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Die Kuriositäten der Welt des Geldes

Teil I.

Für die riesige Menge des Notgeldes (Geldersatz) ist der darin eingehauchte künstlerische Sinn sehr wichtig. Denn unter den Inflationsbanknoten Deutschlands des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts gibt es viele, dessen Darstellungen bei einem Menschen, der von der örtlichen Folklore keine Ahnung hat, nur Fragen erwecken würden. Urteilen Sie selbst: was würden Sie denken, wenn Sie einen Geldschein in der Hand hielten, der z.B. eine Person abbildet, die ihr „kleines Geschäft verrichtet“? Oder ein Witzbold, der schamlos sein Hinterteil präsentiert? Die Anwesenheit solcher Bilder auf Zahlmitteln scheint mehr als komisch, oder sogar komplett unsinnig. Aber nur bis zu dem Zeitpunkt, bis klar wird, dass hinter solchen künstlerischen Entscheidungen sich z.B. eine interessante Legende, ein Mythos oder einfach ein lustiger Streich verbirgt…

 

Das Kobermännchen von Sangerhausen

 

In einem biblischen Sprichwort heißt es, dass Tausende verschiedener Dämonen Luzifer dienten. Dort stand es genauso geschrieben – „ihr Name – Legion“. Aber dem Herrscher der Dunkelheit unterstanden nicht nur böse Geister. Ihm dienten auch Hexen und Zauberer. Und nicht selten auch Menschen in seiner Knechtschaft. So einem armseligen Menschen in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde eine Serie des Notgelds gewidmet, die ihr Licht in Sangerhausen – einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt, erblickte.

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Bild 1. Sangerhausen – 50 Pfennig von 1921

 

In dem s.g. Neuen Schloss in Sangerhausen wird den Besuchern unbedingt die nicht besonders ins Auge fallende Holzfigur eines Mannes mit einem Korb hinterm Rücken auffallen. Im Volksmund wird er Kobermännchen genannt. Seltener hört man den Spitznamen Graues Männchen. Zu seinem Ehren werden im September sogar Feste gefeiert, die von einer Menge Menschen besucht werden. Das ist eine Art Stadtfest. So heißt es auch – Sangerhausener „Kobermännchenfest“.

Die Erscheinung der geheimnisvollen Gestalt in den Wänden des Neuen Schlosses wird auch in den städtischen Traditionen mit bösen Mächten verbunden. Der zukünftige Besitzer des Schlosses soll angeblich den Herren der Unterwelt um finanzielle Hilfe gebeten haben. Es ist nicht klar, ob er ihm dafür seine Seele verpfändete oder dem Fürsten der Dunkelheit eine andere Seele versprach. Es ist nur bekannt, dass ihm Satan das Geld mittels eines Boten übergab. Einer Version zufolge war die Vertrauensperson des Teufels entweder ein Kobold oder ein Gnom. Diese werden des Öfteren in den Märchen und Legenden Deutschlands erwähnt.

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Bild 2 Sangerhausen – 5 Pfennig von 1921

 

Gemäß einer anderen brachte ihm irgendein Bauer das Geld in einem Korb für Lebensmittel. Womöglich war er ein Sündiger und leistete seine Strafe ab, indem er Satan diente. Warum sollte man sonst den bösen Mächten helfen… Also war dieser „Teufelsbote“ wohl das Kobermännchen. Und die örtlichen Volkskundeforscher sind sich sicher, dass die Figur des grauen Männchens einen ganz gewöhnlichen Bergarbeiter zeigt. Und das erklären sie dadurch, dass ein Teil der Mittel für den Bau der Residenz der Stadtführer seinerzeit von den Bergmännern stammte.

Übrigens, Gott bewahre Sie davor diese provinzielle Berühmtheit zu beleidigen. Das Graue Männchen verzeiht so etwas nicht. Ein Unglücklicher hat ein Mal über ihn böse gescherzt. Und das Kobermännchen fing plötzlich an vor den Augen aller größer zu werden. Er wurde größer und größer, bis es mit seinem Lockenkopf die Decke erreichte. Danach verpasste es dem Scherzmacher so eine Riesenohrfeige, dass dieser zu Boden fiel und sich lange nicht mehr von seiner Ohnmacht aufraffen konnte. Und der blaue Fleck vom Schlag blieb fürs ganze Leben.

