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Integrationszentrum Mi&V e.V. – Mitarbeit und Verständigung

Die Einwanderung

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   Nach der Geburt meines kleinen Sohnes Ilya blieb ich fast zwei Jahre lang zu Hause. Danach wollte ich etwas anderes erleben, mein Leben radikal ändern. Schon die Vorstellung in meinem alten Job in der Schule zurückzukehren, machte mich schwermütig. Das alles kannte ich schon auswendig.

Wollte ich damit mein ganzes Leben verbringen? Gibt es nicht mehr in der Welt?

 

 

Genau zu dieser Zeit erreichte mich ein Brief mit der Erlaubnis nach Deutschland ein zuwandern. Es war wie eine Antwort oder, eher gesagt, Auflösung meines Kummers. Diese Nachricht hat mich gefreut, gleichzeitig erwachte in mir Angst. Meine ganze Kindheit habe ich ständig etwas über den Krieg mit Deutschland gehört. Ich habe viele Filme über gefühllose deutsche Soldaten und das Leid russischer Frauen und Kinder gesehen. Außerdem fielen in Krieg meine beiden Großväter, dass machte meine Großmütter unglücklich, einsam und arm. Das brachte mich schon durcheinander. Diese Gedanken versuchte ich jetzt zu verdrängen. „Das ist alles vorbei, dachte ich, heute leben dort doch andere Menschen.“ Noch eine andere Überlegung beschleunigte meine und meines Mannes Entscheidung: es könne nie mehr so eine Möglichkeit geben.

Alles geschah dann ziemlich schnell. Erst am Berliner Hauptbahnhof, als wir mit allen Sachen und unseren zwei kleinen Kindern den Zug verlassen hatten, überkamen uns Angstgefühle. Alles war fremd für uns, ganz einfache Sachen, wie ein Ticket kaufen oder nach dem Weg fragen, konnten wir nicht erledigen. Nach der langen Reise waren wir erschöpft und das kleinere Kind fing an zu weinen. Endlich gingen wir zu einem Taxistand um ein Taxi zu nehmen. Da wir sehr viel Gepäck hatten, musste der Taxifahrer einen Anhänger besorgen. Wir fuhren nach Bayern. Dieses Land hatte ich in dem Fragebogen den deutschen Behörden angegeben. Ich schrieb „Bayern“, weil ich damals einfach zu wenig über Deutschland wusste. Ich wollte irgendwo im Süden leben – als Gegensatz zu dem kalten und nassen Petersburg. „Bayern“ war wahrscheinlich der einzige Name, den ich kannte und dieses Wort schien mir so sagenhaft schön zu sein, wie Kalifornien oder Paris. Unterwegs von Berlin nach Nürnberg sahen wir nichts von Deutschland, außer endlosen Autobahnen und manchmal kleine, vereinzelte malerisch in Tälern gelegene Städtchen. In Nürnberg angekommen, erwartete uns ein etwas anderes Bild, als wir im Kopf hatten: ein zu Ende September grauer Himmel und triste Gebäude eines Industrie- Stadtviertels. Das Aufnahmelager befand sich am Stadtrand und sah fast wie ein Gefängnis aus: ein umzäunter langer Plattenbau. „Deutsche Ordnung, dachte ich, oder vielleicht sogar ein Lager wie damals.“ Der einzige Trost: wir waren nicht mehr allein, viele der Ankommenden oder der Wegfahrenden liefen, wie wir, dort mit ihrem Hab und Gut umher. Wir bekamen eine Bleibe für die nächsten vier Tage. Am nächsten Tag gingen wir durch die Straßen und standen plötzlich ausgerechnet vor einem riesengroßen Stadion aus der Hitlerzeit, wie wir auf einem Schild lesen konnten. Wir waren sprachlos. Sofort tauchten die Bilder aus den Filmen wieder auf. Die Schatten der Vergangenheit waren wieder da und sie waren jetzt ganz nah. Abends passierte noch etwas. Wir sahen eine große Menge junger schwarz gekleideter Menschen. Wir starrten sie von unserem Balkon aus an, als sie vorüber marschierten.

Für den nächsten Tag hatten wir eine Aufforderung zu einem Gespräch mit einer Sachbearbeiterin. Ich und mein Mann gingen zusammen, wurden aber dort sofort getrennt und einzeln befragt. Vor mir saß eine Person, circa 50 Jahre alt, mit kurzen Haaren und einer schrecklichen Brille. Sie wirkte weder wie eine Frau, noch wie ein Mann. Zu meiner Verwunderung musste ich viele Fragen beantworten, eine Art die ich sonst nur aus Verhören kannte. Erst am Ende dieser mir nicht auf zuhörenden Befragung fragte sie mich kurz, wohin ich gerne ziehen möchte. Ich sagte sofort, dass ich in einer großen Stadt leben möchte, weil ich von Beruf Lehrerin für Russisch bin und mein ganzes Leben in einer Großstadt verbracht habe.

