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Bad Nenndorf: die Chronik eines Widerstands

(Die Fotoreportage vom Ort des Geschehens)

Das klitzekleine Städchen Bad Nenndorf wird schon seit sieben Jahren am ersten Augustsamstag zum Schauplatz nicht scherzhafter Leidenschaften. Seit 2006 führen die Rechtsradikalen von der NPD hier ihre s.g. „Trauermärsche“ durch, indem sie in dichten Kolonnen zu dem ehemaligen englischen Kriegsgefängnis Wincklerbad marschieren, in welchem in 1945 die hochgestellten nazistischen Militärgefangenen inhaftiert wurden, die später in Nürnberg vom Kriegsgericht verurteilt wurden und die durchaus verdiente Strafe trugen.

 

 

 

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Das Gebäude des ehemaligen englischen Gefängnisses Wincklerbad.

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 Die Neonazis zählen sie zu ihren Helden und kommen an jedem ersten Augustsamstag zu den Mauern des ehemaligen Gefängnisses, um hier ihr „Trauermeeting“ abzuhalten.

 

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Man muss sagen, dass diese „Trauermärsche“ den Stadteinwohnern inzwischen ziemlich auf die Nerven gehen, die wegen den Neonazis und ebenfalls den ganzen „Protestanten“, die aus anderen deutschen Städten anreisen, an diesem Tag nicht ihr normales Leben führen können, denn das ganze Zentrum ist dicht umringt von Polizei- und Spezialeinsatzkräften.

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Ab Freitag, den 2. August, wenn die Stadt anfängt sich auf den Wiederstand gegen die braunen Kolonnen vorzubereiten, erinnert die Szenerie hier stark an einen Belagerungszustand – überall Pferde- und Fußpatrouillen, über der Stadt kreisen ständig Hubschrauber, die Stadteinwohner und –gäste hängen überall Plakate mit antinazistischen Sprüchen aus.

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Und am Samstag wurden alle Haustüren und Stadttore, aber auch das Zentrum von den Rechthütern komplett blockiert und abgeriegelt.

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Wir wollen anmerken, dass im Gegensatz zu den vorherigen sieben Jahren, in denen die Neonazis ihre „Trauermärsche“ vor dem frontalen Teil des Gebäudes des Ex-Gefängnisses durchführten, sie in diesem Jahr mittels eines Gerichtsbeschlusses „in den Hintergrund“ verschoben wurden, und ihre Demo hinter dem Komplex des ehemaligen Gefängnisgebäudes stattfinden sollte, während die antifaschistische Vereinigung „Bad Nenndorf ist bunt“ die Erlaubnis erhielt ihre Protestdemonstration vor der Gebäudefront durchzuführen.

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Selbstverständlich hat dieser Gerichtsbeschluss den Rechten nicht gepasst, die eine Appellation in das administrative Gericht in Hannover einreichten, in welcher sie eine „Vorbühne“ für sich und die Verlagerung der Demonstration der „Protestanten“ in den Hintergrund forderten. Als Folge der mündlichen Vereinbarung vom 27.07 wurde in der 10. Kammer des hannoverschen administrativen Gerichts bei unmittelbarer Beteiligung der gegenkämpferischen Seiten von dem Vorsitzenden Richter Reccius beschlossen, dass die Proteste zu verschiedenen Zeiten, aber beide vor dem Gebäude des Ex-Gefängnisses stattfinden sollen.

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Auto mit mobilen WCs ist am Ort des Geschehens nicht angekommen.

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Und hier die „rechte Kolonne“ am Horizont.

Dabei hätte die antifaschistische Demonstration um 14 Uhr beendet werden sollen, und die neonazistische hätte um 16 Uhr anfangen sollen, und um 20 Ihr hätten die Anhänger des Rechtsradikalismus die Stadt in Polizeibegleitung verlassen sollen.

