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Der König des Abenteuergenres

Das Idol meiner Kindheit war Tarzan, der Held der trophäentragenden Kino-Serie. Sein Siegesruf erklang lange durch die Städte und Dörfer der ehemaligen Sowjet Union. Ich denke, er war ein Sexsymbol, aber das konnten wir ja nicht mal ahnen. Bis heute sind in der Erinnerung die Zeilen der poetischen Analogie geblieben: „Für die Hütte Tarzans, für wilden Nigger-Jazz würde ich meine Wohnung mit Telefon und Strom hergeben“.

 

            Und für die Generation der heutigen vierzigjährigen ist das Vorbild Winnetou aus der Serie „über Indianer“ (gemeinsame Produktion von BRD und Jugoslawien). Der ehrenvolle und mutige rothäutige Häuptling wurde von dem Volksliebling Gojko Mitić gespielt. Im Vorspann jedes Films stand: „Nach dem Roman von Karl May“. Aber die Bücher dieses Autors fehlten bei uns in den Buchläden und Bibliotheken. Dafür kann man heute gleich 12 Bände kaufen (und bei seinen deutschen Fans stehen ganze 80 Bände in den Regalen!). Wer ist denn dieser Karl May?

                                  

Fantast und kleiner Dieb aus Sachsen

            In seiner Autobiografie „Mein Leben und Karriere“ (1910) erscheint er wie eine Art Baron von Münchhausen: in der Lebensbeschreibung so viele Erfindungen und so viel Prahlerei, sodass es fast unmöglich ist die Körner der Wahrheit zu finden. Sein Größenwahn erreichte solche Höhen, dass er ernsthaft sagte, dass er gekreuzigt wurde. Seine Fantasie hielt nichts fest, er log und glaubte sich selbst. Aber das Erstaunlichste lag darin, dass seine Leser von seinen Erfindungen schwärmten.

            Das Leben des Karl May ist nicht wie der gewöhnliche künstlerische Weg eines klassischen Autors aufgebaut gewesen. Er wurde in 1842 in einer armen Familie eines sächsischen Webers geboren. Von 14 Kindern überlebten nur Karl und seine zwei Schwestern. Im ersten Lebensjahr erblindete er. Er wurde von seiner Großmutter großgezogen, ihre Märchen übertrugen den Jungen in eine Zauberwelt, seine Weltansicht blieb auch damals fantasievoll, als die Ärzte ihm im Alter von fünf Jahren die Sehkraft zurückgaben. Trotz der grausamen Not, begann Karl nach der Schule Lehramt zu studieren.

            Und dort begann er ein Vergehen: er stahl vor Weihnachten einige Kerzen, was ihm nicht verziehen wurde. Und weiter – noch mehr: als er in die Ferien nach Hause fuhr und dort angeben wollte, lieh er eine Uhr und eine Pfeife bei seinem Zimmernachbar aus. Als er zurückkehrte, gab er sie ihm wieder, aber er zu sechs Woche Gefängnishaft verurteilt. Das war aber nur die Spitze des Eisbergs: für Diebstahl und Betrügerei verbrachte er in den sächsischen Gefängnissen zwölf Jahre. Aber in der Haft verlor er keine Zeit: er führte den Kirchenchor an und las die komplette Gefängnisbücherei durch. Als er das Gefängnis endlich verließ, war der 32-jährige Karl May sich sicher, dass er ein erfolgreicher Literat wird.

 

Der unglaubliche Erfolg und seine Geheimnisse

Die Idee „indianische“ Romane in der Art wie bei Fenimore Cooper zu schreiben ergriff ihn noch im Gefängnis. Als er raus kam, fing er an als Reporter zu arbeiten, war ein „literarischer Nigger“, d.h. er verkaufte für wenig Geld den Verlagen sentimentale Schriften, die anonym gedruckt wurden. So übte er. Danach hat May die Zeitschrift „Familienreichtum“ gegründet, in dem er seine abenteuerlichen Geschichten und Romane veröffentlichte.

Karl May wurde sein Leben lang von der Leidenschaft zur Selbstverwirklichung bewegt. Er riskierte in Wettbewerb mit solchen Meistern des Abenteuergenres, wie Jules Verne, Main Reed und Stevenson zu treten. Zehn Jahre später wurde er vom Schicksal belohnt: er erreichte unglaublichen Erfolg, er wurde der bestverkaufte Belletristikautor, in Deutschland war keiner so berühmt wie er.

