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„Der Glaube — das ist weder Wissen, noch Können. Das ist geistige Erfahrung…“

sagt mit absoluter Sicherheit der Priester der Kirche der Hl. Maria von Aegypten in Tübingen, der Protoiereus aus Weißrussland Aleksej Wasin.

„Der Kern des Glaubens besteht darin, dass der Glaube dem Leben den Sinn gibt, der nicht vom Tod zerstört wird“,- behauptete der große russische Schriftsteller Leo Tolstoi. Diesen Sinn zu erkennen ist nicht einfach, und nicht jeder schafft das. Und vor allem, wenn die äußeren Umstände dagegen sprechen. Und trotzdem, sogar zu sowjetischen Zeiten, als die Religion strengstens verboten war, glaubten viele an Gott.

Einige heimlich, sprachen ihre Gebete für sich… Und einige wählten offen den hellen Weg des Dienstes dem Allmächtigen, im Kampf gegen die Parteiverbote und Hindernisse, es gab auch solche, die selbstständig, absolut ohne jegliche Beeinflussung, für sich selbst die biblischen Wahrheiten entdeckten. Einer von den letzteren ist der Protoiereus Aleksej Wasin, der Priester aus Weißrussland, der schon seit mehreren Jahren in der Kirche der Hl. Maria von Aegypten in Tübingen dient. Dieser Mensch fand zur Kirche über besondere Wege. Er hatte keine Angst für das Begreifen der ihm teuren geistlichen Kenntnisse zu kämpfen und sammelte diese buchstäblich Stückchen für Stückchen.
Darüber und über vieles andere erzählte der Protoiereus Aleksej Wasin während des Gesprächs, das in Aulendorf am Vorabend des Treffens des Priesters mit den Stadtbewohnern stattfand, die ihn einluden am Vorabend der großen orthodoxen Fastenzeit mit ihnen zu sprechen.

 

Die erste Frage, die im Gespräch mit Aleksej Wasin aufkommt, sieht wohl bei jedem, der ihn in Deutschland trifft, ungefähr so aus: „Wie ist das passiert, dass sie als orthodoxer Priester, in einer evangelischen Kirche dienen?“

Und der Protoiereus aus Russland fängt seine Erzählung an, mit interessanten Details und bunten Beispielen aus dem eigenen Leben, aus der kirchlich-pädagogischen „Praxis“…

 

Schon seit mehr als zehn Jahren unterrichte ich in der Geistlichen Akademie von Minsk, deren Absolvent ich selber bin… Ich erinnere mich heute gut an diesen Dezembertag 2009, als ich zwischen zwei Vorlesungen angerufen wurde und ganz nebenbei gefragt wurde, ob ich nicht nach Deutschland im Rahmen eines akademischen und kirchlichen Zusammenarbeit-Projekts zwischen der Geistlichen Akademie von Minsk, der theologischen Fakultät der Tübinger Universität und der Württembergischen Evangelischen Kirche in Deutschland nach Deutschland kommen will. Ich sagte zu, ohne nachzudenken, denn das war eine ungewöhnliche Möglichkeit neue Erfahrungen des Gottesdienstes bei ziemlich interessanten Umständen zu sammeln. Übrigens, die Auswahl in diesem Fall fiel wohl nicht zufällig auf mich, denn zu dem Zeitpunkt war ich schon gut vertraut mit Deutschland, da ich in 1993-95 an der Kirchlichen Hochschule Bethel in der Deutschen Stadt Bielefeld studiert hatte, wo ich das biblische Hebräisch erlernte. Also habe ich den Vorschlag in diesem Land als orthodoxer Priester in der Evangelischen Kirche zu dienen als ein Zeichen Gottes empfunden. Und im September 2010 bin mit ich mit meiner Frau, Mütterchen Ekatherina Anatoljewna, und unseren Söhnen David und Awwakum nach Deutschland gekommen.

 

Besonders bemerkenswert und in irgendeinem Maße verwunderlich ist der Fakt, dass die Evangelische Kirche Ihnen, einem orthodoxen Priester, so eine interessante Art der Zusammenarbeit angeboten hat. Denn die Evangelisten sind berühmt für ihre strenge Anhängerschaft zu ihren eigenen Traditionen der Glaubensbekenntnis, sie akzeptieren keine Ikonen und im Großen und Ganzen keine äußeren Erscheinungen der christlichen Riten…

 

Das ist wahr, aber die Deutschen sind ein Volk, das sich sehr für Traditionen und Bräuche anderer Nationalitäten interessiert, die deutschen Bürger sind in ihrer Mehrheit Menschen, die für einen Dialog mit anderen Kulturen offen sind. Und die modernen Konfessionsinstitute hier, ob katholisch, evangelisch oder orthodox, kooperieren genauso aktiv miteinander. Es kam auch vor, dass die hiesigen moslemischen Gemeinden mich zu Treffen eingeladen haben, im Zuge dessen wir gemeinsam die modernen Fragen der Kontakte zwischen den Religionen in Europa besprochen hatten. Diese Bereitschaft der deutschen Kirchen zur Zusammenarbeit mit anderen Konfessionen hat ihre Unterstützung auch im Projekt der akademischen und kirchlichen Zusammenarbeit zwischen der Geistlichen Akademie von Minsk, der theologischen Fakultät der Tübinger Universität und der Württembergischen Evangelischen Kirche in Deutschland. Dieses Projekt wird schon seit vielen Jahren realisiert, und in dieser Zeit hatten wir schon oft Besucher aus Deutschland in unserer Geistlichen Akademie in Minsk.

