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Regionales Geld – ein Spiel in Selbstwirtschaft

 Paragraf Nr. 35 des Gesetzes über die Deutsche Bundesbank verbietet den Druck von jedweden Geldern, wenn diese anstatt der gesetzlichen Zahlmittel verwendet werden können, ähnlich, wie das nationale Geld aussehen, in Hinsicht auf das Layout, die Große und die Qualität des Papiers.

Im Fall mit den deutschen regionalen Geldscheinen sieht es folgendermaßen aus: sie alle haben die Bezeichnung Gutschein oder Wertschein, sind an eine bestimmte Region geknüpft und werden zur Zahlung nur von bestimmten Personen oder Organisationen angenommen (nach Absprache), und verstoßen deshalb nicht gegen das oben erwähnte Paragraf.

 

 

 

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Bild 1             10 Amber- Taler

Führen wir einige der in Deutschland wirksamen (oder bis vor kurzer Zeit wirksamen) regionalen Geldscheine mit der Denomination ihres Druckortes und der Verbreitung auf:

„Roland“ – aus Bremen (Bundesland Bremen) im Nord-Westen Deutschlands.

„Chiemgauer“ – aus Chiemsee (Bundesland Bayern) im Süd-Osten Deutschlands.

„Justus“ – in Giessen (Bundesland Hessen) im zentralen Teil von Westdeutschland.

„Kanvas“ – aus Bas Oldeslo (Bundesland Schleswig-Holstein) im Norden Deutschlands.

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Bild 2            20 Kanvas

„Sterntaler“ – aus dem Gemeindezentrum Berchtesgadener Land (Bundesland Bayern) im Süden Deutschlands.

Wir wollen anmerken, dass die Idee des Drucks regionaler Geldscheine von Privatpersonen und örtlichen Organisationen ausgeht. Und der Anfang wurde im September 2002 in Bremen gemacht. Das ist das „Geburtsdatum“ von „Roland“. Bis 2011sind 50 ähnliche Fälle vermerkt. Z.B. die „Chiemgauer“ wurden von einem Lehrer des Internats Wahldorfschule zusammen mit sechs Schülerinnen erfunden. Übrigens, gedruckt werden sie auch dort mit einem Farbdrucker.

Die Situation mit den regionalen Geldscheinen ähnelt zum Teil den Notgeldern in Deutschland von 1917 bis 1924. Mit dem Unterschied, dass das Notgeld im Zuge einer starken Inflation erschein, und dann auch der Hyperinflation Anfang der 20er Jahre. Das Erscheinen des „Roland“, des „Chiemgauer“, des „Justus“, des „Kanvas“, der „Kirschblüten“, etc. beruht auf einer Idee einzelner Personen die Wirtschaft „wiederzuerwecken“, und um genauer zu sein, sie auf regionalem Level zu unterstützen. Was ja, in gewisser Weise sogar der Wirklichkeit entspricht – ausgetauscht gegen die „alternative“ nationale Währung bleibt in der Region. Bei dem Wechsel des Euro gegen die örtlichen Geldscheine (1:1) erhält der Kunde eine Liste mit den Läden, Boutiquen und Einkaufshäusern des Wohnortes oder der Umgebung in welchen diese akzeptiert werden. Dementsprechend sind die Menschen gezwungen die Produkte in ihrem Wohnort zu erwerben und die Dienstleistungen dort zu nutzen.

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Bild 3            25 Oderblüten

Aber hierbei kann ein Laie des Öfteren ins Fettnäpfchen treten. Denn, wenn in der Liste der Geschäfte, welche die Scheine annehmen, sich nur teure Läden befinden (was charakteristisch für kleine deutsche Siedlungen ist), dann wird der Besitzer der regionalen Geldscheine immer mehr ausgeben. Außerdem verliert das regionale Geld ständig an Wert, und nach Ablauf einer bestimmten Frist (3-6 Monate) wird an die Scheine eine spezielle Marke geklebt, um den ehemaligen Wertstatus dem Schein zurückzugeben. Und natürlich geschieht das nicht einfach so. Z.B. die „Chiemgauer“ werden jedes Quartal um weitere drei Monate „erneuert“, wofür 2% des nominalen Wertes erhoben wird. Und bei dem Wechsel des Scheins zurück in den Euro, muss der Nutzer gleich 5% des nominalen Wertes verlieren. Dabei werden 3% angeblich für die sozialen Notwendigkeiten der Region gebraucht, und 2% bekommt der „Erfinder“ eines nächten wirtschaftlichen Allheilmittels.

