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Darmverschluss – wie ein Witz

Volvulus

Wohl wahr: „Hast du Probleme – such eine Frau.“ Ich hatte eigentlich keine Probleme, aber sie (die Frau) hatte ich gefunden – und die Probleme tauchten auf. Und zwar was für welche!

Ich kam zu einer Kontrolluntersuchung ins Uni-Klinikum – Sie verstehen selbst, in der tollen Stadt Hamburg. Ich mache solche Untersuchungen zwei Mal im Jahr schon seit vier Jahren, um nicht die Freude zu verpassen den Anfang der Serie mit dem Namen „Rezidiv“ zu sehen. 

Die unbekannte junge Ärztin machte bei mir eine Ultraschalluntersuchung und dann fing sie an irgendwie leise hin und her zu laufen – nach dem Motto, was sollte ich den sonst noch fragen oder machen? Sie fing an Fragen zu stellen. Kein Arzt bei Untersuchungen (und ich war inzwischen bei etwa zehn verschiedenen) hat so etwas gefragt – war nicht nötig, denn es gibt ja leistungsstarke Daten der Geräteuntersuchungen. Das ist so, wenn Sie zu Hause sitzen, in der Nase popeln, und plötzlich eine Erleuchtung haben, was wenn ich Krebs habe?

Sie gehen bei Wikipedia rein und suchen dort nach solchen Fragen über Krebssymptome:

– Schwitzen Sie (also ich) nachts?

Ich wurde verlegen und sagte – Schwitze, wie alle.

– Nein, wringen Sie Ihr Pyjama morgens aus?

Ich, erleichtert – Neein!

Und dann, wie in diesem alten Witz: Und schwitzte der Tote vor dem Tod? – Ja. – Dan ist alles in Ordnung.

– Haben Sie in den letzten Monaten abgenommen? Viel?!

– Nein, sage ich, zugenommen. Viel. 3 kg. Ich ernähre mich nach einer bestimmten Diät.

Sie wurde durcheinander: was im Bericht schreiben? Offenbar, waren die Ergebnisse der Ultraschalluntersuchung nicht genug.

Und dann hatte sie eine Erleuchtung.

– Wie lange ist Ihre endoskopische Untersuchung her?

Auf Deutsch heißt diese Analyse ganz einfach Spiegelung, aber auf Russisch würde es wie „Spiegelreflex“ klingen, doch diesen Begriff haben schon die Fotografen für sich genommen. Für Unwissende: dir wird eine Minikamera an einem Schlauch durch den Mund bis zum Magen (wer ihn hat) oder sogar weiter eingeführt, und dann werden Fotos von der „Umgebung“ gemacht, also von den Gedärmen.

– Naja, ich habe vor 1,5 Jahren eine Spiegelung gehabt. Die sagten, dass man das nicht oft machen muss.

Aber was soll´s, sie tippt schon eine Überweisung. Das heißt wohl, ich hab mich nicht rausreden können. Und dann muss ich schon wieder eine intime Begegnung mit der Kamera machen.

Zu Hause mochte meine Frau die Überweisung ebenfalls nicht:

– Alle Untersuchungen schaden der Gesundheit.

Diese Devise ist nur ein Teil ihrer allgemeinen Meinung, die folgendermaßen aussieht:

– Jeder Besuch beim Arzt schadet der Gesundheit!!!

Und zu Ärzten versucht sie gar nicht zu gehen. Ich kämpfe mit ihr! Und jetzt drehte ich einen Erziehungssatz ein:

– Mir schaden die Untersuchungen aber nicht. Nie-mals!

Und das bekam ich zurück. Im größtmöglichen Ausmaß. Und es heißt noch, es gibt keinen bösen Blick!

Einen halben Tag aß ich nichts, trank nichts, machte die Spiegelung. Kam nach Hause und es ging los. Ich aß – Schmerzen im Bauch. Ich trank – ebenfalls. Weiter in den Wald – mehr Feuerholz. Die ganze Nacht jede Stunde saß ich und umarmte die Kloschlüssel, und sie (die Kloschlüssel) hatte nicht genug. Zum Morgen war ich leer, aber voller Absicht in die Uni-Klinik zu den Chirurgen zu fahren.

