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„Menschen treffen sich, verlieben sich, heiraten…“

Und manchmal verlieben sie sich nicht, und treffen sich nicht, sondern heiraten einfach. Besonders oft geschieht das in Deutschland.

 

 

 Das Interesse am Hochzeitsthema ist in Deutschland ziemlich hoch. Es ist noch in Erinnerung geblieben, dass etwa ein Dutzend deutscher Fernsehkanäle live die Hochzeitszeremonie von Prinz William und seiner alten Freundin des Herzens Kate Middleton ausgestrahlt haben. Und, wahrscheinlich, klebten alles Hausfrauen des Landes (und, natürlich, nicht nur sie) innerhalb von sechs Stunden der Übertragung am Bildschirm, und beobachteten dieses, sagen wir mal ehrlich, langweiliges Ereignis. Ehrlich gesagt, meine russische Freundin und ich waren auch unter diesen Millionen Zuschauern. Und, mit englischem Tee und deutschen Keksen, versuchten wir Folgendes zu verstehen: „Womit zieht dieses langweilige Ereignis an, das auf der englischen Zimperlichkeit und Affektiertheit basiert, und wieso gucken wir das überhaupt?..“ Das zieht damit an, denn die Neugier zu dem Leben der „Reichen und Berühmten“ , aber auch an sich zum Leben „seines Nächsten“ – ein bekannter, aber, natürlich, dummer menschlicher Instinkt ist.

 

Heiraten… Deutschland

Übrigens, über eine meiner Freundinnen in Deutschland, Vera aus Sankt Petersburg. Ich habe sie in einem Deutschsprachkurs in der Stadt Friedrichshafen kennengelernt. Vera – die Frau eines wohlhabenden Deutschen, ist zum dritten Mal verheiratet. Ich habe noch zwei russischsprachige Freundinnen – Vera Nr. 2 aus Saratow und Elena aus Kiew, – für die ihre jetzigen deutschen Männer schon jeweils die dritten Ehemänner sind.

Wie man so schön auf Deutsch sagt, „Aller guten Dinge sind drei“. Im Fall meiner Freundinnen entspricht dieses deutsche Sprichwort nicht der Wahrheit – ihr Familienleben in Russland und in der Ukraine verlief nach dem Prinzip „etwas Gutes kann man nicht als Ehe bezeichnen“. Deswegen kann man sagen, dass sie alle von ihren ersten Männern (und den zweiten) genug hatten und deswegen heirateten sie in Deutschland, oder genauer gesagt, „Deutschland“…

Vera Nr.1 lernte ihren Günther ganz zufällig auf einer Straße in St. Petersburg kennen (der deutsche Unternehmer konnte nicht einfach an der attraktiven Flugbegleiterin vorbeigehen, und sagte sofort zu seinem Kollegen, der dabei war, Folgendes: „genau diese Frau wird auf jeden Fall meine Ehefrau!“). Ein Jahr später feierten sie ihre Hochzeit in Deutschland und jetzt kennt meine Freundin kein „Nein“: „Brabus“ für den Transport? Bitte schön! „Mercedes“ zum Geburtstag? Natürlich, mein Schatz! Und die Wohnung mieten wir, welche du willst. Willst du mit der Aussicht auf den Bodensee? Dein Wunsch ist mir Befehl…

Und andere meine Freundinnen suchten ihre Ehemänner über Partnerbörsen im Internet. Und um Liebe ging es hier überhaupt nicht – nur Berechnung. Und zwar von beiden Seiten. Weil ihre Männer auch schon viel Schlechtes auf der Welt gesehen haben „dank“ ihrer deutschen Freundinnen und Frauen. Denn die Emanzipierung in Deutschland wirkt sich manchmal in wilden und unerwarteten Formen aus…

Nicht selten findet alles folgendermaßen statt: der deutsche Mann versteht in irgendeinem Moment: „Irgendwie ist mir langweilig alleine. Und er entscheidet: „Ich muss eine Frau irgendwo aus Osteuropa „importieren“, oder besser aus irgendeinem Dritte Welt Land. Sie wird, wahrscheinlich, nicht sofort Deutsch sprechen lernen, wird alle Arbeiten zu Hause wortlos durchführen, weil sie von mit finanziell und moralisch zu 100% abhängig sein wird, und überhaupt werde ich wenigstens für irgendjemanden „König und Gott“.