Äußerlich erscheinen die regionalen Geldscheine nicht immer wie solche. Einige sehen vom Layout her aus eher wie Fahrkarten. Aber es gibt auch solche (z.B. die „Chiemgauer“), die mit jeder neuen Ausgabe mit neuen Bildern erscheinen. Z.B. gibt es eine Serie, die von Kinderbildern geschmückt ist. Und auf dem „Rheingold“ sind historische Persönlichkeiten abgebildet – die Berühmtheiten der Region.

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Bild 4            20 Rheingold

Die Motive für die Rückseite ähneln den Bildern auf den Telefonkarten. Z.B. auf dem 20er „Rheingold“-Schein – sonnige Protuberanzen, und auf dem 1er-Schein – eine Frau mit einem Korb mit Keksen. Übrigens, Rheingold hieß auch die Oper Wagners aus dem Opus „Der Ring der Nibelungen“, wofür das Motiv von dem großen Komponisten aus dem altdeutschen Epos Nibelungen genommen wurde.

Darüber sprechen, dass das regionale Geld den Euro ausstechen könnten, ist unseriös. Die örtlichen Zahlmittel können wohl kaum ihrem „älteren Bruder“ das Wasser reichen.

Das moderne „alternative“ Geld in Deutschland ist eher ein Zusatz zu der Selbstwirtschaft der einen oder anderen Region. Ihre Erschaffer und Verbreiter appellieren an den regionalen Pseudopatriotismus der Bevölkerung. Das deutsche Volk war schon immer offen für neue Ideen. Ein kleines Beispiel. An einigen Tankstellen entlang der Autobahnen, um auf die Toilette zu gehen, muss man einen Bon im Wert von 50 Cent erwerben. Dieser hat sogar schon einen Namen – Pissvaucher.

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Bild 5            Pissvaucher

Übrigens, dieser ist auch fälschungssicher (er hat einen dünnen Folienstreifen mit Hologramm!). Und danach kann man auf der gleichen Tankstelle dafür einen Kaffee trinken. Aber, natürlich, 50 Cent reichen hier nicht aus. Ein Becher Kaffee kostet 2,50 Euro. Also muss man zwei Euro dazuzahlen oder fünf Bons benutzen. Und dann, wer trinkt denn Kaffee einfach so? Mit Brötchen schmeckt besser! Also, wenn man einen Toilettenbesuch macht, „erweckt“ man die nationale Wirtschaft. Das erinnert stark an die Situation mit dem regionalen Geld!

Wie die Zukunft des „alternativen“ Geldes in Deutschland aussieht, ist schwer zu sagen. In 2007 ist das Projekt mit dem „Justus“ durchgefallen. Und sein „Vater“ – Wienrich Prenk muss jetzt, seinen Worten zufolge, das „Spielzeug“ aus dem Umlauf nehmen. Die persönliche Investition Prenks in das Projekt beläuft sich auf 4000 Euro. Und in seinem Interview mit dem „Spiegel“ hat er gestanden, dass: „…das regionale Geld viel zu teuer ist“.

 

Obwohl, eines ist jetzt schon klar – die Bonsammler, dank der regionalen Währung, brauchen sich nicht um neue Sammelteile für ihre Sammlungen zu kümmern. Dabei, um die „Chiemgauer“, die „Justus“ und andere zu erwerben kann man zu jeder Zeit, sogar ohne aus dem Haus zu gehen – über das Internet.

 

 

 

 

 

 

Aus dem Russischen von Yevgeniya Marmer

 

 

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Über Rolf Meisinger (Mannheim)

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