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Integrationszentrum Mi&V e.V. – Mitarbeit und Verständigung

Ljova

Im Sommer 1945 spielten wir, ich und meine Geschwister, damals noch Kinder, im Garten neben unserem Haus. Ich kletterte an der steilen Überdachung unseres Aufschüttkellers. Die Erde unter meinem Fuß rutschte weg und plötzlich glänzte darunter ein metallisches Brillengestell. Mit dem Fund rannten wir zu unserer Mutter. Als sie das Brillengestell sah, fasste sie sich ans Herz: „Ah, ich weiß, wessen Brille das war…“

 

…Er war etwa vierzig Jahre alt. Nach dem Tod seiner Mutter wohnte er in seinem Haus ganz alleine. Ein schwächlicher, sehr kurzsichtiger, zurückgezogen lebender Mensch. Viele Jahre arbeitete er als Buchhalter in einer Behindertenwerkstatt. Zurückhaltend, schweigsam, unsichtbar. Sein Name war Ljova.

Als sich die Deutschen der Stadt näherten, wurde die Behindertenwerkstatt evakuiert, er wurde aber schlicht und einfach vergessen und zurückgelassen. Er wagte sich selten aus dem Haus und hätte nicht sicher sagen können, wann die Rote Armee die Stadt verlassen hatte und die Deutschen kamen. Irgendwo hatte es gedonnert, die Eisenbahnstation wurde gebombt. Auf der Strasse klirrten die Panzer, aber er konnte nicht sehen, wessen Panzer das waren, denn sein Haus stand weit von der Strasse, tief im Hof.

Die ganze Nacht lang war es ruhig. Am Tag ging er in die nahe Bäckerei, um Brot zu holen. Die war aber geplündert, das Fenster war aufgebrochen, die Tür stand weit offen, die Regale waren verwüstet. Am nächsten Tag brachte eine Nachbarin ihm ein Stück selbstgebackenes Brot. Der ausgehungerte Ljova wiederholte dankbar und ratlos immer wieder „Danke, o, danke!“ und wollte bezahlen. Die Nachbarin aber lehnte das Geld ab. „Lieber geben Sie mir das Mehl, wenn Sie welches haben, ich werde dann auch für Sie backen.“ Zum Glück fand sich das Mehl.

Ljova brauchte Wasser. Der Brunnen befand sich sehr nah an seinem Haus. Er legte die Brille ab, da er die Angst hatte, sie in den Brunnen fallenzulassen.

Irgendwas Beunruhigendes geschah in den nahe liegenden jüdischen Häusern. Brutale Schreie auf Deutsch und Ukrainisch waren von dort hörbar. Die Kinder weinten, die Frauen jammerten. Ljova zog bereits den vollen Eimer heraus, als ein großer Mann an ihn herankam und den Eimer mit einem Fußtritt aus Ljovas Händen herausschlug. Dann stieß er Ljova zu der vorbeieilenden Menschenmenge hinüber. Ohne Brille konnte Ljova kaum die Umrisse der Menschen erkennen und fragte, sich an Niemand unmittelbar wendend: „Was ist passiert? Wohin gehen wir?“

Eine Stimme antwortete: „Alle Juden werden ins Ghetto zusammengetrieben“.

Durch Schreie und Getrampel hörte Ljova plötzlich die Stimme von Vassilij, eines ehemaligen Mitarbeiter der Behindertenwerkstatt, der jetzt zum Polizeimann wurde: „ Куди подався? Купи тримайся!“ (Wohin? An der Gruppe halten!“). Ljova drängte sich an die Stimme heran: „Vassilij, ich bin doch ohne Brille völlig blind. Lass mich meine Brille holen! Das ist ganz nah! Ich komme sofort zurück, ich komme nach!“

„Nein! Nicht erlaubt!“

„Vassilij, ich bitte dich sehr. Ich bin doch ohne Brille verloren! Ich habe dir doch auch was Gutes getan. Erinnerst du dich?“

Als Vassilij einst betrunken war und Blödsinn machte, hätte er seine Arbeitsstelle verlieren können, wenn nicht die gute Seele, Ljova, ein gutes Wörtchen für ihn gesagt hätte.

„Lauf, aber schnell! Ein Bein hier, das andere Bein dort! Verstanden?“

Ljova lief hoch die Beine hebend aus Angst zu stolpern und zu stürzen. Seine Haustür stand nun offen. Jemand kramte im Haus herum. Als die Einbrecher Ljova gesehen hatten, liefen sie weg, fest ihre Beute an sich drückend.

Ljova wühlte fieberhaft auf dem Tisch herum. Die Brille war nicht auffindbar. Er durchsuchte das Bett, die jetzt leere Kommode, führte seine Hände über die Fensterbänke. Er ließ sich auf die Knie nieder und streichelte die Bodenbretter. Die Brille war weg. „Gestohlen!“, dachte Ljova verzweifelt. Er erhob sich von den Knien, dabei streifte er die zerknitterte Tischdecke. Sie fiel herunter, stumpf auf dem Boden aufschlagend. Alleine konnte die Tischdecke dieses Geräusch nicht machen. Irgendetwas Schweres versteckte sich in ihren Falten. Ein Messer? Ein Löffel?. Oder das Brillenetui? Ljova durfte an sein Glück nicht glauben. Er hob die Tischdecke hoch und kniend, vorsichtig, den Boden kaum berührend betastete er sie. Ja! Eine vertraute, glatte Oberfläche berührte zärtlich seine Hand.

„Oh!“- Ljova setzte sich auf den Boden, mit beiden Händen das Etui umklammernd. „ Gott sei dank! Ich habe sie!“

Wunderbares Besänftigungsgefühl überkam ihn. Er holte tief Luft und schloss die Augen. Plötzlich sprang er hoch, wie vom Blitz getroffen, setzte die Brille auf und lief aus dem Haus. Laufen! Die Kolonne einholen!

Plötzlich hörte er eine junge Stimme: „Диви! Жид тiкає ! Ловийого!“ („ Guck mal, ein Jude läuft weg! Fangt ihn!“)

Der Instinkt funktionierte sofort. Weglaufen!, Sich verstecken! Verschwinden!.

Ljova sprang wie ein Hase über die Strasse und schlich in die erstbeste Zauntür hinein. Von dort in den schattigen Nachbarsgarten. Wohin weiter? Er hörte das Getrampel seiner Verfolger. Am Ende eines engen Pfades stand ein Klosett – ein hölzernes Häuschen mit schrägem Dach, „Latrine“. Er sprang dort hinein, schloss die Tür und sofort verstand er seien Fehler. Von hier konnte er nirgends mehr weglaufen. Er saß in der Falle.

Und sie waren schon da.

„Aufmachen! “- rief jemand auf ukrainisch mit groben Stimme und stieß mit einem schweren Stiefel an das Türchen. Es sprang auf und hing nun nur auf einem Türband. Die Drei standen davor , den Ausweg hindernd. Offen blieb nur die Seite zum aufgeschütteten Kellerdache. Ljova stürmte dorthin. Er verstand die Hoffnungslosigkeit seiner Lage und trotzdem krabbelte er aus aller Kraft hoch, sich am Gras haltend, die Fingernägel brechend, sich an die Erde klammernd.

In wenigen Sprüngen wurde er eingeholt. Zwei Erwachsene und ein Jugendlicher.

„Втекти хотiв, жидiвська морда?“ („Weglaufen wolltest Du, verdammter Jude!“), sagte der kräftige Mann mit tiefer Stimme und schlug Ljova mit seiner schweren Faust ins Gesicht. Die Brille fiel ins Gras herunter und der Schläger drückte sie mit seinem Stiefel in die Erde hinein. Das Blut lief Ljova aus der Nase und gerann auf dem Kinn und auf seiner Jacke.

„Die Kleidung macht er kaputt. Die Jacke ist doch gut.“ Sagte der Großwüchsige. „Los, zieh die Jacke aus, du Scheusal!“. Schon hatte er den schwächlichen Ljova aus seiner Jacke buchstäblich herausgeschleudert. „Und gib die Hose her!“

„Ha, ich habe noch nie einen Beschnittenen gesehen“ – sagte der Jugendliche. „Bestimmt ist er beschnitten.“

„Natürlich, reinblütig“, antwortete der Kräftige. „Hose runter!“

Ljova fasste sich krampfhaft an seine Hose: „Was machen Sie? Bitte nicht!“

„Los, los!“ schlug ihn der Großgewachsene an die Brust.

„Oh, was habe ich Ihnen denn getan? Habt Mitleid! Wofür?“ Ljovas Gesicht verzerrte sich, aus den Augen strömten die Tränen.

„Guck mal, er fragt noch wofür. Dafür, dass du Scheißjude bist, den Christus gekreuzigt!“

Der Junge fasste Ljova ans Hemd und zerrte es an sich. Die Knöpfe sprangen auseinander, das Hemd öffnete sich und die herausstehende Schlüsselbeine, die eingefallene Brust und die hervortretenden Rippen wurden entblößt! Der Kräftige schlug ihn auf den Kopf so stark, dass es Ljova schwarz vor Augen wurde.