 

Und viele von diesen ausländischen Frauen sind am Anfang froh, dass sie an den „Zarentisch“ des europäischen Wohlstands gelassen wurden. Einige „dienen“, so gut, sie können. Zuerst. Aber nachdem sie sich adaptieren und verstehen, dass die deutschen Ehemänner sie nicht einsperren, sich wegen Nichts nicht streiten und sie nicht schlagen, wie ihre vorherigen Ehemänner, dann – Hilfe!.. Wie die Praxis zeigt, sind einige von diesen Frauen nicht bereit zu zivilisierten und gleichberechtigten Beziehungen.

Womöglich überspitze ich mit einem großen Maß an Grausamkeiten. Obwohl, eine Freundin von mir – die Ehefrau eines Deutschen, die ihr Eheleben nach einem ähnlichem „Muster“ führt, hat zugegeben: „Mein Mann spricht mit mir überhaupt nicht. Ich weiß nicht, was auf seiner Arbeit geschieht, und er fragt mich auch nicht, was ich tagsüber mache. Und wozu brauche ich das auch – mit ihm sprechen?.. Isst das, was ich koche, sagt „Danke“ und gut ist. Was kann er mir Neues und Interessantes erzählen? Und seine Sprache mit Dialekt verstehe ich auch nicht so gut… Jeder von uns lebt sein Leben, jeder hat seine Sorgen und Hobbys. Wir haben einen Altersunterschied von 11 Jahren, aber ich hab das Gefühl, als wären es 30. Sein „Hobby“ ist schlafen, und ich will rausgehen, Menschen angucken, mich selbst zeigen. Hab ich etwa umsonst meine Dutzende Schuhe auf hohen Absätzen mitgebracht?! Scheint ja, doch…“

 

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Es gibt Glück. Es kann nicht sein, dass es das nicht gibt…“

In Deutschland kann alles auch anders passieren. Echte Liebe, Hochzeiten aus Liebe. Solch eine haben letztes Jahr die 28-jährige Natalja Frei und der 27-jährige Andrej Zyrjanov aus der kleinen Stadt Rottenburg, in der Nähe von Bremen, gefeiert. Sie gehören auch zu den Familien der Aussiedler aus Russland, sind aber schon in Europa aufgewachsen.

Die Liebesgeschichte dieses jungen Paares entwickelte sich auf eine andere, für Deutschland ziemlich typische Art. Die jungen Leute lernten sich in einer Freundesclique kennen, Donner und Blitz schlugen ein – das war Liebe auf den ersten Blick. Sie fingen an miteinander auszugehen. Ziemlich bald haben die Verliebten verstanden, dass sie sich abends nicht nach den tollen Dates verabschieden wollen. Andrej zog zu Natasha, da die junge Frau selbstständig in einer eigenen Wohnung lebte, während sie sich selbst durch ihre Arbeit als Stylistin versorgte. Der Junge studierte Ingenieurwesen und arbeitete am Wochenende als Barkeeper in einem Restaurant.

So lebten die jungen Leute mehrere Jahre zusammen und sparten für die Hochzeit. Und als sie genug gespart hatten – etwa zehn Tausend Euro – entschieden sie: es ist Zeit, wir müssen zum Standesamt gehen.

