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Guten Tag, Freunde! oder, Deutschland – meine Liebe…

Brief an die Redaktion.

Schon seit vielen Jahren ist das Gedicht „Die (vielen verschiedenen) Deutschlands“ von Marina Zvetajewa, das am 1. Dezember 1914 in Moskau geschrieben wurde, – eines meiner Lieblingsgedichte. Es zwingt die Leser aus vielen Ländern dazu sich über die nationale Frage Gedanken zu machen, ihre Beziehung mit dem weisen und schönen Deutschland, das man immer wieder gerne besuchen möchte, zu überdenken… Man will förmlich den Satz „Deutschland – meine Liebe!“ der Dichterin wiederholen.


Du wurdest der Welt zur Hetzerei übergeben,
Und deine Feinde kann man nicht zählen,
Ja, wie kann ich dich denn verlassen?
Ja, wie kann ich dich verraten?
Wo soll ich gesunden Verstand herholen:
„Auge um Auge, Zahn um Zahn“,
Deutschland – mein Wahnsinn!
Deutschland – meine Liebe!
Ja, wie kann ich dich zurückweisen,
Mein so gehetztes Vaterland?
Wo immer noch in Königsberg
Das schmale Gesicht von Kant auf den Straßen zu sehen ist,
Wo ein neuer Faust erschaffen wird
In einer anderen vergessenen Stadt – 
Von Geheimrath Goethe, 
der mit einem Spazierstock in der Hand
 durch die Alleen spazieren geht.
 
Ja, wie kann ich dich verlassen,
Mein deutscher Stern,
denn nur halb lieben
kann ich nicht,  - wenn, -
- von deinen Liedern begeistert -
Ich nicht die Spornen der Leutnants höre,
Wenn mir der heilige Georg heilig ist,
In Freiburg, auf dem Schwabenthor?.
Wenn mich die Wut auf den Kaiser,
der so hoch hinauf stieg, nicht quält,
Wenn ich dir, Deutschland,
 meine unsterbliche Liebe schwöre.
Es gibt niemanden Zauberhafteren, niemanden Weiseren,
als Dich, ambrosisches Land
Wo Lorelai ihre Goldlöckchen 
Über dem ewigen Rhein kämmt.

Wollen wir uns erinnern, dass im sowjetischen Minsk noch in 1972 ein Konsulat der DDR eröffnet wurde. Die ersten direkten Kontakte zwischen den Vertretern der obersten Regierung der BRD und der Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik fanden in den 1990er Jahren statt: nach der Gründung des 12. Obersten Sowjets der BSSR und der Ernennung des neuen Kontingents des Ministerrats, war eine der Hauptaufgaben der Republik Belarus auf dem internationalen Niveau die Mobilisierung der internationalen Unterstützung für Findung von Problemlösungen, die mit der Nuklearkatastrophe zusammenhängen. Und Deutschland leistet Weißrussland bedeutende Hilfe bei der Liquidierung des Unfalls im Rahmen der vielseitigen Interregierungsmaßnahmen, unter anderem auch durchgeführt von internationalen Organisationen in der UdSSR, und zwar durch Lieferungen von Lebensmitteln und Medikamenten.

Im Juni 1991 hat die Regierungsdelegation des Bundelandes Nordrhein-Westfalen unter der Leitung des Vizepremierministers H. Schnoor an der Zeremonie der Bildung des Internationalen Bildungszentrums in Minsk teilgenommen, traf sich mit den Regierungsmitgliedern der BSSR. Die belarussische Seite hat auf der Ebene der Zusammenarbeit die Frage bezüglich der Miteinbeziehung zukünftiger Verhandlungen zwischen der UdSSR und der BRD Auszahlungsprobleme individuellen Erstattungen an die Bürger der Republik in den Tagesablauf, die im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgungen während des Zweiten Weltkrieges gelitten haben.

Laut der Interregierungsvereinbarung zwischen der UdSSR und der BRD am 9. Oktober 1990, fing die deutsche Seite Ende des Jahres 1990 in Weißrussland den Bau von Wohnungen und dem Aufbau der Infrastruktur für einen Teil des Kontingents der sowjetischen Streitmächte an, die aus Deutschland nach Weißrussland abgezogen wurden (Bau von sieben Wohnsiedlungen für Militärangehörige in den Städten Borisow, Marjina Gorka, Baranovici, Bereza, Lida, Slonim, Ross, den Bau der Wohnungsbaugesellschaft in der Siedlung Chist des Molodechnenskij Gebiets, die Versorgung des Zentrums für die Umschulung und Arbeitsversorgung der Reservesoldaten in der Siedlung Kolodischi des Minsker Gebiets).