„Ausziehen! Sagt man dir doch!“

Mit zitternden Händen begann Ljova, den Gürtel aufzumachen. Die Hose glitt leicht von seinen schmalen Hüfen herunter.

„Unterhose vergessen!“

Ljova zitterte vor Angst und Erniedrigung. Sein Gesicht war qualvoll. Mit diesem Gesicht, hervortretenden Rippen, eingefallenem Bauch und hängendem Kopf ähnelte er erstaunlich genau einem Heiligen, einem Märtyrer, vor dem die gläubigen, barmherzigen, christlichen Frauen in der Kirche weinten.

„Wie räudig ist er!“ Der Lange schlug Ljova mit aller Wucht mit dem Bein in den Unterleib. Ljova schrie auf und stürzte auf das Grass herunter, die Hände an den Bauch gedrückt.

„Und was machen wir jetzt mit ihm? Wie werden wir ihn zum Ghetto schleppen?“ – fragte der Jugendliche

„Denkste, ich werde mich mit dem Scheißdreck herumschleppen!“ antwortete die grobe Stimme des Größeren. „Verstecken wir ihn dort, wo er sich selbst versteckte.“

Er packte Ljova an den Beinen und zog ihn auf der Erde. Ljova wehrte sich nicht mehr. Er war wie tot.

Es wurde versucht, Ljova in die runde Öffnung der Latrine hineinzudrücken, sie war aber zu klein dafür. Dann packte der Größere ein Brett aus dem Boden. Es hielt nur an einem verrosteten Nagel fest und sprang nach geringer Anstrengung heraus. Die tiefe Grube mit der grauen Masse herumkriechender Würmer öffnete sich. Der Gestank prallte als straffe Welle hervor.

Тудийого! (Hinein mit ihm!)“

Ljova stöhnte nur schwach, als er in die Grube hinunter gestoßen wurde. Der Kräftige legte das herausgerissene Brett wieder zurück und schlug mit dem Stiefelabsatz drauf. Er nahm den alten Eimer, der in der Ecke stand, und verschloss die Latrinenöffnung fest. Mit dem Fuß schlug er den Eimer noch fester hinein und ging in die frische Luft heraus.

Die Nachbarin, eine alte Frau sah das Geschehen aus ihrem Fenster hinter dem Fenstervorhang stehend. Mit zitternder Hand bekreuzigte sie sich dauernd und eng und flüsterte nur: „Erbarme Dich, Herr!“… Sie wagte sich nicht aus dem Haus, stand aber noch lange neben dem Fenster und hoffte, dass Ljova sich auf irgendwelche Weise befreien könnte und herauskommen würde. Sie öffnete das Klappfenster und horchte, ob vielleicht Schreie hörbar wären. Aber es war still. Und niemand kam heraus…

 

Das war das erste Opfer des Holocausts in unserem Städtchen. Massenerschießungen von Juden begannen erst zwei Monate später.

 

Hannover, Februar 2005.

Übersetzt von Efim Mokov

 

 

Bedko

 

Während des Krieges befand sich unweit von unserem Hof eine Flugabwehrbatterie. Durch einen direkten Bombentreffer wurde sie zerstört. Dabei wurde das Dach unseres Hauses buchstäblich wie ein Sieb durch die Splitter durchlöchert. Und jetzt war das Dach undicht. Was das bedeutete, haben wir in wenigen Tagen nach unserer Rückkehr vom Evakuierungsort begriffen. Es regnete. Nur eine Ecke im Haus blieb trocken. Unsere Muttererrichtete die Schlafstelle auf dem Boden. Sie legte uns, drei Kinder, darauf, und sie selbst setzte sich auf einen im Schuppen gefundenen Hocker und saß so die ganze Nacht lang. Am nächsten Morgen begaben wir uns auf die Suche nach allen möglichen Gefäßen begeben ,die man unter die undichten Stellen am Dach stellen könnte. Wir fanden viele verschlissene Töpfchen. Aus der Erde ragten Töpfe aus Gusseisen, es lagen verformte Eimer herum, auch viele schwarz gewordene Schüsseln und Soldatentöpfe aus Aluminium gab es reichlich. Das alles platzierten wir auf dem Dachstuhl. Wenn der Regen anfing, liefen wir hinauf, schütteten das Wasser aus den Gefäßen in einen Eimerund entleerten diesendraußen. So war es tagsüber. Nachts war es in dem Dachstuhl dunkel und man warbange, man könnte herunterstürzen und sich verletzen. Das Geschirr lief über und es begann von der Decke zu tropfen. Es tropfte langsam und geräuschvoll – „Gluck!.. Gluck!.. Oder wie ein schneller Trommelwirbel einer Pionier-Trommel – ta-ta-ta! Ta-ta-ta! Oder heiser, mit Verzug – Spa! Spa! Und manchmal mit dem zartem Klang von Kristall – ding! Ding! Unter dieser fast musikalischen Begleitung ergriff die Seele das Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Schwermut. Überall in der Wohnung standen Schüsseln, Schoppen, Becken, Eimer. Die Kleidung wurde nass. In der Luft stand Nebel. Wir drängten uns in dieEcken, in denen es einigermaßen trocken war. Über uns tropfte es.

Eine schwierige, aber überlebenswichtige Aufgabe war es, das Dach zu reparieren. Womit das Dach decken? Natürlich mit Teerpappe. Das war am billigsten. Aber auch dafür fehlte das Geld. Auf eine fremde Hilfe gab es keine Hoffnung. Alles lag auf den Schultern unserer Mutter. Sie sparte an allem. Unsere Proviantration wurde drastisch gekürzt. Für eine kleine Pension, die Mutter für den früh verstorbenen Ehemann, unseren Vater, bekam, kaufte sie zwei, drei Packungen Teerpappe. Sie verkaufte Gurken aus unserem Gemüsegarten, Äpfel und Pflaumen aus dem Garten – und kaufte eine Packung Teerpappe. Außerdem wurden noch Nägel und die hölzernen Latten benötigt. Die Zeit drängte. Der Herbst kam immer näher und das Dach musste dringend repariert werden. Die Mutter zählte immer wieder nach, wie viele Packungen Teerpappe bereits vorhanden waren. Es fehlten noch sehr viele.

Das Haus bestand aus einem Wohnbereich und einem großen Schuppen. Früher war es ein Gasthaus mit einem Pferdestall. Die hölzernen Trennwände zwischen den Stallverschlägen waren längst auseinandergenommen. Die kräftigen, hohen Pfähle, an denen sie befestigt waren, standen aber noch unberührt. An diesen Pfählen waren hölzerne Schildchen mit den Namen „Krähe“, „Schwalbe“, „Adler“ angebracht. Der Dachstuhl des Wohnanteils war von dem des Pferdestalls nicht getrennt. Man gelangte über eine angelehnte Leiter hinein. Früher befand sich dort ein Heuboden. Das Dach über dem Schuppen hatte durch die Bombensplitter weniger gelitten, und das war ein Glück, weil die vorhandene Teerpappe nicht für das ganze Dach reichte. Mutter verkaufte ihr seidenes Kleid, das sie während des Krieges in einem Koffer aufbewahrte, noch etwas Geld lieh sie aus, um die Handwerker zu bezahlen.

Und dann kam der Tag. Zwei junge Männer kamen, holten die Teerpappe, Nägel und Holzlatten aus dem Schuppen heraus, und begannen alles auf das Dach hochzutragen. Wir Kinder, unsere Mutter sowie ein paar Nachbarn beobachteten die arbeitenden Männer. Der Tag war sonnig und heiß. Die Arbeit ging zügig voran. Die Stimmung war freudig: dort auf dem Dach geschah die Traumerfüllung! Die schlaflosen Nächte, mageres Essen, bedrückendes Geräusch der fallenden Tropfen, Gelenkschmerzen durch die ewige Nässe im Haus – alles war überstanden. Ende dieses Elends!

Das Dach sah wunderbar aus! Die gelben Holzlatten auf dem grauen Hintergrund machten es schmuck. Ein alter Mann aus der Nachbarschaft hatte noch geraten, das Dach mit Teer zu tränken. Den Teer zu kaufen und schon wieder für diese Arbeit zu bezahlen war jedoch undenkbar. „Später“ – sagte die Mutter munter. – „Hauptsache, dass das Dach jetzt dicht ist. Und danach nehmen wir unsere Kräfte zusammen und lassen das Dach mit Teer tränken!“

Ende Juli war es ungewöhnlich heiß. Zum Mittag wurde die Hitze unerträglich. Abends begossen wir den Gemüsegarten und mittags wurde die Erde hart wie Stein und rissig. Die Blätter verblassten und hingen kraftlos herunter. Nun begann der Himmel über dem Horizont langsam dunkel zu werden. Der Abend kam schneller als sonst. Die weißgipfligen Wolken mit dunklem Grund ballten sich langsam über dem Städtchen zusammen. Wir schauten sie furchtlos an. Das Dach war dicht! Wir würden nun nicht mehr auf den Dachboden laufen müssen um das Wasser auszuschütten!

