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Integrationszentrum Mi&V e.V. – Mitarbeit und Verständigung

Mein Führerschein

Es gibt leichte und es gibt schwierige Sachen. Wenn uns etwas leicht gelingt, ist es für uns oft selbstverständlich. Wir vergessen schnelle Erfolge und schätzen die Dinge, die uns große Mühe kosteten.

Mit 40 entschied ich mich, den Führerschein zu erwerben. Warum? Erstens, weil ich in Deutschland lebe und hier fast jeder ein Auto fährt. Zweitens, es ist so verlockend in ein Auto zu steigen und irgendwohin zu fahren. Drittens, ich wollte endlich etwas ganz Neues dazulernen. Meine beiden Kinder und mein Mann waren von dieser Idee begeistert.

 

So ging ich zu einer Probestunde. Der Fahrlehrer war ein überaus freundlicher, älterer Mann. Sofort erzählte er mir, dass er aus Bayern komme, schon 35 Jahre Fahrlehrer und verheiratet sei und Enkelkinder habe. Durch die lockere Atmosphäre erschien mir die ganze Sache schon fast erledigt. Am nächsten Tag kurz vor dem Unterricht schloss ich den Vertrag in der Fahrschule. Diese Arbeit erledigte die Frau des Fahrlehrers, die nett aber sehr hässlich war. Ich wundere mich immer noch wenn ich gut aussehende Männer mit hässlichen Frauen sehe.

Zurück zur Fahrschule. Eigentlich bereitete mir die Theorie keine Probleme. Die einzige Sache war, dass alle anderen in der Gruppe lauter 17 oder 18-jährige Teenager waren. Schlimm war es am Samstag, als ich den Erste-Hilfe-Kurs besuchen musste. Er dauerte unglaublich lang – 7 Stunden. Ich war es nicht mehr gewohnt, 7 Stunden lang in einer Klasse zu sitzen. Die Jugendlichen hingegen saßen so still wie Soldaten am ersten Tag ihres Dienstes. Der Kursleiter erzählte uns so viel über die Gefahren, die uns auf den Straßen erwarten und über die Verantwortung, die wir tragen werden, dass ich auf einmal dachte: „Vielleicht ist es besser nicht anzufangen?!“ Endlich war alles vorbei und ich erhielt eine Bescheinigung.

Es war ein wunderbarer Frühlingstag, als meine Fahrstunden begannen. Gerade an diesem Tag zog meine Nachbarin aus. Sie hatte 30 Jahre lang in dem Haus gewohnt, zuerst nur mit ihrem Ehemann, dann zu viert mit ihren zwei Söhnen. Nach dem die Söhne erwachsen waren, zogen die Männer einer nach dem anderen weg.

„Warum ziehen Sie jetzt aus?“ fragte ich überrascht.

„Hier ist es wunderbar, aber die Wohnung ist jetzt zu groß für mich. Mein Traum ist seit langem eine Wohnung mit Garten.“

Es ist ihr Recht, ihren Traum zu verwirklichen. Das ist doch wunderbar, wenn man den Mut hat, das Leben zu ändern. Innerhalb von zwei Wochen war die schöne Wohnung unbewohnbar und tot: die Tapeten wurden abgerissen, die Teppiche weg. Frau J. und ihre zwei Söhne hatten in dieser Wohnung fast ihr ganzes Leben lang gewohnt. Jetzt zerstörten sie ihre Welt mit eigenen Händen. Und alles wegen einem zukünftigen, noch fraglichen Glück? Wird es aber tatsächlich besser?!

Es war Frühling. Der Frühling in Deutschland ist wirklich einzigartig. Wenn man dieses prachtvolle Fest der Natur, blühende Bäume und Blumen sieht und das alles mitten in der Stadt, fühlt man sich schon heiter. Ich fuhr Hügel hinauf und hinunter, in kleine Städtchen und verwunschene Örtchen, in denen ich vorher nie war. Es war spannend, aber zunächst hatte ich Schwierigkeiten, das Auto zu steuern. Mit der Zeit ging es wie von selbst.

Die Autobahn zu benutzen war nicht leicht. Langsames auffahren, Beschleunigung, einfädeln, zügige Fahrt, langsamer werden, abfahren – ein Bild über den Verlauf unseres Lebens. Am schwierigsten war es abzuschätzen, was ich in der nächsten Sekunde tun musste. Noch dazu zwang mich mein Fahrlehrer dazu, andere Autos zu überholen.