Der Teufel und seine Großmutter

Der Regensburger Dom (auch: Kathedrale St. Peter) ist der Ort der letzten Ruhestätte religiöser Persönlichkeiten der Vergangenheit. (Solche z.B. wie der Bischof Georg Wittmann (1760-1833)). Dabei verbleiben die verzierten Gräber wunderbar unter einem Dach mit Steinstatuen derer, mit denen sie noch im Leben einen unaufhörlichen Kampf führten. Und die berühmtesten „dämonischen Bewohner“ dieser katholischen Kirche sind zweifellos der Teufel und seine Großmutter!

Heute kommt keine Führung in dieser berühmten gotischen Kirche ohne die Demonstration der kleinen mittelalterlichen Skulpturen aus, von der Größe einer zusammengerollten Katze. In der Kirche werden regelmäßig spezielle Führungen mit dem Namen „Zu Teufels Großmutter“ durchgeführt. Die modernen Reiseführer der Stadt Regensburg empfehlen bei der Besichtigung der Kathedrale St. Peter eine Taschenlampe mitzunehmen. Sonst wird es nicht leicht sein die „bösen Mächte“ im dichten Halbdunkeln des Doms zu finden.

Nicht viele wissen, dass, wie es sich herausgestellt hat, es noch wahrhaftig einzigartige Münzenausprägungen der erwähnten dämonischen Wesen gibt. Sie befinden sich auf dem Metallnotgeld von Regensburg auf 50-Pfennig-Münzen von 1918.

 

Bild 3. Regensburg – 50 Pfennig ohne Datum – der Teufel aus dem Regensburger Dom

 

Interessant ist, dass diese Münzen angeblich ausschließlich für die Bezahlung in den Stadtbahnen geprägt wurden. In Wirklichkeit aber, wurden mit der Ausgabe dieser Zinktokens gleich zwei Ziele erreicht. Erstens, die Situation der Stadtkasse in dem nach dem Krieg verarmten Land wurde mit einer gewechselten Münze besser. Und zweitens, wurde gleichzeitig eine unaufdringliche, jedoch wirksame Werbung der örtlichen Sehenswürdigkeiten betrieben.

Die Einzigartigkeit dieses Notgelds besteht nicht nur darin, dass es solche Motive nur sehr wenige in der Numismatik[1] gibt, sondern auch darin, dass man ohne Mühe sogar die kleinsten Details auf den Abbildungen erkennen kann. Während die Originale schon längst recht elendig aussehen. Die Zeit hat ihre Horrorbilder nicht geschont. Beim Teufel kann man z.B. auf dem Token erkennen, dass eines seiner Flügel schwimmhautähnlich, wie beim Drachen, ist, und das andere ist vom Adler. Er hat Vogelbeine mit großen Klauen. Und der Körper ist bedeckt mit Schuppen. Man sieht sogar, dass seine leicht zerzausten Haare nach hinten gekämmt sind. Ähnlich sieht die Situation mit der Darstellung der Großmutter aus. Die letztere ist eingehüllt in einen Umhang mit einer Kapuze, wie bei den Kapuzinermönchen. Ihre Zunge hängt heraus und der Körper endet mit einem Drachenschwanz. Außerdem ist gut zu sehen, dass beide Figuren in eine Art Nischen unter Steinbaldachins sitzen.

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Bild 4. Regensburg – 50 Pfennig ohne Datum – Die Großmutter des Teufels

 

Niemand weiß, mit welchem Ziel diese Skulpturen in der Kathedrale aufgestellt wurden. Deswegen wird darüber gemunkelt, dass während des Gottesdienstes die Dämonen aufmerksam die Betenden beobachten. Und wenn jemand dem Priester nur halbwegs zuhört oder gar nicht, dann werden sie auf jeden Fall eine Möglichkeit finden den Schuldigen zu bestrafen. Wenn man den Legenden Glauben schenkt, dann wird dem Teufel und seiner Großmutter beim Fronleichnamsfest erlaubt auf die Türme der Kathedrale zu klettern und die Massen der gläubigen Menschen, die in die Kirche strömen, zu beobachten.