Was die unterschiedlichen Meinungen über die so genannte Unausstehlichkeit der Evangelisten gegenüber den religiösen Riten anbelangt, so gibt es dafür eine einfache Erklärung. Das liegt nämlich daran, dass in der Bibel, die auf Griechisch geschrieben wurde, nicht selten das Wort „Idolon“ auftaucht. Am öftesten wird dieses Wort als „Idol“ übersetzt, also eine künstlich erfundene Gottheit. Jedoch hat dieses Wort noch eine zweite Bedeutung, die im 26ten Gedicht des ersten Kapitels der Bibel erklärt wird. In der wohl allen Christen bekannten Strophe: „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild…“ Das Wort „Bild“ wird auch mit dem griechischen Wort „Idolon“ ausgedrückt… So findet sich die Erklärung der Ehrung von Ikonen in der orthodoxen Tradition und die Verneinung dieser von den Evangelisten. Das Problem liegt an den Besonderheiten der Übersetzung. Obwohl, in der Geschichte unserer Konfession gibt es Beispiele von Ketzerei des Ikonoklasmus – und zwar, fand diese schlimme Erscheinung im 6. oder 7. Jahrhundert n.Chr. in der „Wiege der Orthodoxen Kirche“ Konstantinopel statt.

Die Bewohner von Aulendorf und Umgebung haben mit Interesse der Erzählung des Gastes über seine besondere kirchliche Mission in Deutschland zugehört.  

Jedoch hatte die Orthodoxe Kirche in Russland auch schwere Zeiten kennengelernt – und zwar zur Zeit der Sowjet Union…

Ja, und in der Blüte dieses Regimes, in 1974, wurde ich in der weißrussischen Stadt Nowopolotzk geboren. Meine Eltern waren totale Atheisten, dabei war mein Vater auch Leiter eines großen Unternehmens und, dementsprechend, überzeugter Kommunist. Und was soll man da noch sagen, das ganze Weißrussland strebte danach zur atheistischsten Republik der Sowjet Union zu werden, und dieses „Streben“ hat die Parteimitglieder dazu veranlasst die Denkmäler der kirchlichen Architektur zu zerstören. In den 30er Jahren wurden praktisch alle Kirchen in Weißrussland zerstört: sie wurden nicht nur zerstört, sondern zusammen mit dem Fundament ausgegraben, damit von den Kirchen keine Spuren übrig bleiben. So haben die Parteibeamten demonstriert, dass sie buchstäblich die orthodoxen „Vergangenheitsüberbleibsel“ entwurzeln… Aber einzelne Kirchen sind in Polotzk trotzdem erhalten geblieben, welche sich einige Kilometer von unserer Stadt befindet. Ich ging dahin zu Fuß, als ich noch Schüler war, als in meiner Seele die ersten Triebe des Glaubens zu blühen begannen…

 

Erzählen Sie bitte, wann und wie bei Ihnen dieses Interesse zur orthodoxen Kirche und Religion im Ganzen erweckt wurde?

Meine Mutter wurde in Jaroslawl geboren und ein Mal haben wir Großmutter dort besucht. An einem der Tage sind wir zufällig an der Kirche von Ilja dem Propheten in Jaroslawl vorbeigegangen, und mich hat sehr interessiert, was das eigentlich für ein interessanter Bau sei?.. Mutter schlug mir vor hineinzugehen. Die Kirche hat damals nicht funktioniert, in der sowjetischen Zeit diente sie als Museum der Geschichte des Atheismus, wie viele andere erhaltene Kirchen in der ganzen UdSSR. Die Museumsführerin erzählte uns, dass in den hiesigen einzigartigen Fresken des 17. Jahrhunderts, die die Wände der Kirche vom Boden bis zur Decke schmücken, die ganze Bibel „erzählt“ wird. Damals habe ich zum ersten Mal dieses gut klingende Wort „Bibel“ gehört. Und seit diesem Moment haben in meiner Seele angefangen Fragen, wie „Was ist Religion?“, „Wer ist Gott?“, „Warum redet keiner darüber?“, „Warum kann man nirgendwo das Buch der Bücher bekommen, um das kennenzulernen, was es lehrt?“ aufzutauchen… Nach unserer Rückkehr nach Hause habe ich im Geheimen von meinen Eltern angefangen regelmäßig in die Nachbarstadt Polotzk zu gehen, in die Kirche… Als Mutter mich fragte, wo ich war, sagte ich aus Angst vor dem Zorn meiner Eltern: „Nichts besonderes, war am Ufer der Dwina spazieren…“ Was, im Prinzip, keine Lüge war, denn mein Weg nach Polotzk ging an einigen Stellen tatsächlich entlang des Flusses vorbei…