Er blieb wie früher nett, doch während der Stunde beschäftigte er sich immer mit anderen Dingen. Er aß sein Mittagessen, blätterte die Zeitungen durch und telefonierte dauernd. Es ging oft um Gerichtsverfahren und Unterhaltskosten für sein Kind. Es war bei ihm nicht alles so einfach, wie er nach außen zeigen wollte. „Ich bin da, ich kontrolliere alles. Du sollst doch selbstständig fahren!“, sagte er immer, als ich ihn auf seine Probleme ansprechen wollte. Ich ärgerte mich schon allein, weil ich hohe Rechnungen bezahlen musste.

Mittlerweile waren alle theoretischen Stunden vorbei und ich konnte nun die Prüfung in der Theorie ablegen. Vor mir lagen viele Bogen mit unendlich scheinenden Fragen: verwirrende Verkehrssituationen, mit und ohne Ampeln, Bremswegformeln, Geschwindigkeitsangaben und so weiter. Das schlimmste war, dass unvollständig beantwortete Fragen als falsch bewertet wurden.

Trotz früherer Bearbeitung der Fragebögen blieb ich beim letzten Versuch, die Testfragebögen zu beantworten, unterhalb der notwendigen Punktzahl. Jetzt hatte ich nur noch einen Abend vor der Prüfung. Mein Plan war, noch mal eine Frage nach der anderen durchzusehen. Bis 12 Uhr nachts schaffte ich nur knapp die Hälfte. Da ich schon todmüde war, ging ich schlafen. Ich wollte morgens früh aufstehen und weiter arbeiten. Aber würde ich rechtzeitig aufwachen – um 5 Uhr ?

Es klappte. Und -zu meiner Verwunderung – hat ich bis 8 Uhr alles geschafft. Ich bestand die Prüfung – fehlerlos!

Ich war selbst wirklich überrascht. Für mein Gefühl hatte ich jetzt schon fast alles hinter mir und begann lustvoll ein Auto zu suchen. Es sollte klein, schön, hochwertig, aber auch preisgünstig sein. Und es sollte schnell geschehen. Zunächst dachte ich an ein neues Auto von einer nicht so bekannten Firma wegen der günstigen Preise. Trotzdem kamen sie mir zu hoch vor. Nach einigen Überlegungen entschied ich mich für einen gebrauchten Wagen einer deutschen altbewährten Automarke. Ich wollte Automatikbetrieb haben.

Zu meiner Überraschung gab es nur sehr wenige von diesen Autos.

Ich suchte jeden Tag im Internet. Die besten Angebote gingen schnell weg. Im Gegensatz zu Frankfurt waren die Preise in kleineren Orten deutlich niedriger.

Aber einmal hatte ich Glück: ich war die Erste und kaufte das Auto sofort.

Auf den ersten Blick verliebte ich mich in einen blauen geräumigen Corsa. So hatte ich mir mein Auto immer vorgestellt – wie ein großes zuverlässiges Tier. Die Vorbesitzerin hatte es kaum gefahren, es war wie neu. Am nächsten Tag besorgte ich mir einen Parkplatz. Hier wurde das Auto hingebracht. Ich ging rund herum und glaubte meinen Augen nicht, so perfekt und wunderbar war alles. „Warte auf mich, bald darf ich fahren“, sagte ich.

Ich hätte das Auto gern meiner Nachbarin gezeigt, aber sie war schon weg. Ihre Wohnung stand immer noch leer. Für mich war es unbegreiflich, dass eine so große, gut geschnittene Wohnung monatelang leer stand.

Nach ein paar Monaten waren die obligatorischen Fahrstunden vorbei. Es war Sommer, die Sonne schien blendend hell, als wir über die Straßen fuhren. Im Prinzip konnte ich bald die praktische Prüfung ablegen. Ausgerechnet jetzt nahm mein Fahrlehrer einen zweiwöchigen Urlaub. Danach war ich im Urlaub. Nach dieser langen Pause brauchte ich eine gewisse Zeit, um wieder gut fahren zu können.