Die Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten erlaubte Interregierungsbeziehungen in verschiedenen Bereichen aufzubauen. In der ersten Hälfte der 1990er Jahre wird Deutschland zu einem der Hauptpartner Weißrusslands unter den europäischen Staaten. Ein wichtiger Bestandteil der belarussisch-deutschen Beziehungen ist die Zusammenarbeit mit den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Brandenburg, Sachsen und zwanzig Vereinbarungen zwischen Städten beider Länder zeugen von langjähriger Partnerbeziehung. Während der letzten Jahrzehnte wurden die belarussisch-deutschen Beziehungen im Bereich der Kultur aktiv entwickelt und eine wichtige Rolle im Aufbau und der Festigung der Beziehungen zwischen den Völkern, der Entwicklung der kulturellen Beziehungen und des Dialogs erfüllten in Weißrussland das Minsker Internationale Bildungszentrum von Y. Rau – ein einzigartiges belarussisch-deutsches Projekt, das Goethe Institut, das Deutsche Forschungsinstitut, dessen Tätigkeiten den Bestand effektiver und vielseitiger Formen kultureller und sozialer Beziehungen zwischen den beiden Ländern ermöglichten.

 

Natürlich, eine große Bedeutung für die Entwicklung der Kontakte im Bildungs- und Wissenschaftsbereich haben Programme, die vom DAAD, dem DFG, der Friedrich-Ebert-, der Alexander-Humboldt-, der Robert-Bosch- und der Carl-Duisberg-Stiftungen, dem Max-Planck-Institut, u.a. gefördert werden. Ein bedeutender Faktor des politischen und sozialen Lebens beider Länder wurde das belarussisch-deutsche Forum, das Schritt für Schritt zu einem wichtigen Trittbrett eines breiten Dialogs zwischen Deutschland und Weißrussland gebildet wurde. Die belarussisch-deutsche Zusammenarbeit ist ein bedeutender Faktor in dem Beziehungsverbund zwischen Weißrussland und der EU.

Unser Vitebsk gehört zu der Euroregion „Seebezirk“ (Russisch: Ozernyj Kraj), der mit Freude von Touristen aus der ganzen Welt besucht wird. In der Vitebsk Oblast gibt es mehr als 2.800 Seen und mehr als 500 Flüsse. Und nicht zufällig hat dieses Gebiet einen zweiten Namen – Belarussisches Pooserje[1]. Der ukrainische Dichter Wladimir Sosura hat das erste Mal Weißrussland das gut klingende Epitheton „blauäugig“ wegen der vielen Seen unseres Landes gegeben.

braslavsee

Wir haben die größte im Land Seegruppe – den Nationalpark Braslaw-Seen. Im Gluboksk Gebiet befindet sich der tiefste in Weißrussland See – Dolgoe[2].

Der größte Teil des einzigen in Russland biosphärischen Reservats – Berezinskij – befindet sich ebenfalls in der Vitebsk Oblast. Das Berezinskij Biosphärische Reservat, das noch 1925 gegründet wurde, ist ein unbezahlbares Naturerbe Europas. In der Nähe der Siedlung Chizhovka im Dubrovenskij Gebiet befindet sich der Standplatz des Neandertalers aus dem Mesolithikum, die der grenischen Kultur angehört, die etwa vor elf Tausend Jahren aus dem Westen hierher gelangte. Dieser Ort gehört zu einem der ältesten historischen Denkmäler Weißrusslands.

            In der Stadt Polotzk befindet sich das geografische Zentrum von Europa.

            Im Polotzker Gebiet befindet sich neben dem Dorf Bikulnici das „belarussische Stonehenge“ – womöglich ein antikes Observatorium, ein Agrarkalender oder ein vorchristlicher Altar, welches mehr als vier Tausend Jahre alt ist. In der Christi-Verklärungs-Kathedrale des Christi-Verklärungs-Efrosinjeva Klosters in Polotzk werden die Gebeine der ehrwürdigen Efrosinja Polotzkaja und das berühmte Kreuz, das von N. Kuzmich nach dem Muster des im 12. Jahrhundert vom Juwelier Lazar Bogshej erschaffenen Kreuz, das Symbol der höchsten Geistigkeit, wiederhergestellt wurde, aufbewahrt. Das einzigartige in seinem geistlichen Inhalt „Denkmal dem ungeborenen Baby“ befindet sich in der Nähe der Kirche der Mariä Himmelfahrt der heiligen Jungfrau Maria in der Stadt Miory. Und die Palastparkanlage der zweiten Hälfte des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts in Postav, die zur Familie der Tyzenhaus gehört, hat in den Jahren seiner Geschichte nicht den feinen Glanz und die genauen Linien des Klassizismus verloren. Die orthodoxe Kathedrale der Geburt der Mutter Gottes in Glubokoe – der erste in Weißrussland Tempel im Stil des „Vilenskij Barock“.