„Für Sie haben wir nichts Passendes,“ erwiderte die Beamtin.“Alle wollen nach München. Was Russisch angeht, vergessen Sie das! Das braucht hier eh keiner.“

Am nächsten Tag fuhren wir nach Bayreuth. Diese Stadt sollte unser Aufenthaltsort werden. Mit großer Neugier schauten wir durch die Fenster des Busses, als er in einer ruhigen Straße anhielt. Wiesenstraße, ein Name, den es in jeder deutschen Stadt gibt. An einem gelben vierstöckigen Haus sahen wir das Schild “Wohnheim“. Unsere vierköpfige Familie bekam hier eine Bleibe. Es war ein Zimmer in einer 3ZW. In 2 Zimmern lebten je eine Familie- aus der Ukraine und aus Weißrussland. Wir haben sofort Kontakt zu einander gefunden und bekamen auch gleich Tausende von Ratschlägen. Olga und Henrich, die aus Kiev kamen, waren ungefähr 50 Jahre alt. Sie erzählten uns sofort, was für wichtige Personen sie in ihrer Heimat gewesen waren. Ihre Gesichter drückten jedoch etwas anderes aus- eher etwas Gegenteiliges. Zwar erzählten beide, dass sie wegen ihres Sohnes Vitali die Auswanderung gewagt haben, ihr Sohn aber schien jeglichen Kontakt zu seinen Eltern zu vermeiden. Unsere andere Nachbarin – eine alleinerziehende Mutter mit einem 16- jährigen Sohn – war eine typische „Glucke“, die gerne über alles bestimmen wollte. Bald wurde die Beziehung zu unseren Nachbarn sehr anstrengend.

Bayreuth selbst war klein, hübsch und gemütlich. Der Marktplatz und der historische Stadtkern waren ganz in der Nähe des Wohnheimes. Wir gingen gepflasterte Bürgersteige entlang und staunten darüber, wie alt alles ist. Im November, wenn in Petersburg überall Schnee liegt, gibt es hier sogar grünes Gras, und Blumen blühen in einer Unzahl von Beeten.

Der breite Marktplatz mündete in eine Hauptstraße mit vielen kleinen Läden und mit liebevoll eingerichteten Schaufenstern. Was mir sofort auffiel, waren zufrieden aussehende ältere Menschen, die alle diese Geschäfte, Friseursalons und Restaurants, füllten. Ganz in Gegensatz zu meiner Heimat. In Russland sind Ältere im allgemeinen keine willkommenen Gäste und Kunden. Sie sind weder gut gekleidet, gepflegt, noch haben sie Geld in der Tasche. Wir spazierten die Straße lang und fühlten uns wie Fremde, deren Reise noch nicht zu Ende ist und die ihr Ziel nicht sehen können.

Die Welt, die sich uns öffnete, war nett, hatte ihren eigenen Reiz, aber für uns fremd. Zwar hatten wir einen kleinen Fernseher, den wir aus Russland mitgebracht hatten, konnten aber mit diesem keine russische Sender empfangen. Deutsch verstanden wir noch wenig.“ Sobald ihr Deutsch lernt, wird alles besser“, sagten uns alle. Wie alle Auswanderer, nahmen wir an einem Deutschkurs teil. Unsere beiden Kinder besuchten in dieser Zeit einen Kindergarten. Unsere Tochter Ljuba war schon sieben Jahre alt, man verweigerte ihr aber den Besuch der Schule mit der Begründung, dass sie zu wenig Deutsch könne. So beschloss man sie in einen Kindergarten zu stecken, in dem sie dann in einer gemischten Gruppe mit Kindern im Alter von 2 bis 6 Jahren landete.

Alle Deutschen, mit denen wir in Kontakt kamen, wie etwa Erzieherinnen im Kindergarten, Beamte von Behörden oder Passanten, sprachen wir zumeist Englisch an, da wir noch zu wenig Deutsch konnten. Es schien uns, dass die Leute gerne Englisch sprachen, jedoch war ihr Englisch oft nicht besser, als unser Deutsch. Die Kommunikation klappte trotzdem, weil es noch Hände gab und jeder einen Brocken der anderen Sprache verstand. Dazu noch etwas über unseren Sprachkurs. Alles im Leben ist Glücksache, auch auf welchen Lehrer man trifft. Wir hatten wenig Glück. Unsere Lehrerin war Frau Franz, eine attraktive Frau mittleren Alters. Für uns sah sie aus wie eine echte Deutsche: blond, schlank, hochgewachsen, immer perfekt gekleidet und gepflegt, geschminkt und mit langen Fingernägeln. Dazu kam eine gewisse Kälte und Distanz uns gegenüber. Ihr fehlte Interesse an ihrer Arbeit. Wir hatten 6 Monate lang jeden Tag Unterricht – von 8 bis 14 Uhr. Eine Menge Zeit, wenn man sich das konkret vorstellt. Wahrscheinlich, auch für Frau Franz. Sie machte es sich sehr leicht, gab uns ständig Blätter mit Übungen und Rätseln zum selbstständigen Arbeiten mit Wörterbuch. Während dieser Zeit blätterte sie selbst in Zeitschriften oder verließ einfach den Raum, um nach einer Stunde für eine „Schnellkontrolle“ wieder zu kommen.

„So werden wir nie deutsch sprechen lernen“, sagte ich zu anderen Teilnehmern. „Wir sollten mit ihr oder mit dem Direktor reden“. In unserer Gruppe gab es etwa 20 Schüler, hauptsächlich Aussiedler aus Kasachstan. „ Das bringt nichts. Sie hat einen einflussreichen Fürsprecher im Arbeitsamt“, erwiderte eine Frau. Und tatsächlich besuchte uns jede Woche ein Mitarbeiter des Arbeitsamts, der immer nur kurz das Klassenzimmer betrat und dabei Frau Franz auffordernd ansah, um daraufhin den Raum schnell wieder zu verlassen. Kurz danach folgte ihm Frau Franz.

„ Es ist besser alles so zu lassen wie es ist“, sagten andere.Viele Schüler nutzten die Abwesenheit der Lehrerin, um sich auf die Führerscheinprüfung vorzubereiten. Trotz der Einwände meiner Mitschüler, sprach ich Fr.Franz an und bat sie darum, doch sich etwas mehr mit uns zu sprechen. Natürlich, stimmte sie mir lächelnd zu, aber alles blieb beim Alten.

