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Wie groß ist mein Einfluss auf die Umwelt? Das Konzept des ökologischen Fußabdrucks

Alle pflanzlichen Produkte, die wir für unsere Ernährung und die unserer Nutztiere, für Kleidung, zum Hausbau, zum Heizen und für vieles mehr verbrauchen, müssen auf unserem Planeten wieder nachwachsen, auf Ackerflächen und Weiden, in Wäldern und Fischgründen. Darüberhinaus braucht die Natur Platz für Pflanzen, die unsere Abfälle binden und abbauen. Die von der Menschheit insgesamt gebrauchte „bioproduktive“ Fläche ist unser „ökologischer Fußabdruck“ („Ecological Footprint“). Die auf der Erde verfügbare bioproduktive Fläche wird als „Biokapazität“ bezeichnet.

Im ökologischen Fussabdruck enthalten ist der sogenannte „Carbon-Footprint“. Er bezeichnet die Grünfläche, die für die Wiederaufnahme der „anthropogenen“, vom Menschen erzeugten CO2-Emission nötig ist. Dazu gehören vor allem Wälder. Seit etwa 30 Jahren produzieren wir mehr Abfallstoffe als die Biosphäre aufnehmen kann. Wir machen seitdem ökologische Schulden, indem wir CO2 und andere Abfallstoffe in Atmosphäre, Gewässern und Böden anreichern. Zur Zeit liegt der Fußabdruck der gesamten Menschheit bereits 1,7-fach über der globalen Biokapazität, ein Beweis für unseren Raubbau an den Ressourcen der Erde.

Neben dem Pflanzenwuchs liefert uns die Erde die nicht erneuerbaren Rohstoffe: fossile Brennstoffe, Metalle und Mineralien. Diese sind ein einmaliges Geschenk der Erde, das sich unwiederbringlich verbraucht. Mit dem Verbrauch der nicht erneuerbaren Rohstoffe vergrößern wir unseren ökologischen Fußabdruck, da dabei CO2 und andere Abfallstoffe freigesetzt werden, die von der Biosphäre verarbeitet werden müssen.

Die Idee, unsere ökologischen Ausgaben (= Fußabdruck) und Einnahmen (= Biokapazität) in genutzter und verfügbarer Fläche zu messen, wurde Anfang der 90er Jahre von den Wissenschaftlern William Rees und Mathis Wackernagel entwickelt (Wackernagel, Beyers 2016). Deren Organisation „Global Footprint Network“ in Oakland, California, berechnet jährlich aus zahlreichen Daten über Lebensweise, Ressourcenverbrauch und CO2-Produktion die durchschnittliche genutzte bioproduktive Fläche – den gemittelten Fußabdruck pro Bewohner – für jedes einzelne Land. Ebenfalls wird die durchschnittliche verfügbare Fläche – die Biokapazität pro Person – für jedes Land berechnet.

Beide Flächen, Fußabdruck und Biokapazität werden in der Maßeinheit „globaler Hektar“ angegeben (1 gha = 10.000 Quadratmeter mit weltweit durchschnittlicher Bioproduktivität). Bei der Berechnung der Biokapazität wird neben der Größe der Fläche deren unterschiedliche Bioproduktivität berücksichtigt. So ist Waldfläche produktiver als Ackerfläche, diese wiederum produktiver als Weideland. Die Produktivität jedes Flächentyps ist abhängig von der Art der Landbestellung, der Düngung und der Klimaregion. Infolge hoher Produktivität errechnet sich z. B. für 1 ha Ackerland in der BRD eine Biokapazität von 5,5 gha.

Mit der Maßeinheit globaler Hektar ist es möglich, unseren Naturverbrauch (den Fußabdruck, die ökologischen Ausgaben) und das was die Natur uns liefert (die Biokapazität, die ökologischen Einnahmen) direkt zu vergleichen und so unseren „ökologischen Kontostand“ zu überprüfen. In den meisten Ländern liegt der Fußabdruck pro Person über der global durchschnittlichen Biokapazität pro Person (Abbildung). Länder mit einem höheren Wohlstandsindex (HDI) haben im Vergleich zu ärmeren Ländern einen deutlich höheren Fußabdruck, der oft um ein Vielfaches über der global durchschnittlichen Biokapazität liegt. Diese Länder leben ökologisch auf Kosten der Länder mit geringerem Fußabdruck und haben daher eine besondere Verantwortung dafür, Armut und Not in allen Regionen der Welt zu lindern, um ein friedliches Miteinander der Menschen zu ermöglichen (Papst Franziskus 2013, 2015). Ob alle Menschen den gleichen hohen Wohlstand erreichen können, wird – wohl zutreffend – allgemein bezweifelt. Schließlich gelingt das ja nicht einmal in Ländern mit hohem Wohlstandsindex. Aber erträgliche und menschenwürdige Lebensbedingungen für alle zu schaffen, kann und muß als ein gemeinsam erreichbares Ziel angesehen werden (Radermacher et al. 2011). 