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            Im Postaver Gebiet im Dörfchen Kamai befindet sich ein besonderes Tempelschloss – die Johannes-der-Täufer-Kirche, in der Architektur welcher sich Abwehrbaukunst mit Elementen der Gotik, Renaissaince und des Barock vermischt haben. Darin befindet sich die Arbeit des Pinsels von Alfred Romer „Jesus Christus und Waise“. Und in dem Saint Dreikönigstag-Kuteiner-Kloster hat der belarussische Aufklärer und Buchdrucker Spiridon Sobol in 1631 die erste Fibel auf Belarussisch herausgebracht. Nationale Bibliotheken von Warschau, Sankt-Petersburg, Cambridge, Kopenhagen und Oxford bewahren Bücher auf, die hier gedruckt wurden und zählen diese zu den seltensten Ausgaben des Altertums auf der Welt.

            Unser antikes Vitebsk, das in der Geschichte seit 974 figuriert, ist eine nationalitätsreiche Stadt, in welcher es keinen Platz für internationale Konflikte gibt. Jeden Sommer kommen zu uns Gäste aus allen Ecken der Welt zum Festival „Slawischer Bazar in Vitebsk“. Dieses Festival ist die Visitenkarte der nördlichen Kulturhauptstadt Weißrusslands – genau so respektvoll wird unser Oblastzentrum genannt.

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Man darf nicht vergessen zu erwähnen, dass in der Periode der sowjetischen Regierung Vitebsk als Jumelage  (Gemeindepartnerstadt) der berühmten deutschen Stadt namens Frankfurt-an-der-Oder galt und der nicht weniger interessanten polnischen Stadt mit dem geheimnisvollen Namen Zelena Gura. Zu Ehren dieser Stadt wurde ein Restaurant in Vitebsk genannt, der den Namen Zelena Gura trägt und heute sehr beliebt in Vitebsk ist. Außerdem wurde ebenfalls zu Ehren der wunderschönen Stadt Zelena Gura ein Teil des „Festivals des polnischen Lieds von Vitebsk“ genannt, das zum ersten Mal in 1988 stattfand. Und in 1992 wurde dieses Festivals umgestaltet und hat seinen Namen geändert, von da an wird es das alljährliche internationale Kunstfestival „Slawischer Bazar“ genannt.

 

In Vitebsk lebte und arbeitete der weltberühmte Künstler Marc Shagall, der in dem Dorf Liosno in der Vitebsk Oblast geboren wurde. In Vitebsk sind viele Orte mit seinem Namen verbunden: das Haus seiner Eltern – heute ein Museum; das Art-Zentrum Marc Shagalls; das Gebäude der Kunstschule, welche dieser Meister gründete.

Nicht weit von Vitebsk in 1892 hat der berühmte russische Maler Ilja Repin für sich und seine Familie ein kleines Anwesen auf den pittoresken Ufern der West-Dwina erstanden: heute befindet sich hier das Museum des I.E. Repin „Zdravnevo“.

 

Ich beende das Schreiben des Buches „Weißrussland – in den Schicksalen, oder ÜBER die Blauäugige träume ich…“, an welchem ich viele Jahre arbeitete. Der Hauptinhalt ist das Weißrussland aus der Sicht der Bewohner anderer Republiken, derer, dessen Schicksal mit unserem Land verbunden ist. Es gibt in dem Buch das Kapitel „Weißrussland und Deutschland“. Ich würde mich freuen, wenn mir einige ihrer Leser Briefe mit eigenen Erinnerungen, touristischen Eindrücken, Fotos für mein Buch schicken würden und mit mir ihre Gedanken bezüglich unseres Landes und Volkes, unserer Bräuche und Kultur, der Natur des „Weißen Russlands“ teilen und darüber womit unser Land sie an erster Stelle berührt oder erobert hat. Schicken Sie die Briefe an die E-Mail Adresse: udviny@mail.ru

Und am Ende will ich ein Zitat des großen Goethe aufführen:

 

Um ein ehrenwerter Mensch zu sein,

Muss man die Würde der anderen anerkennen!

 

 

Mit freundlichen Grüßen,

Konstantin Stepanovich KORNELJUK, Heimatkunde-Forscher.

Aus dem Russischen von Yevgeniya Marmer

 

 

 


[1] Pooserje (Russisch: Поозерье) kann man frei übersetzen als „auf den Seen“. (Anmerkung des Übersetzers)

[2] Dolgoe (Russisch: Долгое) bedeutet direkt übersetzt „langes“. (Anmerkung des Übersetzers)

 

русская православная церковь заграницей иконы божией матери курская коренная в ганновере

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