In der Pause gingen mein Mann und ich in das nahe gelegene Einkaufszentrum. Draußen war es windig und kalt, und hier roch es nach gebratenen Würstchen und frischem Kaffee. Wir flanierten umgeben von Palmen und kleine Brunnen durch das Zentrum. In der Vitaminbar wurden eine große Menge von Früchten angepriesen. Man konnte verschiedene frisch gepresste Säfte kaufen. Ich beobachtete, wie geschickt ein junger Mann die Säfte zubereitete, aber kaufte selbst ganz selten: der Preis schien mir zu hoch. Normalerweise tranken wir einen Kaffee mit Kuchen oder aßen ein Döner zu zweit. Andere Studenten sparten noch mehr: in der Pause verspeisten sie mitgebrachte belegte Brötchen. Nach der Schule und schnellem Einkauf gingen wir nach Hause und bereiteten das Mittagsessen vor. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt kamen alle Nachbarn nach Hause und versammelten sich in der winzigen Küche der Wohnung. In unserer Familie kochte oft mein Mann, das machte ihm Spaß und er konnte einfach besser kochen, als ich. Dies betrachteten meine Nachbarinnen verständnislos und – sicherlich- mit Neid. Gena empfand es als ungerecht, dass sie- eine perfekte Hausfrau-seit vielen Jahren allein leben musste.

„Wieso kochst du nicht selbst?“ fragte sie frech eines Tages.

„Das ist nicht deine Sache“, erwiderte ich und erntete damit noch größere Missgunst.

 

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   Sonntags war es am langweiligsten. Fast alle Geschäfte waren geschlossen. Wir schlenderten durch menschenleere Straßen auf der Suche nach irgendwelchen Kaffees, die geöffnet hatten.

Der einzige Ort, der immer geöffnet hatte, war McDonalds, dessen Angebot uns aber überhaupt nicht gefiel. Was uns auffiel war, dass dort immer an einer Fensterscheibe ein Aushang hing: “Teilzeitkräfte gesucht“. In Petersburg sah man Stellenanzeigen überall in der Stadt verteilt. Hier hingegen gab es diese fast nirgends. Wohnheimbewohner erzählten voller Bewunderung und Neid von denjenigen, die einen Aushilfsjob, etwa eine Putzstelle oder als Umzugshilfe, gefunden hatten. Viele lebten in dem Wohnheim schon länger als ein Jahr, hatten längst ihren Deutschkurs abgeschlossen, blieben aber trotzdem ohne Arbeit. Wir kannten nur einen Mann, der eine Vollzeitstelle hatte. Im Wohnheim herrschte überwiegend hoffnungslose Stimmung. „Wie in einem Harem oder Krankenhaus“, dachte ich manchmal. Alle warteten auf etwas Besseres, das aber nicht eintraf. Ein junges Ehepaar fuhr bereits nach Moskau zurück. Am Telefon, das sich zwischen dem ersten und zweiten Stock befand, gab es immer jemand, der telefonierte.

„Alles wunderbar“, hörte ich Wörter von Auswanderern, wenn sie mit ihren Verwandten telefonierten. Auch ich erzählte meinen Eltern und Freunden:„Es geht uns gut. Die Kinder sind im Kindergarten, wir besuchen einen Deutschkurs“. Was konnte ich noch sagen? Meine Eltern waren gegen unsere Ausreise, ich konnte ihnen jetzt nicht gestehen, dass ihre Bedenken zum großen Teil begründet waren. Der Gedanke an Arbeitslosigkeit machte uns besonders unsicher, aber wir versuchten ihn immer zu verdrängen. Vielleicht, ist es in anderen Städten besser? Wir fingen an, andere Orte zu besuchen. Immer Sonntags, früh morgens, wenn alle anderen noch schliefen, bestiegen wir den Zug und fuhren los. Zuerst nach Nürnberg, dann folgten andere bayerische Städte. Diese kleinen Fahrten brachten uns Abwechslung, doch wir stellten fest, dass es mit Arbeit überall schwierig war. Wir sollten in eine große Stadt ziehen, dachten wir, und es dort probieren. Wir glaubten immer mehr daran.

Eines Samstagmorgens fuhr ich nach München. Ich fuhr allein, da die fast vierstündige Reise für die Kinder zu anstrengend gewesen wäre. Im Zug beobachtete ich andere Passagiere und versuchte zu verstehen, worüber sie redeten. Oft verstand ich nur einige Wörter, keinen Zusammenhang. Mir wurde ganz klar, wie gering meine Deutschkenntnisse waren. Hier- zwischen so vielen Leuten- fühlte ich mich so einsam. Alles kam mir so sinnlos vor.

München war groß und schön. Dort gab es viele russische Reisebüros, eine russische Kirche und sogar eine alte russische Bibliothek. Eine Wohnung hier zu mieten wäre nur möglich, wenn man eine gut bezahlte Stelle hätte. Alle Vermieter verlangten Einkommensnachweise. Ich sprach mit vielen Leuten und verstand bald, dass es in München besonders schwierig mit Wohnungen ist. Sogar Einheimische suchten monatelang. Als ich nach Hause kam, war ich zutiefst traurig: Wir waren in einer Sackgasse angekommen: In Bayreuth- ohne Arbeit und Perspektiven – würde unser Leben sinnlos sein, nach München konnten wir aber nicht einfach ziehen. An diesem Abend berichteten uns fröhlich unsere Nachbarn, dass sie im Wohnungsamt gewesen seien und in eine Warteliste eingetragen worden waren. „Wir bekommen zwei Wohnungen, eine für uns und eine für unseren Sohn,“ erzählte begeistert Olga. In der Ukraine konnte man davon nur träumen. Doch arbeiten kam für Olga nicht in Frage.