Ich verstand – irgendwo in den Gedärmen ist eine Undurchgängigkeit. In der Uni wurde eine Tomografie gemacht und dann sagte man mir – Aha! Darmverschluss oder, wenn Sie es auf Latein wollen – Volvulus – sagen die deutschen Chirurgen. Wir werden nach alten Nähten schneiden, aber Sie müssen entscheiden (also ich). – Wie sieht die Alternative aus? – Warten… – Schneiden! – Im Kopf entstand der Gedanke: irgendwie lande ich viel zu oft auf dem OP-Tisch.

Im Vor-OP-Raum – vielbeschäftigter Massenauflauf. Ich – im Zentrum. Aber für mich ist das nicht mehr so interessant, wie vor 4 Jahren.

Damals schnitt der Direktor des Chirurgie-Zentrums Prof. Izbicki den Tumor aus dem Magen. Damals, als ich aus der Narkose aufwachte, fragte ich ihn, wie viel vom Magen entfernt wurde? Antwort – 100. Also, 100 Prozent. Das heißt, der ganze Magen weg. Ich reagierte mit einem Witz (ich scherze gerne, vor allem, wenn außer eines Witzes nichts zu sagen/machen ist. Das ist wohl bei mir genetisch-kulturell veranlagt.) Also sage ich:

– Und mehr haben Sie nicht rausgeschnitten?

– Doch – sagte der Professor – die Gallenblase auch.

Und dann hielt ich die Klappe mit meinen Witzchen.

Nach dem Rausschmeißen des Magens, verbanden sie meine Speiseröhre mit meinem Dünndarm, ohne die Annexion des Zwölffingerdarms. Und ich war weiterhin neugierig – was haben Sie rausgeschnitten und wie viel? – so, wer weiß, hätte ja sein können, dass sie den unteren Ausgang der Speiseröhre direkt in den Dickdarm oder auch tiefer hätten hineinstecken können. Und dann überhaupt – gar keine Probleme mit der Verdauung!

Mir wurde gesagt: sei froh. Hier legen sich die Leute auf den Tisch extra dafür, um einen Teil des Magens zu entfernen. Zum Abnehmen!! Denn in einen kleinen Magen passt nicht viel Essen. Und der Appetit bringt die Willenskraft des Essers nicht in Versuchung – wenn der Magen voll ist, verblasst der Appetit und verschwindet verlegen. So eine Operation machte bei sich ein berühmter Chirurg. Selbstverständlich, schnitt er nicht selber, und den Kollegen vertraute er nicht – er lud einen Kollegen aus den USA ein. Jetzt läuft rum ohne die zehn Kilo zu viel. Ich verlor zehn Kilo – und das nur als Nebeneffekt. D.h. komplett unerwartet. Mensch, ich hatte Glück!

Allerdings, kehren wir zurück zum Vor-OP-Raum. Vor meine Augen tritt noch eine Person. Ein stämmiger Mann, etwa 40 Jahre alt. Er drückt meine Hand, wie es sich gehört, murmelt seinen Namen und berichtet absolut deutlich – er ist der Anästhesist. Erzählt mir, wo und wie mir die Narkose gemacht wird. Und ich denke, an wen erinnert er mich? Und je mehr ich hinschaue, desto mehr sehe ich etwas Bekanntes: das Gesicht, die Mimik, die leicht heisere Stimme, der Sprechcharakter klar und zu sprechen und Wörter zu trennen. Und dann habe ich eine Erleuchtung: das ist doch Gabriel, Sigmar Gabriel! Der Parteivorsitzende der SDP. Wenn man regelmäßig Nachrichten guckt, und das machen meine Frau und ich von Beginn unserer Ankunft im deutschen Vaterland, für das Spracherlernen, werden all diese Fernsehstars zu deinen Bekannten, um nicht zu sagen – Familienmitgliedern. Ach, heute sieht Merkel nicht so gut aus, wahrscheinlich macht sie sich Sorgen, dass Steinbrück sie bei den Wahlen „fertig machen“ wird. Einige TV-Verwandte mögen wir, andere können wir nicht leiden. Sie verstehen selbst, unsere Meinungen sind durchaus selten gleich, doch Gabriel ist uns beiden unsympathisch. Ein grobes Politiker-Männchen, der keine Seele hat. Er müsste als Fleischer arbeiten oder als Hauptfeldwebel in der russischen Armee. Mir schien anfangs, als er noch im Nachbar-Niedersachsen tätig war, dass es ihm schwer ist mit Menschen einfach zu sprechen und sie nicht anzubellen. Danach hat er offenbar daran gearbeitet und ab und zu entweicht ihm sogar ein Lächeln – hat wohl Schauspielunterricht genommen.