Der Regen kam, als es bereits ganz dunkel war. Plötzlich stürmte eine Windböe heran. Der Wind pfiff, es blitzte. Das blaue Licht peitschte die Augen, die Dunkelheit zwischen den Blitzen schien noch schwärzer zu werden. Der Donner zerriss den Himmel direkt über dem Kopf. Man wollte sich zusammenrollen und die Ohren mit den Händen verschließen. Und plötzlich trotz des brausenden Sturmes hörten wir wieder das bekannte, wehmütige Rattern der fallenden Tropfen. Das Dach war undicht!

Der Sturm wütete nicht lange. Als wir uns nachSonnenaufgang aus dem Haus trauten, sahen wir etwas Furchtbares. Der Sturm hatte die ganze Teerpappe weggerissen. Ein paar Fetzen waren zwischen den Baumästen hängen geblieben, hässliche Klumpen von Teerpappe lagen auf dem Boden herum, die schwarzen Streifen breiteten sich im Obstgarten aus. Die scharfen Enden von gebrochenen Holzleisten mit herausragenden Nägeln waren hier und da zu sehen.

Unsere Mutter stand wie erstarrt, von diesem Unglück völlig niedergeschmettert. Bleiches Gesicht, trockene Augen, zusammengepresste Lippen, zu früh ergrautes Haar, Hände an die Brust gedrückt. Inbegriff der Schutzlosigkeit und des Unglücks.

Die Nachbarn kamen mitfühlend seufzend:

„O, Gott, wie konnte das denn passieren?!“

Und ein alter Mann aus der Nachbarschaft sagte mit dem Kopf bekümmert wackelnd:

„Was für Gesindel, was für Lumpen! Die haben die Holzlatten nicht an die Holzbretter angenagelt, sondern nur die Nägel ins Blech eingeschlagen. Natürlich war es so leichter und schneller! Was für Schmarotzer, kein Gewissen, keine Scham!“

„Ja, waren die Nachbarn mit ihm einig, – wäre der Hausherr da gewesen, wäre er mit aufs Dach gestiegen und hätte aufgepasst, wohin die da die Nägel einschlagen! Was kann man schon von unten sehen…“

Nachdem die Nachbarn ihr Mitgefühl zum Ausdruck gebracht hatten, gingen sie auseinander. Etwas auszubessern war nicht mehr möglich. Alles musste man von neuem anfangen, und dafür gab es weder die Mittel noch die Kraft…

Die Lage war aussichtslos. Die Mutter hatte sich von der Außenwelt abgewandt, gab sich ihren Gedanken hin und sagte uns lediglich kurz, was wir zu tun hätten. Wir beeilten uns das alles zu erfüllen. Uns war klar, wie schwer es ihr war und wir wollten ihr helfen, womit wir auch konnten. Was konnten wir aber tun?

So standen die Dinge, als eines sonnigen, warmen Tages an unsere Haustür geklopft wurde und ein fremder Mann ins Zimmer eintrat. Wir schauten ihn verwundert an. Etwas Schreckliches war an diesem Mann. Man konnte ihn nicht als hochwüchsig bezeichnen, aber er wirkte, obwohl er nicht dick war, massig und breit. Das Gesicht war groß, grob und unattraktiv. In die sehr niedrige Stirn zog sich von oben ein Keil borstigen Haares. Die Nase war lang, fleischig. Schwere Augenbrauenbogen hingen über den eng beieinander liegenden, kleinen Augen. Der Hals fehlte. Der Kopf saß direkt auf den breiten Schultern. Der Kragen von der Jacke schnitt in den Nacken. Auffällig waren außerdem seine Arme. Sie waren sehr lang, fast bis zu den Knien reichend. Die Hände waren sehr groß, am Rücken stark behaart. Offensichtlich waren das sehr kräftige Hände.

„Guten Tag, gnädige Frau, sagte er mit rauer, tiefer Stimme. Eigentlich bin ich gekommen, um Sie zu fragen, ob Sie mir Ihren Schuppen verkaufen würden.“

Die Mutter sah ihn zunächst erschrocken, dann aber mit Verwunderung und Verwirrung an.

„Wofür brauchen Sie meinen Schuppen?“

„Ich werde mir daraus ein Häuschen, eine Bleibe machen. Ich wollte nur fragen. Vielleicht werde ich noch etwas anderes finden.“

„Natürlich finden Sie noch etwas! Wie ist es schon möglich in einem Schuppen einen Wohnraum einzurichten?“ Die Mutter sagte das mit deutlich hörbarerErleichterung in der Stimme.

„Na dann, auf Wiedersehen. Vielleicht schaue ich nochmals bei Ihnen vorbei.“

Als er ging, kam die Nachbarin gelaufen.

„Was wollte dieser Kerl von Ihnen? Ich habe gesehen, wie erum Ihren Schuppen herumgeht, die Wände mit der Faust, mit den Füßen beklopft– die Pfosten, sich alles anschaut. Schrecklich sieht er aus, wie ein Mischling von einem Gorilla und einem Wildschwein. Was wollte er?“

„Den Schuppen wollte er kaufen.“

„Schuppen? Wofür braucht er einen Schuppen?“

„Um eine Wohnung daraus zu machen.“

… Die Mutter saß am Tisch, den Kopf mit der Hand stützend, und dachte nach. Das war ein Ausweg: den Schuppen zu verkaufen und das Dach decken zu lassen! Nie wäre sie auf diesen Gedanken gekommen. Wer hätte schon den Schuppen gebrauchen können? Ja, einerseits wäre das eine Rettung. Andererseits wollte sie auf keinen Fall so einen Nachbarn haben. Was sollte sie nun tun? Vielleicht kam er überhaupt nicht mehr?

Aber er kam. Und sogar nicht alleine, sondern mit seiner Ehefrau und zwei Kindern. Ein Gespräch begann. Er stellte sich vor: Bedko war sein Nachname, den Vornamen seiner Frau nannte er auch: Grunja.

Sie passten überhaupt nicht zueinander. Grunja war mindestens 20 Jahre jünger als er, eher klein, von schwächlichem Körperbau und sehr schön. Der dicke, dunkle Zopf war am Hinterkopf zusammengerollt. Die Augen waren braun, mit bläulichen Lidern und sehr ruhig. Der Schatten von den langen, dichten Wimpern machte ihren Blick tief und traurig. Alles im Gesicht dieser Frau war harmonisch und man hätte lange den Anblick dieses Gesichtes genießen mögen. Das konnte man aber nicht. Die Frau war sehr schüchtern und verletzlich. Das spürte man sofort und es machte sie sehr sympathisch. Man wollte ihr gegenüber freundlich sein und auf keinen Fall zudringlich werden. Wie sie in ihrer Kindheit war, konnte man an ihren Kindern sehen. Die Mädchen, drei und vier Jahre alt, waren ihrer Mutter sehr ähnlich – und das nicht nur äußerlich, sondern auch in ihrem Wesen. Sie standen sich an die Beine ihrer Mutter schmiegend und während der ganzen Zeit gaben sie keinen Ton von sich. Sie schauten sich nur mit ihren aufmerksamen, braunen Augen um . Sogar Bedko selbst, diese Mischung aus einem Gorilla und einem Wildschwein, wie die Nachbarin genau definiert hatte, wirkte viel menschlicher. Sogar etwas wie Zärtlichkeit konnte man an ihm erkennen, wenn er sich an seine Frau wandte oder die Kinder ansah.

Es kam schnell zum Geschäft. Bedko würde für den Schuppen etwas Geld geben und den Rest würde er damit abgelten, dass er das Dach mit der Teerpappe deckte und zwar sowohl seinen Teil, wie auch den unseren. Das wäre die ideale Problemlösung, wenn uns nicht die Angst gequält hätte, dass wir wieder betrogen werden könnten.

Aber nein. Bedko betrog uns nicht. Als Erstes ließ er die Teerpappe bringen. Es wurden der Teer und statt Holzlatten schmale Blechleisten geliefert. Er brachte noch zwei Helfer mit aus dem Eisenbahnbetriebswerk, in dem er mittlerweile angefangen hatte zu arbeiten. Sie nutzten das gute Wetter voll aus und deckten auf irgendeine besondere Weise das Dach, durchtränkten es mit Teer und bestreuten es mit Sägemehl . Das Dach sah unspektakulär aber zuverlässig aus. Danach fuhr Bedko den Ton, das Heu, die Holzbretter, die alten Eisenbahnschwellen ein und begann zu bauen.

