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Wladimir Woinowitsch: der Zeit voraus

Während des Besuchs der stolzen Stadt Hannover vom berühmten russischen klassischen Schriftsteller Wladimir Woinowitsch, dessen Bücher schon seit über vierzig Jahren ins Deutsche übersetzt werden, haben wir die Möglichkeit gehabt mit ihm im Foyer der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek zu sprechen.

 

 

– Reporter: Wladimir Nikolajewitsch, leben Sie zur Zeit in Moskau?

W. Woinowitsch: Ja, überwiegend dort.

– Acht Ihrer Bücher wurden schon ins Deutsche übersetzt. Waren Sie mit den Übersetzern zufrieden, mit denen Sie zusammen gearbeitet haben?

Vojnovich12– Als meine Bücher in Deutschland rauskamen, und der erste Teil des Romans „Die denkwürdigen Abenteuer des Soldaten Iwan Tschonkin“ 1969 in Frankfurt-am-Main veröffentlicht wurde, kannte ich die Sprache nicht und, selbstverständlich, konnte ich nicht die Übersetzungsqualität beurteilen. Und als, nachdem ich einige Jahre in Deutschland gelebt und die Sprache erlernt hatte, und es beurteilen konnte, verstand ich, dass ich eigentlich Glück gehabt hatte, denn ich hatte wundervolle Übersetzer, solche wie Alexander Kämpfe, Swetlana Geier und der im letzten Jahr, in Russland, auf absurde Weise ums Leben gekommene, Alfred Frank. Dementsprechend waren es auch gute Übersetzungen. Ich habe auch negative Erfahrungen gesammelt, als ich nachlässig und verantwortungslos übersetzt wurde. Der Grund ist klar – Übersetzungsanwärter gibt es ziemlich viele, aber die Herausgeber verstehen nicht immer die Qualifikation des Übersetzers und können nicht immer die Aufträge richtig verteilen. Und eine schlechte Übersetzung verhindert nicht nur die Popularität des Autors, sondern macht alles dafür, damit die Leser diesen Autor nicht mögen oder ganz einfach ignorieren. Meine Bücher wurden schon auf 35 Sprachen übersetzt, über die Übersetzungen kann ich nicht urteilen, da ich viele dieser Sprachen nicht kenne und sie zu erlernen, wohl die Zeit nicht reicht… Ich kann nur hinzufügen, dass ich sehr gute Übersetzer in den USA und in England hatte, dort hatte ich auch Glück.

– Sie haben in Deutschland etwa zwölf Jahre gelebt?

– Viel mehr, denn es ist schwer zu sagen, wann ich von hier weggezogen bin. Meine Lebenserfahrung in Deutschland kann man auf ungefähr 30 Jahre festmachen.

– Ekaterina Genieva hat heute das Publikum gefragt, was man dafür tun muss, um einen modernen deutschen Leser dazu zu bringen sich für russische Literatur zu interessieren. Ich möchte diese Frage an Sie weitergeben.

– Um ehrlich zu sein, kann ich mir das nicht besonders gut vorstellen. Meiner Meinung nach, hängt alles von der politischen Situation in der Welt und den Beziehungen in diesem bestimmten historischen Abschnitt des einen Landes mit dem anderen ab. Wenn die Beziehungen zwischen den Ländern sehr gut sind, dann wächst das Interesse zur Literatur, und wenn sie sehr schlecht sind, dann wächst es auch. Wenn aber das Land, wie der Feind angesehen wird, dann wächst das Interesse zu dessen Literatur sehr stark – nach dem Motto: „Was schreiben die eigentlich dort?“

– Das bedeutet, dass laut Ihrer Theorie, durch die anstehende Rückkehr Wladimir Putins zum Amt des Präsidenten, das Interesse gegenüber der russischen Literatur steigen müsste. Ist ja kein Geheimnis, dass die Deutschen dem recht beunruhigt entgegen sehen.

– Möglich, aber dafür muss nicht nur eine Rückkehr von jemandem stattfinden, sondern eine reale Zuspitzung der politischen Situation geschehen. Aber gute Beziehungen, natürlich, beeinflussen das Ganze viel besser. Zum Beispiel, als in Russland die Perestroika anfing und damit verbundene Hoffnungen entstanden, und ich zu dieser Zeit hier gelebt habe, ist das Interesse zur russischen Literatur in Deutschland stark gestiegen. Damals wurde hier eine Vielzahl an Büchern veröffentlicht, die bis dahin verboten waren oder in Form von Manuskripten auf Schriftstellertischen lagen. Wobei die Auflagen sehr groß waren. Jetzt hat sich die Lage irgendwie beruhigt und das Interesse ist dementsprechend gefallen.