Der nächste Tag, ein Sonntag, fing wie gewöhnlich an. Ilya stand wie immer um 6.30 auf. Alle Nachbarn schliefen noch. Für mich begann Stress, meine Kinder wollten spielen und toben, die Nachbarn wollten Ruhe.

„ Deine Kinder stören uns,“ klagten sie immer wieder.

„ Es sind ja Kinder,“ erwiderte ich „ sie können nicht drei Stunden lang still sein.“

Ich hatte kein schlechtes Gewissen, ich dachte nur, wie ungerecht es ist, neun Personen in eine kleine Wohnung zu stecken. Es gab noch eine letzte Hoffnung – die Anzeigen in russischsprachigen Zeitungen zu lesen. Ich fand dort viel Werbung von Reisebüros. Könnte ich in irgend einem Reisebüro eine Stelle bekommen?! 33 Jahre alt, kommunikativ, gute Englischkenntnisse- das waren meine Pluspunkte.

Außerdem hatte ich schon in Petersburg als Reisebegleiterin gearbeitet. Ich fing an zu telefonieren, und nach mehreren Versuchen hatte ich endlich Glück, mit einer Chefin einen Termin zu vereinbaren. Das Reisebüro befand sich in Frankfurt, nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt. Voller Hoffnung fuhr ich nach Frankfurt.

Der Frankfurter Hauptbahnhof war groß wie in Berlin. Ich ging die Gleise entlang zwischen eiligen Passanten aus allen möglichen Ländern und genoss dieses Treiben. Schöne, im klassischen Stil des 19.Jahrhunderts erbaute Gebäude, erinnerten mich an das Petersburger Stadtzentrum. Was hier schöner war, war die Natur. Es war Anfang Frühling. In Petersburg schneit es noch zu dieser Jahreszeit, hier sah alles so grün aus, als gäbe es keinen Winter.

„Hier möchte ich leben“, dachte ich.

Die Chefin des Reisebüros- Frau Larina- war nicht nur eine übergewichtige, sondern eine gewichtige Dame mittleren Alters. Ihr Mann, viel schlanker als sie, und ihr Sohn, arbeiteten alle in der Firma.

„Es gibt bei uns sehr viel Arbeit im Büro und als Reisebegleiterin“, sagte Frau Larina. „Ich helfe dir und du hilfst uns.“

Ich kam voller Freude nach Hause. Frau Larina versprach mir, bald einen Arbeitsvertrag zu schicken. Hoffentlich findet Eugen auch einen Aushilfsjob, dann klappt doch noch alles. Nach einer Woche bekam ich tatsächlich einen Arbeitsvertrag, in dem stand, dass ich ab den 01.04 als Mitarbeiterin des Reisebüros Larin angestellt sei und für meine Arbeit 1000 Euro Gehalt bekäme. Frau Larina teilte mir noch mit, dass während der ersten Zeit mein Gehalt variieren werde. Niemand kann sich vorstellen, wie glücklich wir uns fühlten. Bald darauf fuhr ich nach Frankfurt, um eine Wohnung für uns zu suchen. Ich übernachtete in einer Jugendherberge in Sachsenhausen und besorgte mir haufenweise Zeitungen mit Wohnungsangeboten. Ich hatte nur einen Tag in Frankfurt, Sonntagabend sollte ich wieder in Bayreuth sein. Ich rief viele Vermieter an, und meine Hoffnung eine Wohnung zu finden schmolz wie Schnee in der Sonne. Viele günstige Wohnungen waren bereits vermietet. Bei vielen Anzeigen erreichte man nur einen Anrufbeantworter. Viele Vermieter sagten, dass eine Zweizimmerwohnung (Ich suchte eine 2 ZW, da 3 ZW sehr teuer waren) für vier Personen nicht geeignet sei. Was ist dann mit dem 16 qm Zimmer, in dem wir jetzt wohnen, dachte ich. Die Behörden finden doch, dass es vollkommen ausreicht. Nach fast drei Stunden telefonieren, hatte ich immer noch keinen Erfolg, aber dann wandte sich das Glück mir zu. Ich vereinbarte einen Termin. Ich sollte um19 Uhr dort sein. Die Wohnung befand sich aber nicht in Frankfurt, sondern in einem Vorort. Als ich Niederhöchstadt erreichte, war es schon dunkel. Bis ich mich etwas orientiert hatte, waren schon alle Menschen verschwunden, die sich noch kurz zuvor auf dem Bahnsteig getummelt hatten. So blieb ich ganz allein zurück. Es war schwierig, jemand treffen, den ich nach dem Weg hätte fragen können. So ging ich einfach geradeaus und vertraute meiner Intuition. N. eroberte mein Herz, so schön und friedlich sahen die kleinen schönen Häuser aus, umgeben von viel Grün.

Endlich fand ich die Straße und das Haus. Es war eine Kellerwohnung mit zwei großen Zimmern, Küchennische und einem eigenem Bad. Nach unsere Situation im Wohnheim sah diese Wohnung perfekt aus. Ich versicherte dem Hauseigentümer, dass unsere Familie bereit sei, die Wohnung zu mieten. „ Wir haben noch einige Interessenten“, sagte der Mann. „Wir werden Sie in einigen Tagen benachrichtigen“. Ich konnte nicht zwei Tage warten. Schon am nächsten Morgen rief ich den Vermieter an und bat ihn, sich für uns zu entscheiden. Er sagte zu. Bald überwiesen wir die Kaution und fingen an, unsere Sachen zu packen. Ich bereute es nicht Bayreuth zu verlassen, da uns nichts hielt, außer ein paar netten Menschen, die wir kennen gelernt hatten. Als die Nachbarn von unserer Abreise erfuhren, konnten sie es zuerst gar nicht glauben. Als sie jedoch begriffen, dass es eine Tatsache ist, schauten sie uns erstaunt und respektvoll an. Wir   fuhren ins Ungewisse, Olga und Henrich kauften ein Auto und richteten sich ein bequemes Leben ein.