Der Leser liebte die Romane „Im Wilden Westen“, „Der Schatz des Silbersees“, „Der schwarze Mustang“, „Die treue Hand – der Freund der Indianer“ über Winnetou und seinen blassen Bruder Oldshatterhand, denn der Autor erdrückte nicht mit überragender Intelligenz und künstlerischem Talent, sondern war mit ihm auf gleichem Niveau. Und das wichtigste – May verstand das genauer, als seine zeitgenössischen Autoren, dass der nicht verwöhnte Leser vor allem, neue Eindrücke und Erlebnisse ersehnt. Nicht jeder hat das Glück auf einem kurzbeinigen Berberpferd Tunesien und Marokko zu bereisen. Nicht jeder hatte das Glück solch einen Mustang zu reiten. Mit seiner kämpferischen Feder hat Karl May die Träume der Gymnasiasten und Studenten realisiert.

 

Wie Meisterwerke der trivialen Literatur erschaffen werden

Die Massen- oder Trivialliteratur ist zusammen mit der Druckmaschine Guttenbergs entstanden. Sie entstand nicht einfach so, sondern wurde sofort beliebt. Im 19. Jhd. waren viel berühmter als Puschkin und Lermontov, Zagoskin, Kukolnik, Lazhetschnikow und viele andere ihnen im Genre ähnliche. Im Laufe der Zeit ändert sich die Mode, unter anderem auch in der Literatur, aber die Nachfrage auf sensationelle und ergreifende Schriften verschwindet nicht.

Vorne stehen stets die Anglosachsen: sie schenkten dem Leser nicht nur „gotische Romane“, sondern auch „Harry Potter“. Dicht dahinter rangieren die Franzosen. Das Rezept ihrer Massenproduktion hat Zweig entdeckt: „Die Erfinder werfen in ihren Teufelskessel ohne Gewissensbisse Gift und Tränen, Jungfrauen und Korsaren, Blut und Weihrauch, schäbige Feigheit und ehrenvollen Mut, Hexen und Troubadoure, und dann vermischen daraus einen romantisch historischen Teig und backen einen Kuchen , der mit Seele einfrierender Sauce aus Geistern und Alpträumen begossen wird“. Einst ging der junge Balzac diesen Weg entlang, aber das „Kochen“ dieser Art hat er nicht mit seinem Namen unterschrieben. Und dann schlug die Stunde auch für die Deutschen: in Sachsen wurde Winnetou geboren.

Karl May hatte seine raffinierten Rezepte. Diese schaute er bei Cooper, Main Reed und anderen amerikanischen Romantikern ab, aber dabei verkomplizierte er die berühmten Sujets, vereinfachte die Motive der Taten, machte die Handlung dynamischer. Er versprach dem Leser emotionale Erschütterung und hielt sein Wort.

Für gewöhnlich fangen seine Romane mit einem ausdrucksvollen Bild der Landschaft an:    blendende Sonnenstrahlen oder, im Gegensatz, Platzregen… Die Natur ist niemals neutral. Die Erde, aufgewühlt von Klippen und Felsen, wird von Vulkanen und Geysiren erschüttert, verschlingt der unvorsichtigen Reisenden in die Tiefen der Sümpfe. Danach folgen detaillierte Porträts der Helden, meistens von zwei Reitern, die vom Autor durch den Kontrast verbunden sind: ein dünner düsterer Schlot und ein dickes aufgewecktes Männchen. Nach weniger als zwei Meilen werden sie unbedingt auf Spuren von Verbrechern und Bösewichten treffen.

Der Hauptheld – scharfsichtiger Spurensucher, jedes Mal wenn er Indizien findet, die von den Schurken hinterlassen wurden, fängt an sie nicht aus Rache, sondern im Namen der Gerechtigkeit zu verfolgen. Der, der die schöne Frau oder die Juwelen gestohlen hat, der, der den Reisenden droht, der, der friedliche Bürger gefangen hält, der Skalpe sammelt, wird unbedingt bestraft.

Die Spur ist der Schlüssel zum Geheimnis, die Intrige ist verwinkelt, die Handlung verläuft wie ein Krimi. Es fangen Verfolgungsjagden, Schießereien, Schlägereien, Jagden nach Skalpen und Gold, ausgeklügelte Hinrichtungen und Beschuldigungen, und, letztendlich – die finale Güte der Sieger, an.