Sie heirateten standesamtlich im Frühling und eine große Hochzeit feierten sie Anfang Herbst. Und alles verlief so, wie es bei russischsprachigen Einwohnern Deutschlands stattfindet: Hundert Gäste, ein feierlich geschmückter Festsaal, Tische, die von den Speisen fast durchbrechen und sogar „Ach, was für eine Frau“ mit „Schwarzen Augen“ (alle unvergesslichen „Meisterwerke“ der russischen Pop-Musik und Schlager sind hier auch sehr gängig!)…

Geschenke waren dementsprechend sehr großzügig – von den Eltern bekamen der Bräutigam und die Braut jeweils ein Tausend Euro, und auch andere Verwandten meinten, dass Geld das beste Geschenk sei… So hatten die Frischverheirateten die Möglichkeit nach der Hochzeit ihre Flitterwochen auf Teneriffa zu verbringen, und eine größere und bequemere Wohnung zu mieten und, dementsprechend, teurer – damit die geplanten Kinder es hier schön und gemütlich haben…

Und, der Hochzeitsfeier ging auch eine für junge Leute traditionelle Handlung vor: der „Junggesellenabschied“. Auf Russisch würde das klingen, wie – Mädchentag und Jungentag. Ich weiß nicht, was am Vorabend der Hochzeit der Bräutigam Andrej mit seinen Freunden machten, aber dass die Mädels, angeführt von Natasha, richtig schön feierten – das kann ich bestätigen.

Überhaupt werden auf dem Junggesellenabschied verschiedene Tändeleien zugelassen: ziemlich betrunkene Freundinnen und Freunde der zukünftigen Eheleute gehen mit ihnen zusammen auf die menschenüberfüllten Straßen, tanzen, schenken Sekt in Plastikbecher aus und verteilen an die Passanten. Obwohl, manchmal verlangen sie dafür eine kleine Geldsumme und zwingen die Passanten dazu an verschiedenen lustigen Spielen teilzunehmen – z.B. durch ein im bunten Laken ausgeschnittenes großes Loch hin und her durchklettern, Seilspringen oder „Macarena“ tanzen. Weiblichen Passantinnen wird manchmal angeboten eine Art Brautschleier einer giftigen Farbe anzuprobieren – ähnlich, wie der, welchen die Braut und ihre Freundinnen schon tragen.

Also, wenn du im „Netz“ (und manchmal wortwörtlich) bei solchen „Eulenspiegel“ gelandet bist, dann wirst du sie nicht so einfach los – oder du bist gezwungen das zu machen, was sie dir „anbieten“, oder du musst dich erkaufen, indem du irgendeinen Schwachsinn kaufst, die solche „Kameraden“ immer dabei haben. Das kann ein „Chupa-Chups“ sein, oder eine Anstecknadel mit irgendeinem Sternchen des „Playboy“ in Unterwäsche…

 

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Motiv „zwei in eins“

Und in der Entstehungsgeschichte dieser Familie sind in einigem Maße die ersten beiden Entwicklungswege der „Ehe“-Ereignisse vereint: Bekanntschaft im Internet, ziemlich bald entschiedene „Heirat“-Frage, und dabei – bei großer Liebe…

… Eugen Schmidt und Anna Resnitschenko haben sich zufällig in den „weltweiten Computersozialnetzwerken“ kennengelernt, und nicht irgendwo auf einer speziellen Partnerwebsite, sondern auf… „Odnoklassniki.ru[1]“. Keiner von ihnen hatte zum Ziel sich bei diesem Sozialnetzwerk Bekanntschaften zu schließen, geschweige denn eine Beziehung… Aber, wie so oft, hat der Russland-Deutsche Eugen, der in dem Moment schon seit 15 Jahren in Deutschland lebte, gesehen, dass einer seiner Freunde ein Foto von Anna, einem Mädchen aus Karatschai-Tscherkessien, bewertete. Aus Neugier schaute er sich ihr Profil an. Das Mädchen gefiel ihm sofort. Er schickte ihr die erste Nachricht – bekam die Antwort sofort. Anja Resnitschenko, professionelle Fotokünstlerin und Designerin, verbrachte viel Zeit mit der Arbeit vor dem Computer…

So fing das Schreiben zwischen diesen beiden jungen Leuten an, das acht Monate lang dauerte. Und dann ist Eugen zu Anna in ihre Heimatstadt Tscherkessien gefahren.