 

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   Der Tag der Abreise war da. Wir luden alle unsere Sachen in einen Kleinbus ein und fuhren los, von Bayern nach Hessen. Es war Anfang April, die Zeit, in der die Natur zu neuem Leben erwacht. In Niederhöchstadt, wo wir nach fast vier Stunden Fahrt ankamen, schien die Sonne und es lag kein Schnee. Meine Kinder und mein Mann waren begeistert, als sie die Wohnung betraten. Endlich konnten wir uns wie zu Hause fühlen. Hier konnte man endlich schreien, weinen oder springen vor Freude. Die Wohnung war leer und nun mussten wir irgendwelche Möbel besorgen, vor allem Matratzen. Einiges fanden wir im Hof, etwas gaben uns die Nachbarn und etwas der Hausmeister. Wir freuten uns: ein Russlanddeutscher war Hausmeister. Er war etwas überrascht, als wir ihm unsere Geschichte erzählten. Wir spürten aber sofort eine gewisse Kälte von seiner Seite. Sein Gesichtsausdruck sagte uns: „ Ich habe keine Zeit für Euch und Eure Probleme.“ Später wenn wir ihn trafen, wechselten wir nicht mehr als die zwei – drei üblichen Phrasen. Ein vorübergehender Passant, die Leiterin des Kindergartens waren wesentlich zuvorkommender, als unser Landsmann.

Der Kindergarten war ein paar Minuten von der Wohnung entfernt, Frau K. , die Kindergartenleiterin, interessierte sich für uns. Sie nahm bereitwillig unseren Sohn auf und erzählte, und zwar von sich aus, alles, über die Kreisstadt, Behörden … In der nahe gelegenen Schule, in die ich meine Tochter brachte, gab es eine sehr nette Schulleiterin. Nach einem kurzen Gespräch mit meiner Tochter, schlug die Schulleiterin vor, sie gleich in die dritte Klasse aufzunehmen.

Am nächsten Tag nahm ich meine Arbeit im Reisebüro auf. Ich fand sie nicht besonders schwierig: ich musste einfach Büroarbeit erledigen und auf Anrufe antworten. Ich wusste aber nicht, wie viel Geld ich bekommen würde und ob es überhaupt für unseren Unterhalt reichte. Bald fühlten wir uns noch unsicherer: denn nach einigen Wochen empfahl mir meine Vorgesetzte, mich doch an die zuständige Sozialbehörde zu wenden, um Unterstützung zu bekommen.

„Wann bekomme ich mein Geld?“, fragte ich sie.

„ Dein Geld? Du musst noch viel lernen. Du hast noch gar keine Reisebegleitung gemacht.“

„ Wie soll ich dann meine Familie ernähren? Die Miete in Frankfurt ist sehr hoch.Was soll ich tun?“ erwiderte ich.

„ Kein Problem, ich gebe dir, was du brauchst.“

Sie ging in ihr Arbeitszimmer und rief mich nach 15 Minuten hinein. In ihren Händen hielt sie ein Blatt Papier. Sie reichte es mir. „ Kündigung“- las ich. Auf dem Papier stand, dass ich aus wirtschaftlichen Gründen in der Firma ab 1. Juni gekündigt sei.

„ Ich verstehe nicht“, flüsterte ich.

Frau Larina schaute mich an.

„ Was ist nicht zu verstehen?! Du bringst das zum Sozialamt und kannst dort Sozialhilfe beantragen. In dieser Zeit kannst du natürlich weiterhin hier arbeiten. Später – für die Reisebegleitung -bekommst du etwas, einen festen Lohn können wir nicht zahlen.“

Kurz danach fuhr ich nach Hause. Ich war total schockiert. Was sage ich meinem Mann, wie sollen wir in Frankfurt Fuß fassen? Auch der Gedanke, dass ich so schamlos von einer Landsmännin ausnutzt worden war, kränkte mich zutiefst. Für mich kam es nicht in Frage, ohne Bezahlung zu arbeiten.

Tschüss, Frau Larina, ich komme nicht mehr.

 

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Uns blieb jetzt nur noch die Möglichkeit, schnell eine andere Arbeit zu finden. Das schien uns unglaublich schwierig. Das deutsche Einstellungsverfahren -mit Bewerbungsschreiben, Lebenslauf etc. – sogar für die simpelsten Aushilfsjobs- war in unseren Augen vollkommen übertrieben. Wir Beide entsprachen zumeist gar nicht den geforderten Auswahlkriterien.

Natürlich, es gab noch Zeitarbeitsfirmen, die mein Mann und ich aufgesucht hatten. Dort boten locker wirkende und lächelnde junge Leute- ohne jede Scheu- eine Arbeit für 5,- Euro pro Stunde an. Ich hätte gern in ihre zufriedenen Gesichter gespuckt.

Plötzlich fiel uns der Aushang bei McDonalds in Bayreuth ein. In Frankfurt gibt es auf jeden Fall viele McDonalds, dachten wir. Der große McDonalds am Hauptbahnhof war uns schon bekannt. Wir gingen direkt dorthin und nach zwei Tagen wurde mein Mann eingestellt- ohne jede Bürokratie. Obwohl der Stundenlohn bei McDonalds nur 6,- Euro betrug, mit verschiedenen Zuschlägen bekam man doch etwas mehr, gerade genug um Miete zu bezahlen und nicht zu verhungern.