Also, im OP stand vor mir ein lebendiger Gabriel. Also, nicht der Parteivorsitzende, aber seine andere Inkarnation, so ein Doppelgänger oder Zwillingsbruder. Ich war erschüttert! Die OP interessierte mich nicht mehr. Natürlich. Ich frage ihn so ganz geradeheraus: und mit Gabriel, Sigmar sind Sie nicht zufällig verwandt? Er knurrte: Nein. – Und ich gucke, und auf seinen Füßen sind OP-Schuhe – solche Stiefel in rosa. Und auf jedem Stiefel steht Gabriel.

Für die taktlose Einmischung in seine Privatsphäre, rächte sich der Gabriel-Doppelgänger mit für ihn zugänglichen Mitteln.

Theoretisch lasse ich homosexuelle Liebe zu. Ich bin tolerant. Obwohl ich eine deutliche physiologische Abneigung dagegen empfinde. Und ich mag „ihre“ Propaganda-Kampagnen nicht. Also, als ich nach der Narkose aufwachte, begriff ich kaum, dass ich existiere, dann war einer meiner ersten Eindrücke der Realität die Offenbarung, dass ich im Bett nicht alleine war! Meine Hand fühlte und streichelte ein fremdes, haariges, kaltes, ekelhaftes Bein. Oh, Gott! Wohin? Einige Minuten später begriff ich: das war mein eigenes Bein. Aber ich konnte es komplett nicht fühlen. Und das andere – auch, und die bewegen konnte ich auch nicht. Oh, ihr Gabriels, ihr seid auch noch rachsüchtig, das seht euch ähnlich. Aber ich habe mich sofort an die Situation angepasst: werde einfach nach dem System des guten alten Dikul trainieren! Mit Hanteln und Gewichten! Und mich gleich auf die Paralympics vorbereiten. Dann kamen die Ärzte, entfernten die letzen Reste der Narkose und alles hatte sich wieder hergestellt. Aber für die SPD werde ich sowieso auf keinen Fall wählen, auch wenn Steinbrück mich persönlich fragen sollte. Er wird diesen ganzen Klüngel von Gabriels und Nahles nicht bekämpfen können.

Aus der Intensivstation in mein Krankenhauszimmer brachte mich ein kleiner dunkler Türke, etwa um die 30 Jahre. Seine Landsleute gibt es in diesem Bereich viele – Transport schwacher Kranker im Krankenhaus.

Die entgegenkommende Krankenschwester sagte zu ihm:

– Du bist so schnell, gerade habe ich dich noch am anderen Ende gesehen.

– Ja, so bin ich. Das Leben selbst fliegt auch schnell vorbei.

Wie Majakowski mit seinen Azoren. Nur ohne Reime und Pathos.

– Und Sie sind ein Philosoph, sage ich ihm. Er fragt nach, nickt, lächelt höflich und fährt mich still weiter – bescheidener türkischer weiser Mann.

Vor der OP wurde ich umgezogen. Sie zogen mir auf die Beine – Strümpfe zu sagen, wäre gar nichts zu sagen. Blendend weiß, eng, auf die ganze Beinlänge. Das Material mit irgendeiner hübschen Bearbeitung, oben solche Manschetten, als ob da Strumpfhalter dran sollten. Die Strümpfe sind vorgesehen für die Vorbeugung von Thrombosen nach OPs, deswegen liegen sie eng an den Beinen an. Und ich nahm in den letzten Tagen noch vier Kilo ab – denn ich habe nicht mal einen Krümel zu mir genommen. Und von Natur aus habe ich keine schiefen Beine. Zufällig sah ich mich im Spiegel – schööön! Und als sie mir oben eine Art Pelerine anzogen, die hartnäckig bis zum Bauchnabel hochrutschte, dann entstand ein komplett pornografisches Bild. Direkter Weg zur Reeperbahn und St. Paulus, gut, dass sie nicht so weit weg sind! Aber! So bin ich nicht, ich warte auf die Bahn (wie in diesem berühmten Lied). Anfangs, als die Schwestern die Decke wegnahmen und ich mich in der Lage eines Pornomodells befand, fing ich an krampfhaft am Saum der Pelerine zu zupfen. So wie das sowjetische Frauen machten, als sie sich hinsetzen, als wir keinen Sex hatten.