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Zuerst verteilten die Polizisten an die „Protestanten“ Wasser…

Aber der Richter hat offenbar nicht die Erfahrung der letzten sieben Jahre der positionierten Kämpfe in diesem kleinen Kurörtchen beachtet. Nicht alle „Protestanten“ sind mit der Anwesenheit der Neonazis in der Stadt einverstanden und sind sogar bereit für den Kampf gegen die braune Krankheit einen ziemlich hohen Preis zu zahlen. Nach der Demo, und auch nach dem Marsch der Antifaschisten, an denen etwa 1700 Menschen teilnahmen, hat sich ein Teil der Teilnehmer an dem Platz eingefunden, wo einige Zeit später der berüchtigte „Trauermarsch“ der Neonazis hätte stattfinden sollen.

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Die Demonstration an einem anderen Platz wollten die sitzenden „Protestanten“ auf keinen Fall durchführen. Und das trotz der Warnung der Polizisten über die unausweichliche administrative Verantwortung für den Wiederstand gegen die Polizeibeamten.

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Trotz alle Gewaltandrohungen, und vieler Vorwarnungen, führten 200 junge und nicht so junge „Protestanten“ die Sitzblockade des von den rechten geliebten „Schauplatzes“.

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Nach vielzähligen Aufrufen die Versammlung zu beenden, und es war schon gegen 16 Uhr, fingen die Polizisten an die Teilnehmer des Sitzprotestes praktisch auf den Händen vom Platz wegzutragen, irgendwo weit weg hinter die Absperrungen… Nichtsdestotrotz, blieben die „Protestanten“ weiter ganz ruhig in der Sonne sitzen und dabei „Wir gehen nicht weg, wir bleiben!..“ zu rufen.

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Und währenddessen kamen von der anderen Seite der Polizeiabsperrungen und der Anhäufung von „Strafwagen“ die etwa 300 Neonazis mit ihren Standarten.

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Unter den lauten Schreien der Neonazis, die offenbar von der Blockade und dem Wegfall der Möglichkeit die Bewegung fortzusetzen enttäuscht waren, räumten die Polizisten weiterhin den Platz vor dem frontalen Teil des Gefängnisses, indem sie die „Protestanten“ einen nach dem anderen wegtrugen.

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Als der größte Teil der „Blockierer“ herausgetragen wurde, stellte sich heraus, dass etwa zehn Antifaschisten sich mit Metallklammern aneinander am Hals gebunden hatten. Den Ordnungshütern wurde klar, dass die neonazistische Demonstration unausweichlich scheitern wird und dass der Willen der „Protestanten“ sie, die Polizisten, dieses Mal überstieg und das Streben die Entscheidung des Gerichts den Platz den Nazis zu überlassen…

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Und ein bisschen weiter, auf dem gleichen Platz, haben sich ein Mann und eine Frau aneinander gekettet – sein Bein an ihrem Hals…

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Und noch weiter haben sich vier Antifaschisten aneinander gekettet, daneben noch drei.

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Die Neonazis waren gezwungen ihre improvisierte Demonstration auf der anderen Seite von den Polizeiautos durchzuführen, praktisch auf dem Hinterhof des Gefängniskomplexes.

Die Polizei hat auch was von ihren Sprechern abbekommen, da sie nicht im Stande war ihnen einen triumphalen Aufstieg auf die Vorbühne vor dem Gefängnis zu verschaffen, und der demokratischen Presse, zu welcher die Neonazis keine Beiworte auswählten…

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Also mussten sie sich aus der ihnen sich nicht unterworfenen Stadt ohne jegliches Ergebnis entfernen. Aber beim Abgang schrieen sie sehr laut. Übrigens, viele der Ausrufe, wie „Nationalsozialismus – jetzt, jetzt, jetzt!..“ erschienen uns nicht nur antikonstitutionell, sondern riefen auch zur gewalterfüllten Ablösung der Konstitution, was, eigentlich, nicht nur administrativ bestraft werden müsste, und was genaustens die Recht- und Ordnungshüter dieser Konstitution im Auge behalten müssen…

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Und die unbeugsame und stolze Stadt begleitete die sich zurückziehenden braunen Kolonnen mit bunten Plakaten und für die Neonazis unschönen Ausrufen hinaus.

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Fotoreportage von Vitalij Shnayder.

 

Aus dem Russischen von Yevgeniya Marmer

 

 

 

 

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Über Vitalij Shnayder

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