– In echten kaukasischen Traditionen der Gastfreundlichkeit habe ich versucht ein interessantes „Exkursions“-Programm für meinen langersehnten „Prinzen“ aus Deutschland zu organisieren.– erinnert sich Anja jetzt. – Wir waren beinah im ganzen Kaukasus: bei den Honigwasserfällen (russ. Medovye vodopady), und in Dombaj, und in Jessentuki… Eugen selbst ist in Kasachstan aufgewachsen, dort ist eine ganz andere Natur und sind andere Sitten. Er wurde von der Schönheit und der Größe der kaukasischen Berge überwältigt, der Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Kaukasier… Obwohl Eugen nicht für lange kam, haben wir in dieser kurzen Zeit, die wir zum ersten Mal zusammen verbrachten, gemerkt, dass wir füreinander geschaffen sind…

Schon bald nach seiner Rückkehr nach Deutschland hat Eugen Anja eine offizielle Einladung geschickt, mit der Bitte einen „Antwortbesuch“ in dem Land, in dem er wohnt, zu machen. Dadurch hat das Mädchen ein Visum erhalten. Nach Ankunft in Deutschland wurden Anja ein Paar Tage gegeben, damit sie sich an die neuen Umstände gewöhnen kann, seine Eltern kennen lernen kann – damals die zukünftigen Schwiegereltern. Danach folgte eine zauberhafte Reise nach Italien, wonach die Verliebten entschieden, dass sie nicht mehr für lange getrennt bleiben möchten. Eugen hielt um Annas Hand an, worauf sie nicht nein sagen konnte – ihn heiraten und nach Deutschland ziehen. Sie konnte nicht nein sagen, obwohl sie etwas zu verlieren hatte. In Tscherkessien war Anna Resnitschenko schon zu dem Zeitpunkt eine berühmte Fotografin und hatte ihr eigenes Fotostudio. Dort waren ihre Eltern…

Anna und Eugen wurden in Russland vermählt und die Hochzeit wurde in Deutschland gefeiert. Jetzt sind sie Eltern des zweijährigen Nikita. Die Muttersorgen und –mühen kombiniert Anja sehr erfolgreich mit ihrer Lieblingsarbeit. Im Keller ihres eigenen Hauses, das ihre Familie mit Eugens Eltern teilt, ist ein professionelles Fotostudio eingerichtet, wo viele verschiedene Bilder und Fotomotive entstehen. Gott sei Dank ist Anjas Mama eine echte Handwerkerin, sie kann schöne Kleider nähen, die ihrer Tochter bei ihrer künstlerischen Arbeit helfen… Eugen hat auch eine gute Arbeit: in einem großen Unternehmen für Herstellung von Autoersatzteilen.

Die junge Familie hat eine Menge Pläne für die Zukunft, und sie werden zweifellos gemeinsam glücklich sein. Und alles fing mit einer zufälligen, zu nichts verpflichtenden, Nachricht in den sozialen Netzwerken an…

 

 

Also, irgendwie so…

…geschieht das alles ungefähr in Deutschland, genau dass „sie heirateten und lebten lange und glücklich“. Und es passiert auch, dass „sie nicht heiraten“, aber trotzdem „lange und glücklich leben“. Und es gibt auch, „heirateten“, aber lebten nicht lange zusammen und nicht glücklich… Es gibt viele Möglichkeiten, wie alles passieren kann, unabhängig vom Land.

 

Diana Revazova-Mayer, Aulendorf.

Foto von Lisa Ivleva.

Aus dem Russischen von Yevgeniya Marmer.



[1] Odnoklassniki (übersetzt „Mitschüler“) ist ein russisches Online-Kontaktnetzwerk, das den Nutzern ermöglicht Benutzerprofile mit vielfältigen Angaben zur eigenen Person, Fotos, Gruppen, Foren usw. einzurichten (aus Wikipedia).

русская православная церковь заграницей иконы божией матери курская коренная в ганновере

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