüder (anfangs war der ältere, Heinrich, der berühmtere) zunächst auseinander, so nahm doch Thomas nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs eine Korrektur vor, die ihn näher an die gesellschaftskritische Position von Heinrich Mann brachte.

Dieser sezierte im „Untertan“ die Mechanismen von Befehl und Gehorsam im Wilhelministischen Kaiserreich so messerscharf, dass das Buch als ein literarisches Muster für die Psychopathologie des autoritären Charakters bis heute gelten kann. Kurt Tucholski erkannte völlig zu recht in der Darstellung der Charaktere des Romans ein „Herbarium des deutschen Mannes“. Wohl deshalb unterlag es der Zensur und konnte erst 1918 im Zuge der Revolution veröffentlicht werden.

Der Roman bietet ein ausgreifendes Tableau der Gesellschaft des Kaiserreiches um die Jahrhundertwende, mit allen Zutaten, die von 1918 aus betrachtet den Irrweg in den nationalistischen Wahn des Ersten Weltkriegs und von 1945 aus den noch größeren Irrweg in den völkervernichtenden Zweiten ermöglicht hatten: Das Schwadronieren und Meinungsgehabe, interessengeleitete Heuchelei, die Provinzialität der Lebenswelt, Kleingeistigkeit, militantes Spießertum, die Fetischisierung von Hierarchien, Opportunismus und Geltungssucht. Und natürlich insbesondere die Lust an der Unterordnung.

Es handelt sich beim „Untertan“ durchaus um einen negativen Entwicklungsroman, in dem der Protagonist Diederich Heßling von einem sensiblen Kind zum vorauseilenden Gehorsamsdiener wird. Als hätte Heinrich Mann die grundlegenden Erkenntnisse der Freudschen Psychologie um eine real-gesellschaftliche Analyse erweitert, wird in aller Deutlichkeit die konkrete historische Situation vorgeführt, in der ein ichschwacher Charakter seine Demütigungen mit dem Herrschaftswillen der vermeintlich Höheren und Stärkeren verbindet und sich bedingungslos unterwirft. Bis zur Karikatur entwürdigt sich Heßling selbst, indem er die Machtansprüche der Gesellschaft verinnerlicht.

Dass er seiner selbst nicht gewiss ist – dies zeigt sich an einer rührend scheiternden Liebesgeschichte – macht ihn zum gewissenlosen Vollstrecker der unhinterfragten gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Dass selbst der Kaiser sich über seinen „Hurra“-schreienden Untertanen lustig macht, bleibt ihm dabei genauso verborgen wie sein eigenes emotionales Innenleben.

Die Pickelhauben, die gewichsten Schnurrbärte und der Stolz auf Uniformen und Schmiss sind längst skurrile Artefakte der deutschen Geschichte. Ob der Geist der Unterwerfung es auch ist, ist heute nicht mehr ganz so gewiss, wie es noch vor wenigen Jahren schien.

 

Holger Schwenke, Hannover.

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