In den Büchereien nahm ich Lehrbücher zum Thema Atheismus. Das war damals die einzige Informationsquelle über Gott und die orthodoxe Kirche, wonach meine Seele schmachtete. Danach hörte ich zum ersten Mal die Musik von Bach. Er wird auch als „fünfter Evangelist“ genannt, da seine Musik dem Evangelium „diente“. Und für mich war er der erste Evangelist, denn damals wusste ich noch gar nichts von den vier Schülern Jesus Christus, die die Schriften ihres Lehrers führten…

Beim Treffen mit Aleksej Wasin versammelten sich viele Interessenten an orthodoxen Fragen. Mit 15 Jahren wurde ich in der Kirche von Ilja dem Propheten in Jaroslawl getauft. Und damals habe ich darüber nachgedacht, ob ich meine Pläne Medizin zu studieren nicht wegwerfen sollte und stattdessen Gott dienen sollte. Ehrlich gesagt, ich war etwas besorgt um meine Zukunft während des Studiums, denn auch damals wurde Studieren nicht selten mit Partyleben assoziiert… Und dann habe ich davon gehört, dass in der Stadt Zhirovici bei dem Heiligen Mariä Himmelfahrt Männerkloster nach vielen Jahren Ruhezeit wieder Priesterseminare durchgeführt werden sollten, und dort wollte ich nach der Schule studieren. Als ich meine Eltern von meinem Vorhaben unterrichtete, hatte ihre, sagen wir, Wut, keine Grenzen… Aber ich war fest entschlossen und letztendlich wurde ich dort angenommen.

 

Woran erinnern Sie sich am aller besten aus Ihrer Studienzeit?

Wissen Sie, es scheint mir, dass ich mich an jede Unterrichtsstunde aus dem Priesterseminar erinnere. Denn das Studium dort war für mich eine echte Wissensquelle, die ich so stark geistig benötigte. Außerdem bekam ich gerade zu meiner Studiumszeit ein Stipendium für das Programm, im Rahmen welches ich die Möglichkeit bekam das alte Hebräisch an der Lutherischen Hochschule Bethel in Deutschland zu erlernen. Das war eine unschätzbare Erfahrung für mich, ich erfuhr so viel neues, so viele neue Wahrheiten wurden mir eröffnet, als ich die biblischen Schriften des Alten Testaments las!.. Außerdem, als ich in Europa war, hatte ich das Glück viele Länder zu besuchen, wo ich die Geschichte des Christentums durch verschiedene Meilensteine erlernte… Israel, Süditalien (ehemalige Gebiete des Antiken Griechenlands), Frankreich, Belgien, Holland, Luxemburg… Mein Weg der Erkenntnis von Gott auf europäischem Land fing erst an. Aber ich musste für kurze Zeit nach Weißrussland zurückkehren, um meine Papiere zu verlängern. Als ich in meine kleine Heimat kam, hatte ich ernsthafte Probleme mit der Gesundheit, aber Gott gab mir die Kraft meine schwere Krankheit zu bekämpfen. Ich verstand, dass ich hier bleiben musste, dass ich hier mehr gebraucht wurde… Und nachdem ich komplett gesund wurde, habe ich angefangen an der Geistlichen Akademie von Minsk Deutsch und Hebräisch zu lehren. Bis zu dem Tag, an dem die Württembergische Evangelische Kirche mich eingeladen hat nach Deutschland zu kommen. Und wie mein Schicksal weiterhin verläuft, das ist der Wille Gottes…

 

Nachdem unser „Arbeitsdialog“ beendet war, wollte ich Vater Aleksej noch viel mehr erfragen, aber nicht wie einen Interviewten, sondern wie einen Geistlichen. Und in einem Satz, den er in dem unmittelbaren Gespräch aussprach, ist ein besonderer „Code“ der Selbsterkenntnis auf dem Weg zu Gott versteckt. Und hier ist dieser Satz: „Der Glaube — das ist weder Wissen, noch Können. Das ist geistige Erfahrung…“ Und wie man diese geistigen Erfahrungen sammelt, muss jeder Gläubige für sich selbst entscheiden.

 


Foto des Autors.

Aus dem Russischen von Yevgeniya Marmer.

 

русская православная церковь заграницей иконы божией матери курская коренная в ганновере

Über Diana Revazova-Maier

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