Er arbeitete ganz alleine. Und wie hat er gearbeitet! Er hatte Bärenkräfte. Die verfaulten Pfeiler sägte er ab, stellte stattdessen durchgesägte und mit Teer wieder durchtränkte Eisenbahnschwellen auf. Aus den Eisenbahnschwellen machte er auch Querbalken und darauf legte er Bohlenfußboden. Er legte die Decken und errichtete die Innenwände. Lediglich die Türen und die Fensterrahmen bestellte er beim Tischler und heuerte außerdem einen Glaser und einen Ofensetzer an. In der Zwischenzeit lebte er mit seiner Familie in einem Zimmer, das er in der Nähe gemietet hatte. Am frühen Morgen begann er auf seiner Baustelle zu schuften, danach ging er zur Arbeit und wenn er zurückkam bastelte er wieder an seinem zukünftigen Haus. Grunja brachte ihm sein Essen dorthin. Schlafen ging er, wenn es ganz dunkel wurde. So ging es Tag für Tag ohne Rast und Müdigkeit, an Werktagen und am Wochenende. Grunja war bestrebt ihm zu helfen, er aber erlaubte es ihr nicht: „ Du sollst auf die Mädchen aufpassen!“

Über dem Schornstein der neuen Wohnung wirbelte stets der Rauch auf. Bedko trocknete die Wände im Haus. Die ganze Arbeit wurde in zwei Monaten fertig. Bedko schien immer etwas schwerfällig und plump zu sein, arbeitete aber schnell, geschickt und sorgfältig. Und sieh, er strich die Wände, Türen, Fensterrahmen und den Boden an. Alles war zum Durchzug offen – trocknete.

Der Oktober war warm und mild. Das Laub vergilbte, wurde rot, der Wind aber riss die Blätter nicht fort, ließ einen die Ruhe und Besänftigung genießen. Die Erde, voll Zärtlichkeit, strahlte die Wonne des friedlichen Welkens aus.

An diesen Tagen zog Bedko in seine neue Wohnung ein. Er stellte die einfachenMöbel hin. Grunja bedeckte mit einer handgestickten Tischdecke den Tisch, den Boden – mit gestreiften Läufern. Ordnung, Gemütlichkeit… Die Wände waren innen und außen weiß, die Fensterscheiben glänzten in der Sonne. Die Türen standen beim warmen Wetter noch offen, damit der Farbengeruch schneller auslüftete.

Mutter grub aus dem Gemüsegarten die letzte rote Beete und Möhren aus, als sie plötzlich aus der neuen Nachbarswohnung entweder weibliches Lachen oder Weinen gehört hatte. Die sonst so stillen Kinder schrieen immer wieder auf, kreischten. Das Herz meiner Mutter stand still: Was war denn dort los? Eine Minute lang blieb sie stehen, der Lärm hielt an. Mutter stürmte zur offenen Tür hin. Als sie ins Zimmer hineingelaufen war, sah sie, wie Bedko, Grunja und die Kinder sich an den Händen fassend im Kreis in der Wohnung drehten. Die Kinder lachten und schrieen.

„Haben Sie so etwas gesehen?“ fragte die aus dem Atem geratene Grunja. „Mein Mann hat nichts besseres zu tun, als uns durch die Wohnung herumzuwirbeln!“

„Was macht ihr?!“ lachte meine Mutter. „Ihr habt mich fast zu Tode erschreckt!“

Es wurde bereits Winter. Eine Nachbarin kam ins Zimmer und fragte:

„Wieso ist Ihr Nachbar verhaftet worden?“

„Welcher Nachbar?“

„Bedko, der neue Nachbar!“

„Wieso verhaftet? Wann?“

„Wie? Wissen Sie das nicht? Ich habe es selbst gesehen. Heute Morgen ist ein Wagen zum Haus gefahren, drei Uniformierte sind herausgekommen und haben den „Schönling“ unter den Armen haltend herausgeführt. Grunja ist bloß mit einem Sommerkleid bekleidet hinterher gelaufen. Er sagte ihr etwas und sie ist dann zurückgekehrt. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen!“

Mutters erste Gemütsbewegung war, sofort Grunja aufzusuchen. Bereits an der Tür blieb sie plötzlich stehen, dachte: Besuchen ist einfach, was aber danach? Was kann sie sagen? Es wird nicht möglich sein, schwierige Fragen zu umgehen. Und was, wenn die nicht beantwortet werden können? Sie ging nicht hin.

Die Nachbarin ließ sich nicht sehen und nicht hören. Sie bemühte sich immer unauffällig vorbei zu schleichen, vermied jegliches Treffen, sichtlich hatte sie Angst vor Fragen. Aber die Wahrheit kam an den Tag. Eines Tages traf meine Mutter eine ihr bekannte Gerichtssekretärin. Sie erzählte, dass Bedko ein flüchtiger Bandit aus der Westukraine war. Während des Krieges diente er bei den Nazis, eigenhändig tötete er Juden und Kriegsgefangene und wurde an den Razzien auf Partisanen beteiligt. „Seine Hände sind bis zu den Ellenbogen blutig“, sagte sie. „Er hat fünfundzwanzig Jahre bekommen, wurde aber dorthin geschickt, woher es kein Zurück gibt!..“

Grunja kam selbst zu meiner Mutter und sprach auf Ukrainisch:

„Ich hätte eine Bitte an Sie. Ich habe keinen mehr auf dieser Welt. Außer Ihnen kann mir keiner helfen. Ich möchte nach Kiew fahren. Irgendwie werde ich mich dort einrichten, hier werde ich zugrunde gehen. Würden Sie auf die Mädchen zehn Tage lang aufpassen. Für die Verpflegung lasse ich Ihnen etwas Geld und werde Ihnen mein Leben lang dankbar sein.“

Sie begann leise zu weinen.

„Helfen sie mir.“

Selbstverständlich nahm unsere Mutter die Kinder zu sich. Sie waren gehorsam, machten keinen Krach. Nur das kleinste Mädchen weinte manchmal still und fragte immer wieder: „Wo Mama, wo Mama?“. Allerdings, wenn man sie auf den Arm nahm, ihr das Haar streichelte und ein Märchen erzählte, beruhigte sie sich schnell wieder.

Nach 10 Tagen, wie versprochen, kam Grunja zurück. Sie war munter, aktiv. Sie erzählte, dass sie eine Arbeit in einer Fabrik gefunden hätte, sie hätte einen Wohnheimplatz bekommen. Die Kinder würden in ein Kinderheim aufgenommen, sie würde sie dann an den Wochenenden besuchen können, bis sie eine getrennte Wohnung bekam. Die alte Wohnung wollte sie nun verkaufen. Sie bot der Mutter an, einen Käufer zu finden, der ihr als Nachbar angenehm wäre. Ein Käufer für die preiswerte Wohnung fand sich schnell. Grunja packte ihre Siebensachen ein, machte die Kinder reisefertig. Mutter begleitete sie bis zur Eisenbahnstation. Alleine mit dem Gepäck wäre es schwer gewesen.

Grunja besuchte uns nach ungefähr zwei Jahren. Sie hatte sich sehr verändert. Ihr Blick war mutiger, sie war nach der städtischen Mode gekleidet und sah sogar größer als früher aus. Mutter fragte, wie es Grunja und den Kindern ginge. Es ging ihnen gut, an der Arbeitsstätte respektierte man sie, sogar eine Auszeichnung hätte sie bekommen. Dann entstand eine Pause. Das Schwierigste, wie eine offene Wunde traute sich die Mutter nicht zu berühren. Das Schweigen dauerte lang. Dann sagte Grunja:

„Mein Mann ist verstorben… Habe eine Benachrichtigung bekommen.“

Sie kam, um seiner mit einem Leichenschmaus zu gedenken. In die Gegend, in der er verstorben war, war es allzu weit zu fahren, und man würde sie dort nicht hineinlassen. Das Einzige, was er hinterlassen hatte war die „Hütte“. Hier wollte sie seiner gedenken.

Sie stand eine Zeitlang vor ihrem einstigen Heim und bat die Hausherrin, sie in die Wohnung hineinzulassen. Dann ging sie um das Haus herum, streichelte die Wände, setzte sich auf die Bank und weinte lange und still. Traurig und ruhig kam sie zu uns zurück.

Ein Augenblick der Offenherzigkeit entstand erst später, als wir Kinder bereits schliefen. Mutter und Grunja tranken am Tisch den Tee. Mit fünfzehn war Grunja verwaist. Sie lebte mit der Familie ihres Bruders im Haus des Vaters. Als ihr Bruder verstarb, wurde sie von der Schwägerin aus dem Haus verjagt, sie bekam nichts zu essen, wurde verhöhnt. Als Witwer Bedko um sie warb, heiratete sie ihn mit Freude, obwohl er viel älter war als sie und nicht besonders attraktiv.

Dann entstand erneut eine Pause, als ob man sich einem Abgrund näherte und Angst hätte hinein zu sehen. Das Schweigen war lang. Beide wussten worüber sie schwiegen. Grunja saß mit gesenktem Blick. Plötzlich atmete sie aus der Seele und mit Schmerz heraus:

„So viel Schuld, so viel gesündigt…“

Am nächsten Morgen ist sie abgereist.

