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Teju Cole, Open City

Wenn Paris die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts war, dann New York die des 20.

Hier pulsierte das Herz der westlichen Welt, hier war man dem Zeitgeist am nächsten, und – wir wissen es spätestens seit Frank Sinatra – wenn man es hier schafft, dann schafft man es überall.

 

New York war ein soziales, kulturelles und künstlerisches Labor, das vielen Amerikanern außerhalb der Stadt fremd war, und das für die Orte des gesamten Globus zum Mekka wurde, die nicht Provinz sein wollten. New York war der „melting pot“ der Kulturen, die sich zu einer wahren, d.h. globalen Modernität verschmelzten, die sich nicht auf künstlerische Avantgarden beschränkte: modern und demokratisch, kapitalistisch und himmelstürmend.

Seither ist der Glanz der Stadt, die nie schläft, etwas verblasst. Andere Metropolen der Welt sind größer, andere Wolkenkratzer höher, Kulturen mischen sich virtuell, und die Karawane der Kunst ist auseinander gelaufen und hat sich auf mehrere Orte der Welt verteilt. Ob es jemals wieder eine derartige Weltmetropole des Zeitgeistes geben wird, ist fraglich. Reale Orte sind in der Zeit der hyperkulturellen Medien ohnehin tendenziell zweitrangig. Der Nabel der Welt wird in Zukunft vermutlich im Nirgendwo sein.

Die westlichste aller westlichen Städte war die bevorzugte Kulisse und der Schauplatz für die Geschichten, Mythen und die Tragik der Moderne in Film und Literatur. Bis die Geschichte selbst im September 2001 in die City einbrach und alles durcheinander brachte. New Yorker, die als die optimistischsten aller Amerikaner galten, sagen, dass die Irritation geblieben ist und dass die Geschäftigkeit der Zeit danach nur die Unmöglichkeit zur Trauer übertüncht.

Trotz der massiven Beschädigung hat jedoch die Skyline von New York nichts von ihrer ikonografischen Kraft verloren – eine Qualität, die den neuen Megalopolen vollständig abgeht. Und wer träumte nicht einmal durch die Straßen Manhattans zu flanieren und nur zu sehen und zu staunen.

Genau das tut beneidenswerterweise der Held in Teju Coles Roman Open City. Stundenlang und beinahe täglich wandert Julius ziellos durch die Straßen, um sich von seiner anstrengenden Arbeit als Psychiater abzulenken. Aber eine merkwürdige Melancholie umgibt ihn. Staunen ist weniger seine Sachen, aber Sehen, genaues Beobachten und kluge Gedanken. Ein Strom des Bewusstseins und des Nachdenkens führt ihn durch die Stadt, gelegentlich trifft er auf Freunde, auf vorbildliche Lehrer und eine ehemalige Geliebte. Stupend ist sein Kunstverstand, sein Wissen; und eine gedankliche Nonchalance lässt ihn durch jene Aspekte unserer Jetztzeit wandern, die uns sagen können, was Sache ist.

Julius hat – wie der Autor – nigerianische Wurzeln, seine Mutter ist – anders als die des Autors – Deutsche, und Amerika in Gestalt der „Offenen Stadt“ ist für ihn ein menschenfreundlicher Ort. Anders als etwa Brüssel, in der eine längere Episode des Romans spielt, und in der neben schlechtem Wetter vor allem der Rassismus unangenehm auffällt.

Unwillkürlich fällt einem, wenn man sich den Protagonisten und den Autor als einen Mann vorstellt, der von den zwei Kulturen, in denen er aufgewachsen ist, ungemein profitiert, Obama ein. Obwohl dieser Roman in den letzen Jahren der Bush-Regierung spielt. Cole hat selbst in einem Interview diese Parallele gezogen und seiner Hauptfigur mehr Ähnlichkeit mit dem ersten schwarzen Präsidenten attestiert als mit ihm selbst.

Die Melancholie hat eine andere Quelle, d.h. eigentlich zwei. Zum einen ist sie ein Reflex auf die Ereignisse des 11. September, eine Tragödie, die bisher kaum treffend künstlerisch dargestellt wurde.

Tolstoi sagte, dass man etwa 10 Jahre brauche, um ein großes Ereignis literarisch zu bewältigen. Diese Zeit ist jetzt gekommen. Teju Cole stellt das Ereignis jedoch nicht in den Mittelpunkt seines Romans, aber es ist auf fast jeder Seite wie ein dunkler Schatten präsent. Die Stadt wird selbst zum Held, einem Held jedoch mit dunkler Vergangenheit. In Manhattan stößt Julius auf vergessene Gräber afrikanische Sklaven wie auf Zeugnisse der indianischen Ur-Bevölkerung. In einer Art Psychogeographie durchstreift Julius die Stadt und trifft endlich auf seine eigene dunkle Vergangenheit, die zweite Quelle der Melancholie, die hier nicht verraten werden soll.

In eine altmodisch, zarte Folie von Traurigkeit gehüllt, entfaltet sich das Erzählen mit dem gleichmäßigen Atem eines Spaziergängers, entwickelt einen vertrauten Sog, in dem man sich bereitwillig durch die Vielfalt der Stadt und des Lebens treiben lässt. Und man wünscht sich, dass das Buch nie enden wird.

 

Deutsch: Suhrkamp Verlag, 2012

Englisch: Random House, 2011

 

Geschrieben von Holger Schwenke

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