Wie groß ist mein persönlicher Fußabdruck? 

Wer seinen eigenen ökologischen Fußabdruck abschätzen lassen will, kann einen interaktiven Fragebogen unter http://www.fussabdruck.de/ aufrufen. Dazu sind 13 Fragen zu beantworten, eingeteilt nach verschiedenen Teilbereichen des Lebens – Wohnen, Ernährung, Mobilität und Konsum. Der „Footprint-Rechner“ errechnet daraus einen ungefähren persönlichen Fußabdruck in gha und gibt auch an wie viele Planeten von der Qualität der Erde nötig wären, wenn alle 7 Milliarden Menschen die gleiche Ressourcenmenge verbrauchen würden wie man selbst. Bei einem Fussabdruck wie dem eines „durchschnittlichen“ Bürgers von Deutschland wären für ein ökologisches Gleichgewicht drei Erden nötig.

Was kann ich tun? 

Der „Footprint-Rechner“ zeigt, wie wir als einzelne der Zerstörung unseres Planeten entgegenwirken können. Aus der Vielzahl von Möglichkeiten, den Fussabdruck zu reduzieren, sind die folgenden Maßnahmen am wirkungsvollsten:

·        Wohnen
Kompaktes Wohnen: Je größer die Wohnfläche pro Bewohner ist, desto größer ist der Fußabdruck, da mehr Material (z. B. Holz) zum Bau verwendet wird und mehr Heizungsenergie pro Person nötig ist. Reihen- und Mehrfamilienhäuser sind energetisch effizienter als Einfamilienhäuser. Versorgung mit erneuerbaren Energien für Strom und Wärme ist anzustreben, ebenso: sparsames Heizen, Reduzierung des Warmwasserverbrauchs, Stromsparen und die Erreichbarkeit der Wohnung mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

·        Ernährung. Möglichst lokale und jahreszeitgerechte Bioprodukte. Minimierung von Fleisch und anderen tierischen Produkten. (Zu Löwenstein 2011) 

·        Mobilität.
Weniger und langsamer Auto fahren. Nutzen von Car-sharing, Mitfahrgelegenheiten, öffentlichen Verkehrsmitteln. Fliegen vermeiden. Ein einziger Interkontinentalflug im Jahr verdoppelt den Fußabdruck einer Person.

·        Konsum. Viele Produkte werden aus nicht erneuerbaren Rohstoffen hergestellt, die unter Energieverbrauch abgebaut, transportiert und verarbeitet werden und daher einen hohen ökologischen Fußabdruck verursachen. Daher: Weniger neue Dinge kaufen. Stattdessen Produkte reparieren, tauschen und gemeinsam nutzen.

Darüber hinaus lässt sich mit dem Footprint-Rechner zeigen, dass persönliche Maßnahmen nicht ausreichen, um den ökologischen Fußabdruck auf die Biokapazität abzusenken. Denn Infrastruktur und öffentliche Einrichtungen, die wir alle nutzen, machen einen großen Teil unseres Fußabdrucks aus. Daher fügt der Rechner dem Fußabdruck jeder Person einen festen „Sockelbetrag“ zu. Um auch diesen zu reduzieren, ist politisches Engagement gefordert. Denn wir müssen die Art und Weise, wie wir wirtschaften und konsumieren, grundsätzlich ändern, z. B. uns „vom Überfluss befreien“ (Paech 2013).