Es wurde Frühling. Die Apfelbäume, die einst von meinem Großvater gepflanzt wurden, blühten wieder. 1942 wurde er zusammen mit meiner Großmutter und allen übrigen Verwandten ermordet. Die alten Apfelbäume blühten prächtig und jugendhaft. Tausende Büschel von Blumen bedeckten die weitläufigen Baumkronen und bildeten riesige weißrosafarbene, betörend wohlduftende Sträuße. Jede kleine Blume war verkörperte Eleganz und Vollkommenheit. Jedes der fünf Blumenblätter verbreiterte sich zum Rand, wurde dann immer enger und verbeugte sich vor der goldenen Mitte, wo sich die segenspendende Frucht entwickeln würde: Ziel und Zweck des kurzen Blumenlebens.

An einem Abend versammelten sich die Nachbarn wie häufig auf unserem Hof, saßen auf der Gartenbank und auf den Hockern, die Mutter auf den Hof hinausgetragen hatte. Grunjas Besuch wühlte die Erinnerungen auf und musste durchdacht werden.

„Sitzt und weint. Froh sollte man sein, dass die Welt um einen Banditen ärmer geworden ist.“

„Worüber sollte sie sich freuen. Für sie war er ein guter Ehemann, der jedes Stäubchen von ihr ferngehalten hatte.“

„Und wie viel Menschenleben er auf dem Gewissen hatte? Zählt das etwa nicht?“

„Dafür hat er auch seine Buße bekommen, als er fünfundzwanzig Jahre erhalten hat.“

„Und dann hat er es so gekriegt, dass dieser Ochse nur für zwei Jahre ausgehalten hat.“

„Auf irgendwelchen Bergminen, sagte man, wäre er abgekratzt.“

„O weh! Über den Toten, nach allen Regeln: Entweder Gutes oder nichts sagen.“

„Was kann man über diesen Mörder Gutes sagen? Krepiert ist er, nicht verstorben.“

„Ach, er war doch für Grunja ein guter Ehemann. Und wie hat er Basja geholfen! Wie hat sie gelitten mit diesem Dach! Das war doch ein Grauen! Bei ihm aber ging alles wie geschmiert. Er hatte es versprochen und er hat es auch gehalten. Aus der Not hat er sie gerettet.“

„Hat sie ihnen etwas nicht geholfen?“

„Eben! Das ist es! Menschen müssen so leben, einander helfen. Und dann kommt einer und tötet dich und deine Kinder, und deine alten Eltern. Wie ist das? Wie soll man damit umgehen, frage ich Sie?“

„Sagt, was ihr wollt, aber ohne den Teufel ist es hier nicht gelaufen. So ein Familienvater, so ein tüchtiger Mensch! Und plötzlich wird er zum Tier!“

„Ja… Er tötete … Wen hat er damit glücklich gemacht? Sich selbst? Seine liebe Grunja? Wen, frage ich Sie?“

Die Apfelbäume schenkten freigiebig ihr Aroma der ganzen Welt. Einfach in der Wärme der untergehenden Sonne zu atmen, war schon ein Glück.

Sie saßen und sprachen eifrig und gestikulierend. Sie waren das, die Erwählten des Schicksals, diejenigen, die das Glück hatten, in dem Jahrhundert, in dem Meere von menschlichem Blut vergossen wurden, ihren Weg zu Ende zu gehen und eines natürlichen Todes zu sterben.

 

Hannover, März 2005.

Übersetzt von Efim Mokov

 

Die Stiefel

 

„Was die Kleidung betrifft, wäre es noch erträglich“, sagte Ljuba. „Hier könnte man stopfen, dort – umändern. Kann man noch vertreten. Aber die Schuhe…“

Sie meinte, natürlich die Schuhe von Borik. Gestern kam er aus der Schule mit einer abgerissenen Schuhsohle, die er mit einer Schnur befestigen musste, um überhaupt nach Hause kommen zu können. Ljuba betrachtete den Schuh. Die Sache sah übel aus. Die ausgelatschte Schuhsohle hing wie die Zunge eines müden Hundes herunter, und die Ränder des Schuhoberteils schienen mit einer Gabel zerstochen zu sein: Die Schuhe wurden bereits mehrfach repariert. Jetzt musste man schon wieder zum Schuster.

Es war Dezember 1944. Ljuba saß mit kummervoll gesenktem Kopf. Sie sah viel älter aus, als sie tatsächlich war. Die frühere Schönheit war längst verblasst. Ehemals galt sie in ihrem Heimatstädtchen Machnovka als die schönste und bestens gebildete junge Frau: sie erlernte die Buchhaltung, arbeitete in ihrem Beruf, war eine heißbegehrte Braut. Die besten jungen Männer bewarben sich um ihre Hand. Sie hatte aber keine Eile, sich zu vermählen. Plötzlich starb ihre Schwester und ihre zwei Töchter wurden zu Vollwaisen. Wer könnte sich um die armen Kinder besser kümmern, als die bestens situierte Ljuba? Als der Krieg ausbrach, wurde sie mit den Kindern evakuiert. Dann wurde Borik zum Vollwaisen:seine Eltern, Ljubas Nachbarn aus Machnovka, verstarben bald hintereinander in der Fremde, am Evakuierungsort. Ljuba hatte auch ihn zu sich genommen. Mit Mühe und Not kamen die Vier irgendwie über die Runden. Als ihr Städtchen befreit wurde, kehrten sie zur eigenen Brandstätte im wahrsten Sinne dieses Wortes zurück. Sie hatten keinen Wohnraum.

Ljuba stand am staubigen Weg neben dem Haufen Scherben an der Stelle, an der einst ihr eigenes Haus gestanden hatte, und verzweifelt überlegte sie, wen sie um eine Übernachtung bitten könnte. Neben ihr standen ein Bündel und zwei Koffer aus Furnierholz, auf denen die drei Waisenkinder saßen – zwei Mädchen und Borik, der Jüngste. Für Ljuba alleine wäre es unschwer gewesen, eine Bleibe zu finden. Für alle zusammen aber… Und hier sah Basja sie alle. Sie war selbst erst vor kurzem aus der Evakuation zurückgekehrt. Ihr Ehemann war dort verstorben und sie blieb alleine mit drei kleinen Kindern. Ihr Haus jedoch, der alte Lehmbau, überstand den Krieg, wurde nicht zerstört.

          Nehmen wir die Kinder und die Sachen und gehen wir zu mir, sagte Basja.

          Wohin zu dir?- widersprach Ljuba schwach. – Du hast deine eigenen drei und dazu noch wir…

          Macht nichts! Kartoffeln habe ich genug im Vorrat. Für den Winter wird´s wohl reichen und danach werden wir sehen!

So haben sie angefangen, wie man damals sagte, ihren „Existenzkampf“ zu führen.

Der Schuster drehte den zerschlissenen Schuh in den Händen.

          Madam, die Schuhe sind so kaputt, dass sie nicht mehr zu retten sind. Sie können sie getrost in den Müll werfen.

          Wie kann ich sie in den Müll werfen, wenn mein Kind keine Schuhe hat, um in die Schule zu gehen? Ich bitte Sie so sehr, machen Sie irgendetwas, Sie verstehen doch…

          Ich verstehe schon, Madam. Sie verstehen nicht. Schauen Sie sich den Senkel an diesem Schuh an. Er ist bereits zweimal gerissen. Sie haben ihn zweimal zusammengebunden. Die Knoten stehen hervor, aber der Senkel funktioniert. Ich kann aber die Sohle nicht an den Schuh binden, ich muss sie festnageln. Es gibt aber nichts, woran ich sie festnageln könnte. Habe ich es deutlich erklärt? Schluss!

Ljuba versuchte noch etwas zu sagen, aber der Schuster unterbrach sie harsch:

          Madam, das ist ein unnötiger Zeitverlust. Nehmen Sie ihre Schuhe und gehen Sie!

„Madam“, dachte Ljuba mit Bitterkeit unterwegs nach Hause. Sie verstand die Ironie des Schusters. In ihren Soldatenschuhen, Wattejacke und mit ihrem alten, grauen Kopftuch sah sie überhaupt nicht so aus, wie es einer Madam zustehen würde. Das Problem war aber nicht das, sondern die Tatsache, dass Borik auch morgen nicht in die Schule kommen würde.

– Er hat sie nicht genommen! sagte sie laut, nachdem sie nach Hause zurückgekehrt war. – Was sollen wir jetzt machen?

Borik saß barfuß, die Beine angezogen, und guckte schuldbewusst die Tante Ljuba an.

          Ich werde die Hausaufgaben zu Hause machen- sagte er leise.

Und plötzlich passierte das, was nur im Märchen passieren kann. In der Realität gibt es so etwas nicht.