In unserem kleinen Städtchen fühlten wir uns sehr wohl. Unsere Kindern spielten unbeschwert auf vielen verschiedenen Spielplätzen. Wir lernten neue Leute kennen, unter denen auch Russen waren.

Vera war die Mutter der kleinen Olja, die zusammen mit Ilya in den Kindergarten ging. Sie arbeitete und nicht einfach irgendwo, sondern in einer renommierten Kardioklinik als Ärztin. Vera gelang es innerhalb von zwei Jahren nach ihrer Einreise nach Deutschland eine Anstellung als Ärztin zu erhalten. Sie war eine sehr nette, junge und doch schon so erfolgreiche Frau. In ihrer geräumigen Wohnung in einem typischen zweistöckigen Einfamilienhaus war es sehr gemütlich.

Ich dachte bei mir: „Das kannst du auch.“ Meine Seele verlangte auch nach einer seriösen Arbeit, die bezahlt wurde. Englisch zu unterrichten? Dieser Gedanke kam mir immer öfter in den Sinn. Aber ich müsste viel auf Deutsch erklären. Schon beim Vorstellungsgespräch fielen meine schlechten Deutschkenntnisse auf. Daraufhin meldete ich mich bei einem Deutschkurs an der VHS an. I musste den Kurs aus   eigener Tasche bezahlen, aber es lohnte sich. Statt acht Stunden pro Tag, waren es nur zwei Stunden pro Woche, aber das brachte mir mehr. Gleichzeitig fing ich an bei Schlecker zu arbeiten, da das Einstellungsverfahren dort genauso unkompliziert war, wie bei McDonalds. Meine Arbeit bestand darin, zu kassieren und Regale einzuräumen. Die Arbeit an der Kasse lernte ich schnell, es war nicht schwierig. Es gefiel mir nicht, jeden Tag eine Halbe Stunde früher zu kommen und länger bleiben, um Kassenabrechnung zu machen. Diese Stunde wurde nicht angerechnet. Problematisch war, wenn mich einige weibliche Kunden etwas über gewisse Produkte fragten. Oft verstand ich sie einfach nicht, oft konnte ich auf ihre Fragen nicht antworten: Ich wusste nicht, welche Waschmittel oder Cremes besser sind. Aber ich lernte langsam hinzu.

Die Firma sparte an allem: Es gab keine Alarmanlage, keine Klimaanlage. Der Sommer kam und es wurde richtig schwül. Ich hörte jeden Tag die Wettervorhersage und hoffte, dass es nicht zu heiß würde. Oft war ich im Laden ganz allein, das einige Jugendliche geschickt ausnutzten. Sie schlichen sich in einer kleinen Gruppe von vier bis fünf Personen in die hinterste Ecke des Ladens, teilten sich dann auf und einer von ihnen versuchte mich mit Fragen abzulenken. Ich verstand was passierte, versuchte sie von ihrem Vorhaben abzubringen, was nicht klappte. Das bereitete eine gewisse Abwechslung in meinem Arbeitsalltag. Die Frechheit dieser Jugendlichen und das berechnende Benehmen erschütterte mich zutiefst und entsprach nicht meinem Bild von jungen Menschen in Deutschland.

Abends tauschten mein Mann und ich unsere täglichen Eindrücke aus. Im Unterschied zu mir arbeitete Eugen ohne Unterbrechung, wie an einem Fließband. Er war in einem großen Team, dass fast vollständig aus Ausländern, wie er selbst, bestand. Eugen erzählte immer so lustig und eindrucksvoll über andere Mitarbeiter und komische Vorfälle, die während der Arbeit passierten, dass ich das Gefühl hatte, dabei gewesen zu sein. Mein Mann fühlte sich bei McDonalds sowohl wie ein Fisch im Wasser, da er schon in der Heimat gewohnt war, in einem großen Team von jungen Leuten zu sein.

Diese Art von Arbeit war in Russland besser angesehen. Viele McDonalds Mitarbeiter             träumten von irgendeiner- egal welcher- Arbeit. Hauptsache weg von da.

5Im McDonalds bereitete Eugen Hamburger vor, stand in der Küche in der hintersten Ecke, zwischen heißen Herden. Er traute sich nicht zu der Kasse zu arbeiten. „Du kannst dir nicht vorstellen, was für ein Andrang von Menschen dort immer ist. Und die meisten von ihnen sind nicht sonderlich nett.“

Bei Schlecker war es viel ruhiger. Meine Kundschaft bestand hauptsächlich aus zwei   Gruppen: es nicht eilig habenden Rentnern, die in der Regel durch den Laden   schlenderten und zum Schluss nur einen Artikel kauften und junge Mütter, vor allem türkischer Herkunft, mit Kinderwagen und kleinen Kindern, die viele Waren für ihren Haushalt besorgten und den Laden voll bepackt mit Kinderwindeln, Getränken und vielen Kleinigkeiten verließen.

Bevor ich anfing bei Schlecker zu arbeiten, wusste ich gar nicht, dass es so viele Haushaltsartikel gibt und genügend Menschen, sie zu kaufen. Ich staunte immer wieder darüber, dass die Kunden für meine Begriffe oft nicht nützliche Artikel erwarben und dies, wie mir schien, nur, weil sie im Sonderangebot waren.