Buecher

-Haben Sie ein Lieblingsbuch aus der klassischen russischen Literatur? Was haben Sie mehrmals gelesen?

– Ich sage immer, dass meine Lieblingsschriftsteller A.P. Tschechow und N.W. Gogol sind, aber vor Kurzem habe ich „Anna Karenina“ von Tolstoj aufgeschlagen und konnte nicht aufhören, bis ich das Buch nicht von Anfang bis Ende durchgelesen hatte. Jetzt habe ich vor „Krieg und Frieden“ zu lesen, vielleicht schaffe ich es… Ich muss sagen, dass ich ständig „Die Tochter des Kapitäns“ von Puschkin lese: lese es durch, stelle es zurück ins Regal und einige Zeit später lese ich es wieder.

– Was glauben Sie, ist das literarische Talent vererbbar? Ich meine Ihren Vater, der Journalist war, ihre Tochter Olga, die eine deutsche Schriftstellerin ist und, natürlich, Sie selbst?

– Wahrscheinlich werden einige Eigenschaften genetisch von Generation zu Generation weitergegeben, das ist nur natürlich, wenn sogar Hunde der gleichen Rasse streng gezüchtet werden können – Jagdhunde oder Hirtenhunde (lacht). Natürlich, hat der Mensch nicht diese strikte Selektion, aber anscheinend werden Begabungen und Talente auf irgendeine Weise weitergegeben.

– In einem Ihrer Erzählungen vergleichen Sie einen Schriftsteller mit einem Hooligan. Wer denkt so – Sie oder Ihr literarischer Held?

– Natürlich sage ich das bedingt. Diese Pöbelei ist nur in bestimmter Weise gemeint, wenn der Schriftsteller sich erlaubt unerwartete Bilder und paradoxe Gedanken zu erschaffen, die das Publikum schockieren oder verärgern. Das Publikum schimpft, das habe ich in vollem Umfang erlebt, als ich z.B. die „Die denkwürdigen Abenteuer des Soldaten Iwan Tschonkin“ schrieb. Zuerst ist dieses Stück auch bei mir nahestehenden Menschen nicht gut angekommen. Dann haben sie das akzeptiert, aber dafür andere nicht. Viele Jahre sind vergangen zwischen dem Schreiben dieses Buches und dem Moment, in welchem das breite Publikum dieses Werk wohlwollend anfing zu empfangen.

– Anscheinend muss alles gedeihen und Sie haben um viele Jahre Ihre Zeit überholt.

– In irgendeiner Weise muss jeder Schriftsteller wenigstens ein bisschen seiner Zeit voraus sein. Wenn er das nicht tut, dann ist er für niemanden interessant.

Im Internet habe ich auf Ihrer Hompage eine Reihe von Malerei-Werken von Ihnen gefunden. Autoportraits, Portraits, Landschaftsbilder, Stillleben. Natürlich ist auch dort eine gewisse groteske Art anwesend, wie auch in ihren literarischen Werken. Ihre Malerei – ist das eine Art Hobby?

– Erst eine kleine Anmerkung. Das Ding ist, dass ich schon seit etwa zehn Jahren meine Seite nicht aktualisiert habe, deswegen sind alle Arbeiten, die Sie dort gesehen haben, sehr alt. Ich glaube, seit der Zeit bin ich in dieser Kunst stark fortgeschritten, deswegen werde ich unbedingt meine Homepage in nächster Zeit aktualisieren. Solange ich mich mit Literatur beschäftige – von Anfang der 50ger Jahre bis heute, also insgesamt etwa 60 Jahre, – habe ich jeden Tag gearbeitet und das habe ich immer sehr geliebt. Die Inspiration hat mich nie verlassen, aber eines Tages habe ich verstanden, dass sie mich doch verlassen hatte. Ich habe plötzlich verstanden, dass ich gar nichts mehr schreiben will. Das war so eine Zeit, die, Gott sei Dank, vorbei ist. Ich hatte irgendwelche Pläne, Ideen, ich hoffte etwas Neues zu schreiben, ich setzte mich vor den Computer und verstand, dass ich das nicht machen will. Ich will nicht schreiben und basta… Und zu dieser Zeit hatte ich die Idee mich mit Malerei zu beschäftigen. Anfangs habe ich ein Gemälde von einem wenig bekannten Maler genommen und korrigiert, wobei ich mit sicher war, dass ich damit kein großes Verbrechen der Kunst antue. Ich habe das Gemachte angeschaut – woa, und ich hab was gespürt! … Dann habe ich versucht mich selbst zu malen. Das Portrait ist zwar etwas schief geraten, aber ich konnte auf jeden Fall Ähnlichkeit erkennen. Ich war sogar verwundert darüber. In einem der Vorworte zu meinem Buch habe ich geschrieben, dass in der Erzählung „Entdeckung“ von Tschechow, wo der Staatsberater Bachromkin bei sich plötzlich ein zeichnerisches Talent entdeckt, wonach er sehr traurig wird, dass er sein Leben bei Verhandlungen und Regierungstreffen um sonst verbracht hat, aber im Endeffekt sich freut – denn, als Beamter hat er alles: Urlaub, Haus, Gesinde, und Maler leben überwiegend sehr arm… Aber da ich weder Diener, noch Urlaub hatte, obwohl ich jedoch ein Auto besaß, war ich sehr froh, dass ich jetzt etwas Neues erschaffen kann und fing an zu malen. Ja, für mich ist das wahrscheinlich ein Hobby. Auch jetzt, ich hoffe nur temporär, schreibe ich nichts, und male nur.