Übrigens, in der Verzierung des Tempels gibt es noch eine interessante Abbildung von Beelzebub. Es befindet sich auf dem Dach, in unmittelbarer Nähe von der Spitze einer der Türme, und ist ausgeführt in der Form eines Wasserabflusses. Das Motiv dieser Darstellung zeigt buchstäblich eine weitere Legende der Kathedrale: einer der Architekten war sehr verliebt in ein Mädel, die ihn ebenfalls liebte, aber dann betrog. Als er das erfuhr, verfluchte er sie, wonach die Betrügerin von Luzifer verschleppt wurde und zum Kahlen Berg gebracht wurde. Dieser Moment ist hier in Stein gemeißelt.

 

Der Märchenbrunnen

 

Auf dem Inflationsschein von Düsseldorf mit dem Wert in Höhe von fünf  Millionen Mark von 1923 ist ein überaus interessantes Objekt abgebildet. Dieser berühmte Märchenbrunnen zierte mehr als 90 Jahre den zentralen (Palast-) Park der Hauptstadt des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Seine Geschichte fing in 1904 auf dem Pariser Kunstsalon an. Das Werk des talentierten französischen Bildhauers Max Blondat (1872-1925), das nicht wenige Preise auf Ausstellungen Europas und Amerikas gewann, lockte die Aufmerksamkeit der Kunstkenner auf sich. Denn Interessenten das prämierte Modell (Originalname „Jugend“ (frz.: „Jeunesses“)) gab es so viele, dass der Autor sich einverstanden erklärte noch einige Duplikate herzustellen. So wurden die „Doppelgänger“ dieser wundervollen Skulpturenanordnung in den folgenden drei Jahren im amerikanischen Denver, im französischen Dijon und im schweizerischen Zürich errichtet. Noch ein Duplikat gelangte in das Zaren-Russland, nach Odessa. Seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts steht die Fontäne, die von den Stadtbewohnern als „Die Kinder und der Forsch“ bezeichnet wird, neben dem Gebäude des Englischen Clubs.

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Bild 5. Düsseldorf – 5 Millionen Mark von 1923

 

Aber gerade in Düsseldorf befindet sich die erste Fontäne von Blondat, die von dem Finanzberater Hermann Schult für die Stadt erworben wurde, und am 16. November 1905 eröffnet wurde. Jedoch befindet sich heute das Original (aus italienischem Marmor) im Stadtmuseum. Weit weg von Vandalen, die dieses Meisterwerk der Epoche der Moderne während eines ganzen Jahrhunderts nicht schonten. Im Stadtpark steht seit 1998 die Kopie aus Muschelkalk, und die Kinderfiguren wurden wegen des Schutzes gegen den Vandalismus aus Bronze gemacht (bei Blondat waren nur die Frösche aus Bronze). Interessant ist, dass alle fünf erwähnten Fontäne-Skulpturen besondere Merkmale aufweisen. Z.B. sind bei der deutschen Fontäne drei Frösche. Die ukrainische hat nur einen. Und die dekorative Ausarbeitung des Steins ist überall verschieden.

Die Märchenfontäne von dem Fünf-Millionen-Schein – die Eleganteste von allen. Der Stein, auf dem die Kinder sitzen, ist wie von Moos bedeckt, die feuchten Büschel dessen, wie Stalaktiten herunter hängen. Die Kinder sitzen eng aneinander und beobachten, wie verzaubert, die Reptilien, die sich auf dem gegenüberliegenden Ende des Beckens befinden. Und die Frösche, ohne die Kinder zu beachten, sprühen aus den offenen Mäulern Wasser. Ist doch fast wie die Illustration des Märchens von Grimm über den Froschkönig!

 

Belohnung für das Schweigen

 

Ein ziemlich interessantes Bild – ein stattlicher Mann auf einem weißen Hengst – schmückt das Notgeld der Stadt Oldenburg im Wert von 50 Pfennig von 1921. Dabei fällt sofort ins Auge, dass der Schwanz und die Mähne des Pferdes unglaublich lang sind. So lang, dass die Mähne, sogar geflochten, bis zur Erde reicht!