Aber nach der OP, als bei mir aus fast jedem natürlichen und extra gemachten Loch im Körper mehrere Schläuche steckten, wurde meine Verlegenheit müde aufzutauchen und verschwand. Denn für die Schwestern war ich nur ein Arbeitsobjekt, wo alle Körperteile, und auch, wenn wir geradeheraus sprechen, alle Körperglieder gleich sind und die bearbeitet werden müssen:

Beobachten, wie die Schwestern arbeiten – reines Vergnügen. In allen ihren Tätigkeiten, angefangen mit dem Lächeln und dem unverwechselbaren Wohlwollen, bis hin zu schweren Manipulationen, lässt sich eine Technologie durchschauen, derer sie gelehrt wurden und die sie unvermeidlich befolgen. Diese Technologie, wahrscheinlich, ist auch die Basis für diese „glänzende Pflege“, über welche mit Sehnsucht die Menschen aus Russland sprechen: wir haben wunderbare Chirurgen, aber gesund pflegen nach der OP kann man bei uns nicht. Deswegen, wer kann, der fährt für schwierige Operationen nach Europa, nach Deutschland.

Die Schwester setzt sich zu mir mit einer Auswahl an hermetischen Tüten, die sie nacheinander öffnet und den Inhalt rausnimmt: Tampon, Aufkleber u.a. Sie benutzt sie, oft kaum angefasst, und schmeißt sie sofort in den Müll. Einmal schaue ich, die Schwester öffnet eine Tüte mit einer Metallpinzette. Ich frage:

– Was, das ist eine Einwegpinzette?

– Aha.

Ich, der ein halbes Leben in Russland mit einem Lötkolben und einer Pinzette saß – und eine gute zu besorgen war nicht leicht – deswegen behandelte ich diese mit rituellem Respekt.

– Geben Sie mir das als Souvenir

Die Schwester lachte, zeigte somit, dass mir der Witz gelungen war und warf die wertvolle Pinzette in den Müll. Natürlich, auch in der Technologie des „glänzenden Pflegens“, wie bei jeder Medaille, gibt es auch dunkle Seiten. Wenn es so vorgeschrieben ist, dann komme was wolle, die Regeln wird keiner zu brechen wagen. Auch wenn du tot umfällst! Am vierten Tag ohne Essen meldete sich mein Appetit wieder. Der Nachbar bekam vier Mal am Tag Essen und ich nicht. Ich sage:

– Ich hab Hunger, geben Sie mir was zu essen!

– Sie sollen nichts bekommen.

Als der Arzt kam, fragte ich ihn. Und er erklärte mir, warum ich nicht darf.

– Aber das habe ich doch nicht, das wurde mir nicht gemacht!

– Geht nicht!

Am nächsten Tag machte ein anderer Arzt Visite, entweder Kirgise oder Koreaner. Ich dachte, mit dem könnte ich mich einigen. Ich erklärte ihm die Situation und er, anscheinend, nahm Vorschriften nicht als gegeben an, sondern lebte noch nach dem Kopf (nach Verständnis?). Er sagte: Füttern erlaubt! Abends bekam ich 125 Gramm Joghurt mit einem Zwieback. Ich aß das genau eine Stunde lang, schneller konnte ich nicht. Und ab morgen – vier Mal am Tag. Obwohl, ohne das Essen, das mir meine Frau kochte und mitbrachte, wäre ich im Krankenhaus geblieben.

Mit Ärzten kommuniziert ein Patient seltener, als mit den Krankenschwestern. Es behandelt nicht nur ein Arzt, sondern mehrere. Einer empfängt dich bei deiner Ankunft im Krankenhaus, die anderen machen die Operation. Jede Visite macht ein anderer Arzt. Obwohl, sie wissen alle sehr gut, was mit dir war und was man noch machen muss. Einige Male wurde meine Behandlung nach meinen Aussagen geändert. Ich war nicht einverstanden, aber beide Male hatten sie Recht. Natürlich, am zweiten Tag nach der OP besuchte mich wieder der Anästhesist (nicht Gabriel). Hörte mich an und wollte die Dosis meiner Schmerzmittel erhöhen. Ich war dagegen. Wir stritten und zwar lange und öde. Ich bestand auf meiner Meinung und behielt Recht.

Dann gab es einen Vorfall. Ein Arzt teilte mir mit, dass der verdrehte Teil des Darms mir rausgeschnitten wurde.

– Wie viel wurde rausgeschnitten?

Für mich eine nicht müßige Frage. Nach der ersten Operation wurde ein Teil des Dünndarms abgeschnitten, und jetzt noch mehr – wo soll ich denn das Essen verdauen?

– Nicht viel, etwa zehn Zentimeter.