– Verfolgen Sie die Geschehnisse in Deutschland?

– Ehrlich gesagt, die Geschehnisse in Deutschland haben mich auch wenig interessiert, als ich hier gelebt habe. Wenn man nur die Wahlen nimmt – an einigen habe ich teilgenommen, an anderen nicht, aber ich wusste immer, dass ob ich Merkel oder jemand anderen wähle, in meinem Leben wird sich kaum etwas ändern, wobei auch, im Leben des Landes allgemein, da das Leben hier stabil ist. Als ich 1980 nach Deutschland gekommen bin, haben mich politische Ereignisse nicht besonders interessiert, und später praktisch gar nicht mehr. Ich habe einfach verstanden, dass in jedem Fall man sich um nichts Sorgen machen braucht.

– In einer Ihrer frühsten Erzählungen „Der Schuss in den Rücken der sowjetischen Armee“ geht es darum, dass in bestimmten Sinne die Zeitung „Moskowski Komsomolez“ für Sie zum Katalysator einer Reihe von Ereignissen wurde. Lassen Sie uns zum Anfang Ihrer literarischen Karriere kommen und uns erinnern, was damals passiert ist.

– Ja, das war in 1962, als Nikolaew und Popovitsch in den Weltall geflogen sind und dort ein Lied gesungen haben, für welches ich den Text geschrieben hatte und der niemals irgendwo gedruckt wurde. Genauer gesagt, meine Gedichte wurden manchmal in irgendwelchen zweitrangigen Zeitungen gedruckt. Aber zu dem Zeitpunkt dieser Raumfahrt hatte ich auch eine Novelle veröffentlich gehabt und wurde mehr bekannt als Prosa-Autor. Und dann fing ja fast ein Boom an – ich wurde eingeladen in verschiedenen dicken Zeitschriften und berühmten Verlagen eine Auswahl an Gedichten zu drucken, ein Gedichtsammelband zu veröffentlichen, etc. Zu dieser Zeit sah ich meine Gedichte schon recht kritisch an und wollte die überhaupt nirgendwo veröffentlichen. Aber dann bat mich der zukünftige Kulturminister der UdSSR Eugen Sidorow ihm einige Gedichte zu geben und das tat ich. Und als er diese dann im damaligen „MK“ veröffentlichte, las diese Gedichte unser Verteidigungsminister Malinowskij, und da er selbst ein bisschen dichtete, hat er aus Neid sich empört, ist in die Politdirektion gefahren, hat da einige politische Generale versammelt, las ihnen meine Gedichtauswahl vor und sagte, dass diese Gedichte „in den Rücken der sowjetischen Armee schießen“ würden. Ich bekam Unannehmlichkeiten, die ziemlich ernsthaft zur damaligen Zeit scheinen konnten, aber, wie sich herausstellte, waren das sehr kleine Probleme im Vergleich zu dem was noch später kommen sollte…

– Und welche Zeilen genau hat der Genosse Marschall als sehr umstürzlerisch und in den Rücken schießend erachtet?

– Da war am Ende die folgende Strophe:

 

Über dem verstummten Dorf hing die Nacht…

nichts wissend von dem Reglement,

die Mädels küssten erschöpft

am Zaun die verheirateten Kommandeure.

 

– Auf dieser optimistischen Note werden wir unser Interview beenden und danken Waldimir Woinowitsch für das interessante und sehr aufschlussreiche Gespräch. Viel Glück und künstlerische Erfolge Ihnen!

– Vielen Dank.

Interview hat Vitalij Shnayder geführt.

Foto von V.S.

Aus dem Russischen von Yevgeniya Marmer.

русская православная церковь заграницей иконы божией матери курская коренная в ганновере

Über Vitalij Shnayder

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