Die Tür öffnete sich und das Zimmer betrat Onkel Isaak, Bruder des Vaters von Borik. Er arbeitete als Schaffner bei der Eisenbahn und kam manchmal vorbei, um Borik zu besuchen.

          Guten Tag! Wie geht es? Wieso bist du so düster? Ich habe ein Geschenk für dich mitgebracht. – Er zog eine kleine Tüte Zuckerkisschen mit Marmelade aus der Tasche heraus und legte sie auf den Tisch. Und dann sagte er: – Und das habe ich dir auch mitgebracht!

Er machte seinen Rucksack auf und holte daraus… ein Paar Stiefel hervor. Borik und Tante Ljuba, wie vom Blitz durch die Unwirklichkeit des Geschehenen getroffen, glotzten nur erstaunt das Geschenk des Onkels an. Ah, was für wunderbare Stiefel waren das! Echte Kinderstiefel. Nicht zu groß, fein verarbeitet. Schön! An die schwarzen, bereits von jemandem länger getragenen und deswegen etwas abgenutzten Stiefelschäfte und an die schwarzen, festen Fersenteile waren mit Schusterzwirn die ganz neuen Vorderfußteile, „Bünde“, aus gelbem Leder angenäht. Und die Stiefelsohle war aus braunem Leder. Sie glänzte und an den Rändern war sie schräg abgeschnitten. Es entstand eine helle, matte Linie, an der in zwei Reihen kleine, hölzerne Nägel eingeschlagen wurden. Es war ein Wunder! Davon durfte man gar nicht träumen!

          Wieso steht ihr wie festgefroren?- lachte Onkel.- Los, Borik, probier an!

Er reichte ihm die Stiefel. Borik nahm sie unentschlossen, fast ängstlich. Er schob seine Hände in die Stiefelschäfte hinein und drückte sie an seine Wangen. Das Leder war kühl und roch angenehm. Die Augen von Borik leuchteten, er lächelte glücklich. An den Wangen von Tante Ljuba liefen die Tränen herunter. Sie versuchte verworren von dem Elend mit den alten Schuhen zu erzählen, brachte sie her und zeigte die kraftlos hängende Schuhsohle und die zerrissenen Ränder des Schuhoberteils.

          Hat verzichtet die Schuhe zu reparieren… Sagte: kaputt! … Borik wollte zu Hause… Ja, wollte die Hausaufgaben zu Hause machen… Und plötzlich… Das ist nicht zu glauben…

          Schon gut, schon gut! Lasst uns anprobieren! Habt ihr irgendwelche Fußlappen?

Fußlappen, Reste eines alten Unterhemdes- wurden ausfindig gemacht. Borik traute sich nicht, die Stiefel direkt auf den Boden zu stellen. Er nahm eine Zeitung vom Tisch, entfaltete sie auf dem Boden und stellte die Neuanschaffung darauf. Der Onkel wickelte seine Füße geschickt in die Fußlappen und steckte sie in die Stiefel hinein.

Dann stellte sich heraus, dass die Stiefel weder zu klein noch zu groß, sondern gerade passend waren. Alle umringten Borik und sahen begeistert das Geschenk an. Und er straffte seine Schultern und richtete sich zwar schüchtern, aber mit unübersehbaren Stolz auf. Und alle sehen, was für ein gut gebauter, wenn auch kein groß gewachsener Bursche er war.

Borik war 12, sah aber wie ein Neunjähriger aus. Im Sportunterricht stand er immer als letzter in der Reihe. Mit seinen blauen Augen, dem dunkelblondem Haar und der kurzen Nase sah er gar nicht wie ein jüdischer Junge aus.

          Ach du „Schkutz!“- strich er durch Boriks Haare.- Sollen deine Füße gesund bleiben!

Alle fingen an Borik zur Neuanschaffung zu gratulieren, ihm alles Gute zu wünschen. Das war der beste Tag seines Lebens…

Als Bett dienten Borik zwei nebeneinander flach gelegte Koffer, auf denen ein dreifach zusammengefaltetes Bettlaken ausgebreitet wurde. Er deckte sich mit seinem ihm zu großen Mantel zu. An diesem Abend breitete er neben seinem Schlafplatz eine Zeitung aus, stellte seine neuen Stiefel darauf, zog die Stiefelschäfte näher zu sich, umarmte sie und schlief glücklich lächelnd ein.

Am nächsten Tag, als er aus der Schule kam, zog er seine Stiefel aus, rieb sie mit einem sauberen Lappen ab und stellte sie wieder auf eine Zeitung neben seinem Schlafplatz.

Der Morgen war frostig. Die Kinder gingen durch den knirschenden Schnee in die Schule. Am Mittag war der Frost verschwunden und der Schnee begann unter der Sonne zu schmelzen. Von den Dächern fielen strahlende, klangvolle Tropfen herunter. Auf den Straßen wurde der Schnee zum Matsch, der mit schmutzigen Fächern unter den Rädern hervor spritzte.

Wie sehr sich Borik auch anstrengte, nicht auf die dunkelgrauen Klumpen Schneematsch zu treten, wurden die Stiefel dennoch nass. Als er nach Hause kam, zog er sie aus und putzte sie gründlich. Die Sohle war nass und dunkel und die gelben Vorderteile waren von einem feuchten, dunklen Rand umgeben. Vor dem Schlafengehen trug Borik seine Stiefel in die Küche und stellte sie zum Trocknen auf die warme Ecke des Küchenherdes.

Als erste wurde wie immer Basja wach. Sie ertastete eine Streichholzschachtel in der Dunkelheit und zündete die qualmende Petroleumlampe an. Diese war ein einfach geschliffenes Hundertgrammglässchen, in das ein Docht eingelassen war, der aus einem zusammengezwirbelten Nähfaden bestand und durch eine Scheibe Rohkartoffel durchgezogen auf dem Gläschen lag.

Im schwachen Licht wurden die niedrige Zimmerdecke und die schlafenden Menschen sichtbar. „Ein seltsamer Geruch“, – dachte Basja. – „Schon wieder schlechte Kohle bekommen“. Sie begann sich anzuziehen, bemüht leise zu sein. Aber Borik wurde wach, er patschte mit bloßen Füßen in die Küche, um seine Stiefel zu holen.

Der Schrei war markdurchdringend. Das war kein Schrei, das war Kreischen.

          A-a-a-a!

Alle sprangen auf. Was ist passiert? Alle stürmten in die Küche. Dort stand Borik neben dem Herd und hielt seine Stiefel in den Händen. Anstelle der Stiefelsohlen klafften riesige, schwarze Löcher. Der Herd war in der Nacht heiß geworden und die Sohlen waren verglommen.

Borik stand wie versteinert. Auf seinem graublass gewordenem Gesicht sahen seine Augen wie zwei weiße Flecke aus. Ljuba nahm die Stiefel aus seinen Händen. Von den Sohlen waren nur die Ränder übriggeblieben. Die Bünde wurden welk und rissig. Ljuba führte Borik ins Zimmer hinüber. Er ging schweigend, gehorsam, weltfremd. Er legte sich auf seinen Schlafplatz und drehte sich zur Wand um. Ljuba deckte ihn zu. Alle schwiegen bedrückt.

Regungslos lag Borik den ganzen Tag lang. Er wollte weder essen noch trinken.

Basja holte das Geld aus der Tasche, alles was sie hatte.

          Ljuba, nimm bitte mein und dein Geld, geh auf den Markt und kaufe ihm irgendwelche Schuhe. Wir werden schon irgendwie durchkommen. Das müssen wir aber unbedingt tun.

Vom Markt brachte Ljuba aus altem Tuch gesteppte Filzstiefel in Gummischuhen. Das vorhandene Geld hatte dafür gerade noch gereicht. Darin wird es ihm warm und trocken. Sie waren zwar etwas zu groß, aber es gab keine kleineren für die Kinder.

Am nächsten Morgen stand Borik auf, zog sich an und zog die Filzstiefel an. Er sah wie nach einer langen Krankheit aus. Das Gesicht war blass und eingefallen, die Augen leuchteten nicht mehr. Er zog seinen Mantel an, nahm seine Stofftasche mit und ging in die Schule. Alle sahen ihm mitleidig und mitfühlend nach. Jetzt sah er nicht mehr wie ein munterer Junge aus. In diesen Filzschuhen und seinem etwas zu langem Mantel, mit gesenktem Kopf sah er einer kleinen Greisin ähnlich. Borik sah die Herumstehenden an, verstand alles und fing an leise zu weinen. Dann immer heftiger. Das Weinen ging in Schluchzen über, dann in einen Weinkrampf. Borik zitterte am ganzen Körper, schluchzte krampfhaft und rief :

          Ach warum? Warum denn ich? … Wie denn? … Ich doch selbst! A-a!

Ljuba versuchte ihn zu beruhigen. Basja sagte:

          Lass das, Ljuba. Lass ihn weinen, danach wird es ihm leichter.