 

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Eines Tages besuchte ich das Schulamt und stellte dort einen Antrag auf Anerkennung meines russischen Diploms. Ich vermisste schon meine frühere Lehrtätigkeit. Beim Schulamt wurde mir erklärt, dass in Deutschland ein Lehrer immer zwei Fächer unterrichten muss. Sollte ich noch ein zusätzliches Fach studieren oder sogar zwei, weil Russisch zu selten ein Unterrichtsangebot ist ? Das wollte ich nicht. Alles muss zu richtigen Zeit geschehen. Mit 35 studieren fand ich einfach dumm. Da bekam ich ein Tipp von einer Schulamtsmitarbeiterin: eine bekannte Stiftung unterstützt Hochschulabsolventen und bietet verschiedene Programme an

Und tatsächlich gab es z B. für Lehrer eine sozialpädagogische Ausbildung in der Form eines Fernstudiums. Das fand ich interessant und in meiner Lage sinnvoll.

Das sogenannte Auswahlseminar fand in einem Hotel am Rhein statt. Dorthin kam ich mit einem Schnellzug (vorher bekam ich das Ticket zugeschickt).

Beim Betreten des Hotels wurde ich herzlich begrüßt und zum Frühstück eingeladen. Im Restaurant sah ich viele Frauen. Ich erkannte sofort an ihrer Art und Weise, dass sie aus Russland stammten. Die meisten von ihnen waren in meinem Alter, noch jung, gut aussehend, schön gekleidet und voller Hoffnung. Einige von ihnen wohnten noch weiter weg als ich und waren länger als fünf Stunden unterwegs gewesen. Aus 30 Kandidatinnen sollten zehn ausgewählt werden.

In einem großen Raum warteten auf uns zwei Frauen und ein Mann. Sie lächelten und waren sehr freundlich. Vor ihnen befand sich ein Tisch mit verschiedenen Getränken.

„Guten Tag, Frau Z.“, wandte sich Frau M.- die Programmkoordinatorin- lächelnd an mich. Erzählen Sie bitte etwas über sich…“ Das Interview dauerte nicht länger als zehn Minuten, danach spazierte ich durch die Stadt. Es war ein netter Ort, das Rheinufer sah wunderbar aus, kleine gemütliche Weinläden schafften eine besondere Atmosphäre. Ich fühlte mich einfach toll und war dankbar für die Gelegenheit hier zu sein.

Natürlich war ich froh, als ich meinen Namen unter den zehn ausgewählten Kandidatinnen sah. Plötzlich stand Frau M. Neben mir. Sie beglückwünschte mich herzlich und verbreitete ein Gefühl von Feierlichkeit. Alle Glückspilze wurden zusammengerufen und nochmal zu beglückwünscht.

Auf dem Heimweg hatte ich ein zwiespältiges Gefühl. Einerseits wollte ich an mein Glück glauben, andererseits sagte mir meine innere Stimme, dass etwas nicht richtig ist. Praktisch bedeutete dieses Studium für mich: ein Jahr lang einmal im Monat, Samstags, nach Leverkusen zu fahren und dort ein sozialpädagogischen Seminar zu besuchen. Am Ende standen einige Prüfungen an und ein dreimonatiges Praktikum. Nach einer Woche bekam ich eine große Menge von Unterrichtsmaterialien, die aus theoretischen Texten bestanden, die bei mir sofort ein Gefühl der Abneigung weckten.

Zur selben Zeit kam ein Programm der VHS Frankfurt in meine Hände. Dort sah ich   verschiedene Angebote an Russischkursen. Daraufhin rief ich bei der VHS an, um mich zu erkundigen, ob sie noch Lehrkräfte bräuchten. Die VHS in Frankfurt brauchte niemanden, aber es gab noch andere Niederlassungen in der Umgebung. Schließlich hatte ich Erfolg. Die Schulleiterin Frau K. empfing mich persönlich und willigte ein, es mit mir zu versuchen. Sie erzählte mir, dass der letzte Russischkurs vor 10 Jahren stattgefunden hatte. Damals waren alle begeistert von Gorbatschev und viele wollten Russisch lernen, aber mit dem Wandel in Russland erlosch auch das Interesse an der Sprache.

Mein Kurs wurde ins VHS Programm aufgenommen, ich hoffte, dass sich genügend Teilnehmer anmeldeten. Ehrlich gesagt, glaubte ich nicht, dass jemand Russisch lernen wollte, die Stadt war einfach zu klein. Zu Kursbeginn erschienen genügend Teilnehmer, und jeder von ihnen hatte einen bestimmten und ganz persönlichen Grund, Russisch zu lernen.

Meine ersten Schüler werde ich nie vergessen. Ich wollte sie nicht enttäuschen. Eine Fremdsprache ist wie eine fremde Welt, die man oft unsicher betritt.“Soll ich überhaupt dahin gehen?“fragt man sich. Wie ein Kind, das nicht weiß, was es erwartet, was und wie lange es noch lernen muss. Und was macht einen guten Lehrer aus? Er soll wie ein erfahrener Kapitän sein, der seine Matrosen führt und begeistert. Die Reise sollte auf keinen Fall langweilig sein, schließlich möchten alle Teilnehmer auch Spaß haben. Man lernt eine Fremdsprache, um zu kommunizieren, und sollte bekommen, was man erwartet, nämlich- Kommunikation. Erstens, Kommunikation, zweitens, Kommunikation und drittens, Kommunikation. Und der ganze Prozess soll leicht und gleichzeitig spannend gestaltet sein. So unterrichtete ich in Russland und so machte ich es auch hier.