Einen Tag später kam ein sehr wichtiger Oberarzt und ich wiederholte die Frage. Wie viel? Er zeigte mir, wie Fischer die Größe des vor einigen Tagen gefangenen Fisches zeigen: es kam fast ein halber Meter bei raus. Als ich bei der Entlassung den OP-Bericht bekam, stand da: der Dünndarm wurde gradegezogen, aber nicht geschnitten (!?). Im Endeffekt blieb ich zufrieden.

Mein ZellenZimmernachbar Peter war ein äußerst sympathischer Mensch. Wir mochten einander. Er selbst – Physiker, teilte alle Menschen in Zugehörige zu diesem besseren Teil der Menschheit und in alle anderen. Er erkannte in mir einen Physiker und nahm mich an. Ich korrigierte ihn, um ein bisschen näher an die Wahrheit zu kommen: Geophysiker bin ich – sagte ich. Dabei beließen wir es.

Er war Leiter einer großen Abteilung in Laserphysikinstitut der Uni Hamburg. Er war mehrmals in Moskau, im Physikinstitut von Lebedew. Das ist ganz in der Nähe von dem Ort, wo ich wohnte. Da war das Haus Nr. 53 auf dem Leninski Prospekt, und wir wohnten in Nr. 65. Anfang der 90er war Peter der wichtigste Hauptausländer für russische Physiker nach Soros. Deswegen entschied er, wer von ihnen das Geld (Zuschüsse) dieses Soros erhielt. Ihm war bekannt, wer wie denkt und deswegen entschied ihr mit Fachkenntnis. Ich war auch bei den Nachbarn einige Male aus verschiedenen Gründen. Das erste Mal noch Ende der 60er Jahre. Damals war mein Kontakt auf irgendeine Weise mit Lasern verbunden. Genau zu dieser Zeit gingen die Spezialisten auf dem Gebiet der Szintillator-Kristalle über zu den Lasern.

Stop! Über Arbeit kein Wort mehr!

Peter wurde in früher Kindheit zusammen mit seiner Familie aus Ostpreußen vertrieben. Dieses Thema war schmerzhaft für ihn. Sein Vater war Fleischer, ein guter Meister, hatte sein eigenes Geschäft – zuerst in Ostschlesien – wurde von den Polen weggenommen, dann in der DDR – nahmen die Kommunisten weg. Ich dachte: das Leben nahmen weder die, noch die anderen weg, andere hatten weniger Glück. Peter selbst ähnelt gar nicht einem Fleischersohn – dünnes Gesicht, schlauer und irgendwie heller Blick. Ich fragte wie er zum Wissenschaftler wurde?

– Mein Vater zwang mir keinen Beruf auf, er gab mir die komplette Freiheit.

Er hatte keine Familie, und Freunde waren wie Verwandte. Es kamen zwei von ihnen, wie er – Gentlemen über 70. Alle in Rente, aber funktionieren immer noch: Bücher, Artikel, Vorlesungen. Sie saßen am Tisch und wechselten miteinander Phrasen aus. Manchmal machten sie längere Pausen, normal in einem Gespräch zwischen alten Freunden, oder zwischen Eheleuten. Den Gesprächen hörte ich nicht genauer zu, sondern empfing nur intuitiv den Stil, das Bild.

Der erste Freund von Peter antwortete auf die Frage „Wie geht´s?“ ganz einfach mit „Nishkoshe“, was so viel bedeutet, wie „Geht so.“ Dieses jiddische Wörtchen habe ich das letzte Mal von meiner Mama etwa vor 60 Jahren gehört. Später fragte ich Peter, er kannte dieses Wörtchen, und wie es ins Deutsche kam, aber war sich sicher, dass sein Freund es nicht benutzt hatte.

Ich erzählte ihm über meinen guten Bekannten, Baron Ulrich von Versen, der einmal mir eine von ihm erstellte Liste europäischer Wörter gab, die aus dem Jiddischen und dem Hebräischen ins Deutsche kamen und „heimisch“ wurden. (Dort gab es verschiedene Funde. Was nur das „Guten Rutsch“ bedeutet, den Gruß, den die Deutschen zum Neujahr benutzen, also „Frohes Neues Jahr“.) Aber „Nishkoshe“ gab es da nicht. Peter, der nicht gleichgültig zu alten und aristokratischen Namen war, zeigte mir mehrmals auf Träger solche Namen bei unseren Ärzten. Also von Versen klang für ihn interessant. Peter und ich wurden am selben Tag entlassen und telefonieren manchmal.