Langsam beruhigte sich Borik und hörte auf zu weinen. Immer noch schluchzend, wischte er sich die Tränen weg und ging in die Schule.

Die Waisenjungen wurden gerne von den Militärschulen genommen. Borik wurde ein Offizier. Er hat viele Stiefel verschlissen, die immer bis zum Spiegelglanz geputzt wurden. Aber er hat niemals seine ersten Stiefel vergessen. Viele Jahre diente er tadellos und wurde als Oberstleutnant pensioniert. Seine Beförderungen bekam er regelmäßig nicht für militärische Heldentaten, sondern für langjährige Dienste. Er musste nicht in den Krieg ziehen. Der liebe Gott war gnädig zu ihm.

 

Hannover, Februar 2005

Übersetzt von Efim Mokov

 

 

Die letzte Nacht und der letzte Morgen

 

Das hieß, morgen.

Der alte Mann hielt vor der Tür des winzigen Zimmerchens an. Er wollte absolut ruhig aussehen, wenn er in ihre gemeinsame, letzte Zufluchtsstätte eintreten würde. Der alte Mann wusste, dass diese ihre letzte sein würde…

Der drückende, tief herbstliche Himmel war mit dunklen Wolkenfetzen bedeckt. Vor kurzem hatte es geregnet. Schwere Tropfen hingen an den letzten Blättern. Es war windig, kalt und naß. Schnell brach der Abend herein.

Er hatte keine Minute dem Volkspolizisten geglaubt, dass sie morgen zur Arbeit getrieben würden. Zur Arbeit treibt man nicht die Kinder, die Alten und die Kranken mit. Außerdem gab es Gerüchte, dass in den Nachbarstädtchen den Juden etwas Schreckliches zugestoßen war. Der alte Mann verstand alles. Nur ein Gedanke passte nicht in sein Bewusstsein: Was war nur mit den Deutschen passiert? Er dachte, er kannte sie gut.

Nachdem er 1914 verwundet wurde, lebte er vier Jahre als Kriegsgefangener in Deutschland. Kaum war die Wunde am Bein verheilt, kam er zu einem Bauern. Er war ein Bauer seit vielen Generationen und sein Name war auch Bauer.

Als die Bäuerin, die Ehefrau des Bauers, den ausgemergelten, blassen Verwundeten sah, wollte sie ihn wegjagen. Dann kam aber der Bauer hinzu und fragte, was er machen könne. Er konnte vieles. Goldene Hände und goldener Kopf. Der Bauer hatte ihn bei sich gelassen und das nie bereut. Nur leid tat es ihm, als die Zeit kam, sich zu verabschieden. Was war denn mit den rational denkenden Deutschen passiert? So eine riesige Menge Menschen, so viel Arbeitskraft einfach zu vernichten? Und das während die meisten Arbeitskräfte an der Front waren! So etwas war unmöglich zu verstehen.

Er öffnete die Tür zum Kämmerlein. Seine Frau saß auf der Bank in ihrer dicken Wolljacke. Ihr graues, immer noch dichtes Haar lag auf ihren Schultern.

– Boris, hilf mir!

Sie wollte ihr Haar zu einem Dutt hochstecken.

Genauso mit zerzaustem Haar hatte sie gesessen, als sie Rosa verloren hatten. Er verspürte den gleichen Schmerz wie damals: als ob ins Herz ein dicker Nagel hineingeschlagen worden wäre. Ah, Rosa! Blauäugige Schönheit! Lachfreudiges Mädchen, das so schön singen konnte. Ein netter Kerl, Sohn des Apothekers, bat um ihre Hand. Aber sie hatte Kogan ausgewählt. Er war was fürs Auge! Schlank, groß gewachsen. In Stiefelhose und Lederjacke gekleidet, mit Portepee und Revolvertasche am Gürtel. Leiter des bewaffneten Wachdienstes bei der Eisenbahn. Ja, alles passte. Nur nicht sein Name. Er hieß auch Boris. Das war ein schlechtes Vorzeichen. Es ist nicht gut, wenn zwei Familienmitglieder denselben Namen haben. Rosa aber hatte immer darüber gelacht: „Alter Aberglaube! Jetzt sind ganz andere Zeiten!“

Jemand klopfte an die Tür. Lyuba, die sie im Ghetto untergebracht hatte, kam hinein.

– Boris Yakovlevich, geben Sie mir bitte ihren Eimer, ich bringe Ihnen das Wasser.

– Ah, es gibt noch von gestern.

– Geben Sie doch! Ich bringe Ihnen frisches!

… Sie hatten gut gelebt. Schlimm war nur, dass der Schwiegersohn immer auf Dienstreisen war. Als Rosa in die Geburtsklinik gegangen war, war er ebenfalls weg. Oh Gott, wie schnell war alles passiert! Die Geburt war gut. Der Junge war groß und gesund. Rosa aber hatte Fieber bekommen. Und der Arzt hatte das schreckliche Wort „Sepsis“ ausgesprochen. Sowohl die Mutter als auch ihre Milch waren verseucht. Keine Minute durfte man verlieren. Mit Fima haben sie Rosa und ihr Kind nach Kiew zum Medizinprofessor gefahren. Aber es war zu spät. Am übernächsten Tag wurden beide begraben.

– Gib mir was zu trinken, Borya!

…Damals, kaum waren sie aus Kiew zurückgekehrt, hatte sie mit einer seltsamen, fremden, schrillen Stimme aufgeschrien: „Wo ist Rosa?!“ Man sollte nicht fragen. In ihren vor Trauer zusammengefallenen Gesichtern hatte sie alles gelesen. Wie hatte sie getrauert! Sie hatte sich die Haare in Büscheln ausgerissen. Und als sie keine Kraft mehr hatte, war sie auf dem Bett gesessen, weinend ohne Stimme und ohne Tränen.

Der Alte streichelte ihr Haar.

– Ich setze den Tee auf. Morgen müssen wir früh aufstehen. Um sieben müssen wir alle zusammenkommen.

– Wofür?

– Sie werden uns zur Arbeit führen.

– Was für Arbeit? Was kann ich denn machen?

– Sie werden schon etwas finden. Kartoffeln sortieren oder etwas Ähnliches.

Sie tranken Tee mit der geschmorten Rübe, die ihnen Lyuba mitgebracht hatte. Im Kesselchen garten Pellkartoffeln. Morgen musste man früh aufstehen, keine Zeit zum Kochen.

Morgen…

Sie gingen zu Bett, ohne sich auszuziehen. Im Kämmerlein war es kalt. Der Alte lag mit offenen Augen da. Gut, dass Fima geflohen war. Er und Etya aber wollten nicht weg. Was würden die Deutschen ihnen schon antun? Alte Menschen. Parteimitglied war er nie. Außerdem kannte er die Deutschen. Kultiviertes Volk. So dachte er damals. Was war denn mit denen passiert?

…Er fand sich in einem riesigen, dunklen Raum. Nur eine winzige Kindergestalt leuchtete. Sie ging auf den Alten zu, die Hände nach vorne ausgestreckt und ihren Körper nach vorn geneigt. So lernen die einjährigen Kinder laufen. Der kleine Junge schaute ihn an und der Alte hatte ihn erkannt. Plötzlich wankte der Junge und, nein, er stürzte nicht, er brach durch den Boden. „Jascha!!!“. Der Alte schrie aus aller Kraft, von seinen Lippen aber kamen nur heisere Töne. Er richtete sich schnell im Bett auf und wischte den kalten Schweiß von seiner Stirn. Was hatte er in diesem kurzen Traum denn gesehen? Sein Herz pochte und dann kam der ziehende, seit langem bekannte Schmerz. Jascha. Sein Erstgeborener, der nach dem verstorbenen Vater genannt worden war. Wie hatte sie nur gekonnt? Sie kam aus einer guten jüdischen Familie. Hatte das Gymnasium absolviert. Er hatte sich vom ersten Blick an in sie verliebt. Diese Augen, die auch Jascha geerbt hatte. Nicht allzu große, aber glühende, schwarze Augen. Alles ging gut, bis die Studenten kamen, die für ihre revolutionäre Tätigkeit verbannt worden waren. Mit ihnen hatte sie sich befreundet. Sie hatte angefangen ein rotes Kopftuch zu tragen, begonnen irgendeinen Verein aufzusuchen und an den Demonstrationen teilzunehmen. Sie hatte ihn Spießer genannt, Kleinbürger und war schließlich weggegangen. Er hatte bis spät abends gearbeitet. Als er nach Hause kam, war dort niemand mehr.