   Kurz darauf fing mein Fernstudium an. Ich fuhr früh morgens nach Leverkusen zum vorgesehenen Seminar. Das Seminar ging von 10 bis 16 Uhr und enttäuschte mich vollkommen. Es war wieder, wie bei Frau Franz: anstatt zu sprechen, etwas Neues zu erfahren, mussten wir jeder für sich Sachtexte lesen, das ich auch zu Hause hätte machen können. Ich vermisste jeglichen Praxisbezug und dachte mir: „Hoffentlich, endet alles schnell.“ Die nächsten Seminare verliefen genauso langweilig und sinnlos. Andere Teilnehmerinnen waren genauso enttäuscht, wie ich. Wir hofften nun, dass das Praktikum uns etwas bringt. Die Praktikumsstelle mussten wir selbst suchen. Unsere Koordinatorin wiederholte ständig, dass es der wichtigste Teil des ganzen Programms und unser Ziel nichts anderes sei, als anschließend eine Arbeitsstelle zu bekommen.

„Sie haben die einmalige Gelegenheit, eine Stelle zu bekommen“, behauptete sie ständig, Wir setzen unsere Hoffnung auf euch“. Es war alles übertrieben- die Gespräche, die Erwartungen, der Druck.

Um einen Praktikumsplatz zu finden, besuchte ich mehrere Wohnheime in Frankfurt und Umgebung und führte Vorstellungsgespräche mit den Leiten der Einrichtungen. Diese Wohnheime sahen dem Wohnheim, in dem wir früher selbst lebten, ähnlich. Auch die Leiter waren zum Verwechseln. Sie waren nicht besser als Wächter. Es kam mir keine Herzenswärme entgegen, nur kühle Blicke. Sie waren unauffällig, beinahe gleichgültig. Ich hoffte nicht länger einen liebenswerten Menschen zu treffen, bis ich zu Frau T kam. Sie war von Anfang an sehr herzlich. Schon beim ersten Mal sah ich, wie die Menschen auf sie zugingen. Ihre ganze Figur drückte Mitleid mit den Menschen aus. Sofort wollte ich bei ihr ein Praktikum machen.

Wie ich später merkte, mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht. Frau T. war eine außergewöhnliche Sozialarbeiterin. Sie machte viel mehr als üblich für die Bewohner des Heimes. Ihr gelang es die Einwohner der Stadt für die Belange der Einwanderer zu interessieren. Rund 30 deutsche Familien und Einzelpersonen kamen regelmäßig in das Wohnheim, um einzelne Familien zu betreuen und zu unterstützen. Es schien, ein gegenseitiges Interesse vorhanden zu sein. Ich bewunderte das Engagement von Frau T. Und wie gut es es ihr gelang, alles zu organisieren.

Während den Sprechstunden, bei denen ich dabei war, fiel mir auf, dass manche der Einwanderer sich viel zu sehr auf die Hilfe der Sozialarbeiterin verließen, sich dabei selbst jedoch völlig verantwortungslos verhielten. So erschien der18-jährige Vitali nicht zum vereinbarten Deutschunterricht, sein Betreuer wartete fast eine Stunde umsonst auf ihn. Im Wohnheim gab es manchmal schlimme Situationen, wie z B. Schlägereien unter Alkoholeinfluss, bei denen die Polizei gerufen werden musste. Für mein Empfinden fehlte im Wohnheim eine „starke Hand“. Es wäre noch besser gewesen, wenn es zusätzlich zu der „Mutterperson“ noch eine „Vaterperson“ gegeben hätte. Die Realität war aber eine andere. Leider wurde die einzige Stelle einer Sozialarbeiters auch noch gestrichen. Frau T. war selbst überrascht, als sie diese Nachricht erhielt. Bei der Abschiedsfeier weinte sie. Angesichts dieses Vorfalls gab es für mich keine Hoffnung mehr, eine feste Stelle im Wohnheim zu bekommen. Nach einer gewissen Zeit der Enttäuschung merkte ich, dass mir eine Arbeit mit reifen, „erwachsenen“ Menschen wesentlich mehr ansprachen würde, als mit solchen, die große Probleme hatten. Mir reichten meine beiden eigenen Kinder und mein Ehemann, um die ich mich ständig kümmern musste.

Beim nächsten Treffen in Leverkusen erfuhr ich, dass auch alle anderen Praktikantinnen keine Stelle erhalten hatten. Es war für alle traurig: vergeudete Zeit und unerfüllte Hoffnungen. Ich verstand nicht, weshalb diese Maßnahme sich so ineffektiv gestaltet hatte.

   Innerhalb der nächsten drei Monaten bewarb ich mich erfolglos. Meine Karriere als Lehrerin entwickelte sich dagegen rasch. Bald unterrichtete ich schon an drei Schulen, und mein Terminkalender war voll. Auch Eugen, mein Mann, fand endlich eine andere Arbeit bei einer Schrottfirma. Er wurde eingestellt, nachdem in der Firma ein Arbeitsunfall passierte. Es war ein sozusagen unglücklicher Zufall, da sein Vorgänger bei einem Arbeitsunfall ein Bein verloren hatte. Bald merkte Eugen, dass das Betriebsklima sehr schlecht war. Kaum einer konnte den Chef zu ertragen. Er schrie die Arbeiter an, beleidigte sie, oft ohne jeden Grund. Außerdem war die Arbeit selbst nicht die leichteste: der ganzen Tag draußen und das bei jedem Wetter. Vielleicht, auch deshalb waren Arbeitsunfälle hier keine Seltenheit. Jetzt geht Eugen morgens gern aus dem Haus, kommt abends zufrieden zurück. Nun endlich fühlt er sich zugehörig, trägt mit Stolz seine Arbeitskleidung. Die Firma zahlt zuverlässig, und Eugens Lohn ist nicht schlecht.

Heute können wir sagen: wir haben uns eingelebt. Wir lieben nun auch das, was den Deutschen Spaß macht: Märkte und Flohmärkte, kleine und große Reisen, italienisches Eis, Fahrrad fahren.Wir genießen das gemütliche und ruhige Leben, das wir hier eingetroffen haben.

 

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Über Lina Zasepskaya

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