Ich war ziemlich berühmt unter den Medizinstudenten. In der Rolle einer Laborratte. Zuerst kam ein hübscher Junge und nahm ein Interview. Dann eine Gruppe von fünf Menschen. Am letzten Tag, kurz vor meiner Entlassung aus der Krankenherberge, nach vorheriger Absprache (Termin hatten sie einen Tag vorher gemacht) wurde ich von einer Gruppe von zwölf Menschen besucht.

Ich versuchte sie freundlich zu stimmen, aber sie schauten mich an, wie ein Museumsexponat – ziemlich gleichgültig. Sie fragten, wie war´s? Ich fing an von den Launen des Schicksals zu singen, von Gottes Zorn und andere Leichtsinnigkeiten. Und die haben Unterricht. Die Lehrerin, eine Miniatur einer Koreanerin, führte den Lehrprozess gekonnt und ziemlich hart durch.

– Nennen sie fünf Anzeichen für einen Darmverschluss,

das nicht zu mir, sondern zu den Studenten. Bei der Mehrheit schauten die Augen in unbestimmte Ferne und einer, der amtierende Streber, zählte die mit Bravur auf. Mir fehlten einige Anzeichen, aber die Koreanerin verzieh gnädig und bezeichnete meinen Fall als fast typisch. In irgendeinem Moment entdeckte sie auf meinem Tisch das Blatt Papier mit meinen Notizen (ich fing an meine Eindrücke am zweiten Tag nach der OP niederzuschreiben). Ich schreibe sehr klein und dicht, aus der Ferne sieht das nicht ganz gewöhnlich aus. Sie fragte,

       – Was ist das?

Hätte gar nicht dran gedacht, dass dort die heimischen Hieroglyphen stehen? Ich erklärte. Sie hatte die Situation unter Kontrolle – lautstark verkündete sie die Überzeugung, dass nach der Publikation dieses Opus ich zweifellos einen Literaturnobelpreis erhalte (einen trockenen Lernprozess sollte man manchmal mit einem Witz aufheitern). Ich möchte nicht in ihrer Schuld bleiben und verkünde nicht weniger lautstark, mit einem Anflug von Pathos:

       – Habe ich schon!

Und ich zeige allen meinen „Preis“ – dieser ist zwar nicht ganz „Nobel“, sondern „Schnabel“ – so heisst der Preis, der vom Schnabelkomitee der Comedians von Harvard erteilt wird. Natürlich, in deutschen Krankenhäusern wird so ein geschlossener Becher mit einer Öffnung zu Trinken im Liegen genannt – der Schnabelbecher – und den Preis erhielt ich nicht vom Schnabelkomitee, sondern vom Essensverteiler – einem Iraner, der so auf seine Sache konzentriert war, dass er keine Zeit für leichtsinnige Witzchen hatte.

       Hiermit beende ich meine Notizen aus dem Krankenhäuschen.

       Anstatt des Fazit

       Ich las alles noch mal durch und spürte im Text etwas „schlecht Verdauliches“. Wahrscheinlich ist das meine unpassende Fröhlichkeit. Woher und wieso? Vielleicht, vor dem Hintergrund meines vorprogrammierten Lebens wird das Krankenhaus zu einem Ort, an welchem man unerwartet Eindrücke und Emotionen erleben kann? Als ich 40 war, wurde ich in das sowjetische Krankenhaus Nr. 5 in Moskau eingeliefert. Der Arzt sagte bei der Aufnahme: Blinddarm, auf den Tisch! Und ich hatte keine Angst, ich war neugierig. Etwas Ähnliches geschah auch vor vier Jahren, als mir der Magen entfernt wurde. Und jetzt auch. Vielleicht bin ich auch nicht ganz normal, wenn ich statt normaler Angst nur Neugier empfinde? Das ist kein Masochismus, denn, wenn ich Schmerzen habe, dann bin ich gar nicht neugierig. Oder ich mag einfach gerne die Rolle des Märtyrers, damit die anderen keine Mitleidsszenen machen? Und wieder, fing ich mich bei dem Gedanken, dass wenn meine Frau Ella mich nicht jeden Tag besucht hätte, die Söhne, sogar mein Enkel Danja, dann wären mein Interesse zur Umgebung und mein Optimismus, womöglich, schon untergegangen?

 

 

русская православная церковь заграницей иконы божией матери курская коренная в ганновере

Über Juriy Odesser (Hamburg)

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