Die Bücher Mays beinhalten die Anziehungskraft etwas Primitivem, verschlingen der Leser mit Unmittelbarkeit und Naivität. Die Streitigkeiten rief meistens der Held Karl Mays hervor. Die Hauptperson – Karl ben Nemsi – wie er von der Arabern genannt wird, oder die Treue Hand – wie ihn die Indianer-Freunde nannten. Oldshatterhand – ein Deutscher, der vor vielen Jahren Sachsen verlassen hat. Er reist ohne jedwede utilitäre Ziele. Seine Mission in der Romanen liegt darin, die Getrennten zu vereinigen: Verliebte, Brüder, Freunde, Kinder und Eltern. Er hilft ihnen einander wiederzufinden mit rührender Selbstlosigkeit. Er ist stärker und schlauer alle Feinde. Er beherrscht alle Waffenarten. Sei Winchester und sein Gewähr sind die besten im Wilden Westen. Jedoch ist seine beste Waffe seine physische Statur, seine Gerissenheit und sein Verstand. Karl May hat als erster den Kult der Athletik geschaffen, der immer für die Jugend anziehend ist. Der städtische Teenager, der vor Begeisterung den Atem verliert, las über die Spaziergänge in der endlosen Natur, die von der Zivilisation nicht berührt ist.

Wie es für einen physisch starken Menschen üblich ist, ist Oldshatterhand moralisch einwandfrei. Er verteidigt die Beleidigten, er bestraft die Verbrecher. Die lagen falsch, die in ihm einen Übermenschen sahen, eine Art blonde Bestie. Und eine ausschließlich starke Persönlichkeit, die keine Spuren von Überheblichkeit und Aggressivität aufweist. Wenn irgendein Indianerstamm in die Hände den „Tomahawk des Krieges“ nimmt, strebt er sofort die Feindlichkeit zu löschen und bietet an die „Friedenspfeife“ zu rauchen.

 

Die Entlarvung des Täuschers

Karl May alias Oldshatterhand (die Romane sind in der Ich-Form verfasst), vertraute seinen Lesern an, dass er Arabisch, Englisch, Französisch, Italientisch, Spanisch, Griechisch, Latein, Hebräisch, Rumänisch, Chinesisch, Malaysisch, Farsi und viele Sprache der Indianischen Stämme spricht. Er beherrschte, natürlich, nicht die Sprache der Comanche und Apache, aber setzte die ganze Zeit in den deutschen Text verschiedene Indianische Wörter ein: Tomahawk, Mokassins, Squaw, Wigwam. Wenn er den Leser dazu einlud mit ihm die Gefahren der Reisen durch die afrikanischen Wüsten zu teilen, dann waren dort überall Beduinen, Scheiche, Derwische, Paschas und Visiere vertreten. Der Leser glaubte ihm, denn er traf in seinem Romanen immer etwas Bekanntes.

Er war ein großer Täuscher, er versicherte, dass er seine umfangreichen Kenntnisse dank dem erhielt, dass er nur jede zweite Nacht schlief: somit blieb er drei Nächte in der Woche wach und dachte über antike Folianten nach. Er verbrachte viel Zeit an Bücherregalen. Er hat kein einziges Mal die Prärien und Savannen auf einem schnellen Hengst überquert. Aber er reiste langsam durch die Karten Atlasse, Lexika und Enzyklopädien, wählte für seine Doppelgänger die gefährlichen und spannenden Routen aus. Er fixierte im Text die Namen echter Berge und Wasserfälle, Burgen und Kloster. Er kümmerte sich sehr darum, eine Art des örtlichen Kolorits zu erschaffen. Karl May schenkte sich selbst ein literarisches Leben, voll von Abenteuern und Heldentaten, die ihm in seinem alltäglichen Leben fehlten, denn bis zu seinem 66ten Lebensjahr hatte er Deutschland nicht verlassen. Er versetzte sich soweit in seine Romanfiguren, dass er sogar die Leserbriefe in ihrem Namen beantwortete.