Sie war gegangen und hatte das Kind mitgenommen. Als ob sie seine eigene Seele weggenommen hätte. Jascha war seine Freude, sein ganzes Leben gewesen. Das war eine Folter, durch die leeren, lauten Zimmer zu laufen, in denen in Unordnung Kindersachen, Lumpen, Papierfetzen herumlagen. Sie hatte ihn nicht vorgewarnt, hatte keine Adresse hinterlassen. Wahrscheinlich hatte sie sie selbst nicht gekannt. Jascha war fünf Jahre alt gewesen. Seitdem hatte er ihn nicht mehr gesehen. Viele Jahre später wurde in einer Zeitung über die zum Erschießen verurteilten „Volksfeinde“ berichtet, irgendwelche hohen Tiere beim Militär. Plötzlich leuchtete ein Name wie einen Blitz auf. Loev, Jakov Borisovich! „Das Urteil wurde vollstreckt“…

Um den ziehenden Herzschmerz zu mildern stand der alte Mann auf, trank etwas Wasser. Wieder legte er sich leise hin, um seine Frau nicht zu wecken. Ja, woran hatte er gerade gedacht? Morgen früh aufstehen… Die Mutter war aber bereits aufgestanden und hatte sogar bereits das Brot gebacken. So schön roch es nach dem frischen Brot. „Bärele, steh auf, iss ein Popolek!“ Sie schnitt ein noch heißes kleines Fladenbrot auf und legte ein Stückchen Butter in die entstandene Tasche hinein. Er hatte nichts Leckereres in seinem Leben gegessen.

Die Frau drehte sich im Schlaf schwer um und er wachte auf. Ging zum Fenster. Durch die Lücken zwischen den Wolken schaute der Mond hindurch. In diesem unsicheren Licht erkannte er die Zeiger seiner Uhr. Halb vier. In zwei Stunden müssten sie aufstehen. Aber jetzt durfte er sich noch hinlegen. Einschlafen konnte er allerdings nicht mehr. Und er begann lautlos zu beten. Er hatte schon lange nicht mehr gebetet, hatte die Gebete vergessen, aber aus den Fragmenten, an die er sich noch erinnern konnte, baute sich das Flehen um das Wohlergehen für die geflohene Familie ihres Sohnes, Gottesdank für die ihm gegönnten Momente des Glücks, für die treue Etele, für Fima und seine drei Kinder, Lieblinge des Großvaters. Für alles Gute, was es in seinem Leben gegeben hatte. Und er betete auch für einen schnellen und leichten Tod morgen, nein, bereits heute.

Es wurde Zeit aufzustehen. Er hatte sich gewaschen, zog die Stiefel an, pellte die Kartoffeln. Dann weckte er seine Frau. Vor einem halben Jahr hatte sie sich den Schenkelhals gebrochen. Seitdem ging sie nur auf die Gehhilfe gestützt, so wie er auch. Um viertel nach sechs waren sie bereit. „Zieh den Halbpelz an. Wenn die Arbeit im Feld lang andauert, kannst du eine Erkältung bekommen“. Gehorsam zog er die Wattejacke aus und nahm den Halbpelz. Sie gingen in die nasse morgendliche Halbdunkelheit hinaus und vereinten sich mit der grauen Masse der schweigend gehenden Menschen. Die Menge versammelte sich am zugewiesenen Platz. Alle warteten. Schwer atmend kamen zwei Frauen gelaufen. Angetrieben durch Gewehrkolben der Volkspolizisten, kam torkelnd und hinkend ein noch nicht alter Mann. Drei Knaben, die man aus irgendwelchen Verstecken herausgeholt hatte, wurden auch zur Menschenmenge hingetrieben.

Dann kamen ein deutscher Offizier und etliche Soldaten. Die Menschenmenge wurde zu einer wackeligen Kolonne geformt, an beiden Seiten stellten sich die Volkspolizisten auf und alle bewegten sich aus dem Ghetto hinaus. „Wohin werden wir geführt?“ – „Werden wir sehen.“ Sie bogen in die zur Eisenbahnstation führende Straße ab. Der alte Mann drückte fest den Arm seiner Frau, die sich auf ihn stützte. Nur nicht zur Fußgängerbrücke über der Eisenbahn, nur nicht dorthin! Er wusste, dass Etya niemals auf die Brücke, unter der die Dampflokomotive mit ihren hohen Schornsteinen vorbei fuhren, steigen konnte. Aber man bog eben dorthin ein. Also zum Einzelgehöft Talimonovka. Ja, für ihren Zweck war das am besten geeigneter Ort. Seitdem die Großbauernfamilie enteignet und verbannt worden war, stand das Gehöft leer, langsam verkam es zu Ruine und das Land um den Bauernhof war überwuchert mit Gebüsch und Wildkraut. Verwilderter Ort. Nein, Etya würde es niemals bis dorthin schaffen können.

Vor der Brücke kam es zur Verzögerung. Die Ersten in der Kolonne waren die Treppe in gewohntem Tempo hochgestiegen, dann jedoch führten ein hoch gewachsener alter Mann und eine junge Frau eine schwerfällige alte Frau. Mit Mühe zogen sie die Alte langsam hoch. Neben ihnen ging eine Frau mit drei Kindern. Das jüngste Kind trug sie auf dem Arm, mit der anderen Hand hielt sie den etwa vierjährigen Jungen. Ein Mädchen, das nicht älter als sechs Jahre alt war, schob den Jungen helfend hoch. Der Kleine konnte die hohen Stufen trotz Mühe nicht erklimmen. Es gab einen Stau. Die Kolonne fiel auseinander und wurde zu einer ungeordneten Menschenmenge. Die Volkspolizisten schrien und schlugen auf die Menschen mit den Gewehrkolben ein. Die, die bereits nach oben durchgekommen waren, stiegen wieder hinunter, um den zurück Gebliebenen zu helfen. Von unten wurden sie von den anderen hochgeschoben. Die Menge setzte sich wieder langsam in Bewegung.

Der Alte und seine Frau fanden sich vor der Treppe. Die Frau versuchte die erste Stufe zu überwinden, aber ihre kranken, geschwollenen Beine gehorchten ihr nicht. Von hinten drängte die Menge. Er verstand: Wenn Etya stürzte, würden sie zertrampelt. Da sie sich am Rande der Menschenmenge befanden, nutzte er die Gelegenheit, trat zur Seite und zog seine Frau mit sich. Sie sank sofort zu Boden. Er zog sie unter die Treppe und setzte sie neben den steinernen Brückenpfeiler.

Die Menge kroch inzwischen weiter nach oben. Es war sehr laut. Die Schreie der Volkspolizisten und das Murren der Menschenmenge übertönte jedoch das Geschrei eines Säuglings. Eine Frau trug auf den Armen ein fest in eine Flauschdecke gewickeltes halbjähriges Kind. Es schrie sich die Seele aus dem Leib. Die Mutter versuchte vergeblich das Kind zu beruhigen. Der Säugling wurde blau im Gesicht, so sehr schrie er.

Schnellen und entschlossenen Schrittes kam der Offizier hinzu. «Wegtreten! Schweine!» brüllte er auf Deutsch. Aufgeschreckt wogte die Menge zurück. Mit einer Hand die Pistolentasche öffnend, riss er mit der anderen das Kind von der Frau weg und warf es auf die Erde. Und schoss. Das Kleine verstummte. Es erklang aber der Jammergeschrei der Frau. Sie riß sich zum Kind. Jemand aber hielt sie fest, ein Anderer drückte ihr den Mund zu, noch ein Anderer zog sie fast laufend hoch. Außer Atem, einander schubsend und trampelnd schoben sich die Menschen voran.

Der alte Mann hatte plötzlich gemerkt, dass die Geräusche verschwanden. Alles verlief wie in einem Stummfilm. Zwar verlor er plötzlich die Fähigkeit zu hören, gewann dafür aber die Fähigkeit mit dröhnender Klarheit alles zu sehen und zu verstehen ,was um ihn herum passierte. Alles, was er sah, war schrecklich und sinnlos. Davon konnte man wahnsinnig werden. Stattdessen entstand, den Verstand schützend, eine große Stille und es kam die große Ruhe. Als ob in hundert Jahren begriff der alte Mann die Ereignisse. Hier rissen sich die Menschen nach vorn mit ihren letzten Kräften. Eilig. Wohin? Zum eigenen Grab. Und dieser Offizier? Er kochte vor Wut, fuchtelte mit der Pistole herum. Warum war er hier? Warum kam er hierher aus seinem wunderschönen, so liebevoll bestellten Land? Warum beging er hier Verbrechen gegen Gott und die Menschen? Nach so etwas war es unmöglich zu leben!

Hellseherisch las er das Schicksal dieses Offiziers: Er wird getötet. Und die Welle der Vergeltung wird sein Land überfluten. Und im Höllenfeuer des Bombenhagels wird seine Familie umkommen.

Der Offizier verspürte den Blick des Alten, drehte sich um und sah seine harten und weisen Augen. Er verstand, dass es sein Gericht war, und sein Urteil wurde ihm klar. Mit Hass und Entsetzen vor der Unabwendbarkeit des Schicksals erfüllt, drückte er den Abzug.

Es war November 1941.

November 2011

Übersetzt von Efim Mokov

 

 

 

 

 

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