Mein Lehrer änderte sein Verhalten: er fand mehr und mehr Fehler bei mir und verlangte, dass ich noch mehr Fahrstunden nahm. Zufällig – beim Einkaufen – traf ich eine andere Fahrschülerin von Herrn S.

„ Er ist furchtbar“, klagte sie. „Er zwingt mich immer wieder Stunden zu nehmen“. Sofort dachte ich, das heißt, ich bin doch nicht so schlecht!

Endlich kam der Prüfungstag. Ich erinnere mich, dass ich von Anfang an ganz nervös war. Im Auto war es heiß, die Sonne blendete und alles ging schief. Nach 20 Minuten Fahrt war die Prüfung vorbei – nicht geschafft! Während der Prüfung war der Fahrlehrer so kalt und fremd, als ob er mich das erste Mal sähe. Er schien eher zufrieden zu sein, dass die Prüfung bei mir nicht geklappt hatte.

Zu Hause fühlte ich mich so traurig. Es war mein erste große Niederlage seit vielen Jahren (bis dahin hatte ich alle möglichen Prüfungen bestanden und zwar leicht) und ich war stinksauer. Aber ehrlich zu sagen, es war gerecht. Ich war so unsicher und machte dumme Fehler. Warum?!

Ich wollte nicht mehr mit Herrn S. fahren, denn ich war einfach zu enttäuscht!

Aber ich musste mich mit ihm noch einmal treffen, um meine Unterlagen zu bekommen. So einfach in eine andere Fahrschule zu gehen, war nicht möglich.

Mein neuer Fahrlehrer wurde Herr L.- von einer anderen Fahrschule. Als ich ihn sah, kam meine Hoffnung langsam zurück. Herr L. war im selben Alter wie Herr S., aber sein Gesicht strahlte viel mehr Würde aus. Er war ernsthaft bei seiner Arbeit und drängte mich nicht, eine Stunde nach der anderen zu nehmen.  

Seine Gelassenheit überwältigte mich. So sagte ich mir: „Nimm dir doch ein bisschen Zeit!“

So verging der Winter. Anfang des Frühlings war die Prüfung. Ich stieg ins Auto und stellte mich vor. Der Prüfer sah sich meine Daten an, stutzte ein bisschen bei meinem Geburtsland, las laut mein Geburtsdatum vor, schien zu denken: “Oma macht den Führerschein – könnte gefährlich werden.“ Ich spürte die Nervosität des Fahrlehrers, obwohl er sie nicht zeigen wollte. Mein Eindruck war, dass er den Prüfer immer wieder ablenken wollte.

Während der Fahrt schaute ich auf die Uhr. 20 Minuten vorbei – Gott sei Dank, 35 Minuten – fast geschafft! Am Ende wurde ich kurz aus dem Auto geschickt. Ich wusste nicht, ob ich die Prüfung bestanden hatte und konnte nichts am Gesicht des Prüfers ablesen. Zum Glück, endete alles gut! Alle wirkten entspannt und locker. Der Prüfer überreichte mir das kleine Kärtchen mit meinem Namen und Foto – meinen Führerschein – und sagte dabei: “Bitte langsam! Zuerst lieber nur zum Aldi fahren!“

Ich war stolz und überglücklich: fast ein Jahr hatte ich auf diesen Moment gewartet.

Als ich nach Hause kam, sah ich, dass die Tür der benachbarten Wohnung weit geöffnet war: dort arbeiteten Leute. Langsam brachten sie Leben in die Räume. Fast einen Monat dauerte die Renovierung. Dann zog eine fünfköpfige Familie in die Wohnung.

„Guten Tag, neue Nachbarn“ oder besser „Saljam Aleikum!“

Lieber Leser, möchten Sie mich fragen, was ist nun mit dem Autofahren?

Es dauerte noch ein paar Monate, bis meine Ängste vor dem Autofahren weniger wurden, und noch ein paar Monate, bis ich lockerer fuhr. Heute fahre ich ab und zu Auto und sicher – es gefällt mir. Trotzdem bin ich kein Fan davon. Es gibt so viele andere Fortbewegungsarten. Es gilt auch hier – wie immer im Leben – beweglich zu bleiben.

 

Lina Zasepskaya

русская православная церковь заграницей иконы божией матери курская коренная в ганновере

Über Lina Zasepskaya, Frankfurt

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