In 1899 wurde der Betrug entdeckt, danach kamen Geschichten über frühere Vorstrafen des sächsischen „Indianerfreundes“ auf. Der Autor der 80 Bände wurde beim lebendigen Leibe aus der laufenden Literatur entfernt. Die Autoren-Kollegen wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Die letzten zehn Jahre seines Lebens, bis zum Tod in 1912 lebte May in einer mühseligen Lage der unendlichen Lebensprobleme, Gerichtsverhandlungen und dem Gehetze in der Presse.

 

Das Idol der deutschen Teenager

Die trivialen Romane Karl Mays nahmen im Bewusstsein der Deutschen einen ziemlich bedeutenden Platz ein. So oder so vergrößerte er den Bildungsraum der Nation. Wenn der deutsche Teenager seine Romane über die Abenteuer seiner Zeitgenossen im Osten und Westen las, bekam er einen Bezug zur Weltgeschichte.

Im Roman des expressionistischen Autors Leonhard Frank „Die Räuberbande“ (1914) träumen die 14-jährigen Jungs von Amerika. Sie vergeben sich Namen und Spitznamen ihrer Lieblingshelden. Ihre Bande wird von einem Hauptmann angeführt, der ehrenvoll Weißhäutiger Kapitän genannt wird. Unter seiner Führung veranstalten sie übermütige Streiche in ihrem provinziellem Städtchen, und sähen Angst und Horror über die ehrenvollen Bürger. Und vor den Jungs erscheint Amerika, wo sie zeigen werden, was die verwegenen Namensvetter Karl Mays Helden können.

Verwunderlich ist es, aber wahr: er begeisterte sogar solche Intelektuelle wie Einstein, Thomas Mann, Aleksej Tolstoi. Adolf Hitler vergötterte ihn und diese deklamierte Liebe zu ihm mündete darin, dass Mays Bücher nach dem Krieg nicht mehr gedruckt wurden. Er wurde in seiner Heimat erst Anfang der 80er Jahre rehabilitiert.

 

Die zweite Ankunft von Winnetou

In Sachsen geboren, nicht weit weg von Dresden, in dem ruhigen Radebeule, erlebte Winnetou in den 60er und 70er Jahren eine zweite Geburt dank der Verfilmung von Mays Romanen. Jeder weitere Film über Winnetou wurde zum „Blockbuster“. Die Westernfilme gingen durch die ganze Welt und überwandten sogar den „Eisernen Vorhang“. Auf der Leinwand liefen rothäutige Menschen in Kriegsbemalung und buntem Federkopfschmuck rum, es ertönte Pferdewiehern, Schüsse vermischten sich mit dem Aufschlagen der Hufe auf der Erde. Die Teenager auf beiden Seiten des Ozeans träumten den mutigen und ritterlichen Helden in den Lederanzügen, verziert mit Fransen, zu ähneln.

In 1985 ordnete der allmächtige Honecker an in Radebeule ein Museumshaus Karl Mays zu erschaffen. Die Türen der zweistöckigen Villa mit der Überschrift unterm Dach „Villa Shatterhand“ sind bis heute für alle geöffnet. Nachdem man die Kunstwerke der Dresdener Galerie und die wunderbare Schatzkammer der sächsischen Könige – Grünes Gewölbe – bewunderte, kann man 15 Minuten später mit der S-Bahn zum Holzzimmerung des amerikanischen Pioniers gelangen, der den Wilden Westen unterwarf und eroberte. Er steht hinter der Villa in den Tiefen des Gartens, Sie werden dorthin von den aufmunternden Tönen des „Country“ begleitet, und an den Stufen werden Sie von den indianischen Totemstauen begrüßt.

Neben dem Museum finden in Deutschland schon ein halbes Jahrhundert jährlich zwei Festivals statt, eine Art „indianische Show“ unter freiem Himmel. Der eine – nicht weit von Hamburg in dem Kurort Bad Segeberg, der andere – in der Heimatstadt von Angela Merkel in Templin, wo der Park „Der Wilde Westen“ erschaffen wurde.

Die Romane Karl Mays bleiben weiterhin Bestseller in seiner Heimat, denn der Leser findet heute etwas darin, was ihm im Leben fehlt, – Mut, Ehrlichkeit, Ritterlichkeit. Und der Durst nach Abenteuern kann aus dem Menschen nicht vertrieben werden.

 

Greta Jonkis (Köln)

Professor, Dr. Phil.

Mitglied des Internationalen PEN-Clubs

Aus dem Russischen von Yevgeniya Marmer

 

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Über IF: Greta Jonkis (Köln)

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