Diese Darstellung wurde von einer Gravur von 1793 kopiert, die den Grafen Anton Günther von Oldenburg und Delmenhorst (1583-1667) – Fürst Oldenburg der Zeiten des Heiligen Römischen Imperiums, darstellte. Er war eine sehr berühmte und äußerste beliebte Persönlichkeit zu seiner Zeit. Ein Historiker sagte über ihn Folgendes: „…ihm fehlte nur ein Königreich, um ein großer König zu werden“. Der Graf leistete viel für die Blüte seiner Stadt. Nur dank seinen diplomatischen Mühen, wurde Oldenburg nicht in den Dreißigjährigen Krieg einbezogen. Neben all dem anderen liebte der Graf Kunst und gute Pferde und in den besten Zeiten gab es in seinen Ställen mehr als zwei Tausend. Dabei verschenkte der Fürst sie nach links und nach rechts, wodurch er ziemlich nützliche Beziehungen mit den Starken dieser Welt knüpfte. Und seine Arbeit mit den Pferden war ein Meilenstein für die in der Vergangenheit berühmte Oldenburger Pferdezucht.

Die Gravur mit dem berühmtesten Portrait des Grafen Anton Günther wurde von seinem Zeitgenossen, dem taubstummen Maler Wolfgang Heimbach, geschaffen. Und verewigt wurde der Graf auf seinem Lieblingspferd namens Kranich.

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Bild 6. Oldenburg – 50 Pfennig von 1921

 

Bekannt ist, dass es ein sehr schönes und reinrassiges Tier war. Auf dem Kranich ritt der Fürst ausschließlich an großen Festen aus, wenn er festliche Prozessionen anführte. Zu solchen Ereignissen gehörte z.B. sein Ritt zu seiner Braut – Sophie von Holstein.

Die unglaublich lange Mähne und der Schwanz bei dem Pferd auf dem Bild sind keine Laune des taubstummen Malers. Kranich hatte tatsächlich eine Guinnessbuch-rekordverdächtige Mähne. Wenn man den zeitgenössischen Zeugenaussagen glaubt, hatte die Mähne des Grafen-Hengstes eine Länge von sieben Ellen*. Umgerechnet vier Meter! Jedoch war der Schwanz des Tieres noch länger… neun Ellen. Und das sind wirklich unfassbare fünf Meter und 20 Zentimeter!

Es gibt eine Legende, die auf überaus interessante Weise das Auftauchen von Kranich in den Ställen des Grafen erklärt…

Ein Mal nachts, als der Graf von einer weiteren Reise zurückkehrte, kam er vom Weg ab und kam zufällig zu einer sehr gut maskierten Werkstatt von Münzenfälschern. Aus Angst vor der Entlarvung, haben sich die Schwindler sofort entschieden den adeligen Herren zu töten. Jedoch konnte der Graf die Räuber davon überzeugen ihn nicht zu töten, denn sonst würde ein großes Unheil über sie kommen. Den verschwundenen Grafen würde man schon bald suchen und höchstwahrscheinlich den Unterschlumpf der Münzenfälscher entdecken. Die Verbrecher haben den Argumenten zugestimmt und haben den ungewollten Gefangenen gehen lassen. Aber haben sie ihn versprechen lassen, dass er bei keinen Umständen deren Versteckort verrät. Der Graf hielt sein Wort. Und viel später bekam er als Geschenk von Unbekannten den schönen Kranich.

Heute kann man das Portrait des Grafen Anton Günther rittlings auf Kranich an der Wand eines Hotels in Oldenburg**, das zu seinem Ehren benannt wurde, sehen.

 

 Aus dem Russischen von Yevgeniya Marmer

Anmerkungen:

 

* Elle – eine Längenmaßeinheit, die in alten Zeiten weit verbreitet war. Die Oldenburger Elle betrug umgerechnet etwa 58 cm.

** Das Hotel „Graf Anton Oldenburg“ wurde 1682 gebaut. In 1894 wurde er größtenteils restauriert. Adresse: Langestraße 76 (in der Fußgängerzone).

 

 



[1] Münzenkunde (Anmerkung des Übersetzers)

русская православная церковь заграницей иконы божией матери курская коренная в ганновере

Über Rolf Meisinger (Mannheim)

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