Es geht darum, eine ökologisch verträgliche und sozial ausgerichtete Marktwirtschaft zu schaffen (Radermacher et al. 2011). Die dafür erforderlichen Maßnahmen, die schon von D. Meadows et al. (1972, 2009) genannt wurden, sind nur politisch durchzusetzen, z. B. die global gesehen deutliche Verringerung der industriellen Produktion (einschließlich Massentierhaltung, Waffenproduktion), die Reduzierung des Schadstoffausstoßes, der Schutz der Böden vor Erosion, die effizientere und sparsamere Nutzung der Ressourcen, und die globale Beschränkung auf durchschnittlich zwei Kinder pro Familie. Um die menschlichen Lebensbedingungen langfristig zu erhalten muss es gelingen, die in der menschlichen Natur liegende Kooperationsfähigkeit auszubauen und die natürliche Aggression zwischen menschlichen Gruppen abzubauen. 

Kasten

Thema Weltbevölkerung. Je mehr Menschen auf der Erde leben, desto schwieriger wird es, das ökologische Gleichgewicht der Erde wiederherzustellen, vor allem wenn immer mehr Menschen einen hohen Lebensstandard haben. Daher ist es wesentlich, parallel mit der Umwelt- und Klimaproblematik auch das Problem des Bevölkerungswachstums anzugehen. Demografische Hochrechnungen der United Nations ergeben einen Anstieg bis zum Ende des Jahrhunderts um vier Mrd. Menschen, wovon drei Mrd. allein in West- und Ostafrika dazukommen (Heilig 2015). Zur Kontrolle des weltweiten Bevölkerungswachstums sind nach Wackernagel & Beyers (2016): „…Investitionen in die Selbstbestimmung von Frauen wohl der wichtigste Ansatz. Das gilt für industrialisierte wie ländliche Regionen, überall auf der Welt. Konkret bedeutet dies die Förderung der Möglichkeiten, berufstätig zu sein, gleiche Rechte zu haben sowie Zugang zu verlässlicher und sicherer Familienplanung. Nur wenige Jahre zusätzliche Schulbildung und einige Kleinkredite haben schon viele positive Effekte“.

Interessant ist dazu ein Vergleich der  Kinderzahlen pro Frau in 31 Ländern mit mehr als 90% muslimischer Bevölkerung (Heilig 2015). Zwei oder weniger Kinder waren es im Iran (1,6), auf den Malediven (1,7), in Tunesien (1,9) und in der Türkei (2,0), sechs oder mehr Kinder in Afghanistan (6,0), Mali (6,1), Somalia (6,3) und Niger (6,9). Die vier genannten Länder mit geringerer Kinderzahl haben einen wesentlich höheren Wohlstandsindex (HDI über 0,7) als die Länder mit größerer Kinderzahl (HDI unter 0,4). Diese Zahlen machen deutlich, dass die Kinderzahl pro Frau mit der Höhe des Wohlstands der Menschen zusammenhängt und nicht – wie oft angenommen – mit der Religion.

 Buchempfehlungen und Links zum Thema (* im Text zitiert): 

*D. Meadows, J. Randers, D. Meadows “Grenzen des Wachstums. Das 30-Jahre Update. Signal zum Kurswechsel. Hirzel Verlag, Stuttgart, 3. Aufl. 2009, 323 S.

 

Link zum Vortrag von D. Meadows vom Ende Oktober 2011
 http://www.peak-oil.com/2011/10/zwischen-vdi-und-dennis-meadows/
Man hört und sieht  einen 30 min Vortrag von D. Meadows vor der Enquete-Kommission des Bundestages („Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“) mit anschließender Diskussion.

 

Interview mit D. Meadows (4. 12. 2012). Text: www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/dennis-meadows-im-gespraech-gruene-industrie-ist-reine-phantasie-faz-11980763.html

 

*M. Wackernagel & B. Beyers “Footprint. Die Welt neu vermessen“ (2. Aufl., CEP 2016), 249 S.         Link zum Global Footprint Network: http://www.footprintnetwork.org/de/                    Vortrag MW: https://www.youtube.com/watch?v=3M29BY86bP4, oder Google: Mathis TEDx  

 

*G. K. Heilig (2015) “Demographische Ungleichgewichte weltweit und ihre Folgen” Präsentation für die Fachtagung der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung, München. https://www.google.de/?gws_rd=ssl#q=Demographische+Ungleichgewichte+ 

 

Link zur Rede von Helmut Schmidt an die Wissenschaft (11. 1. 2011 in Berlin): http://www.mpg.de/990353/Verantwortung_der_Forschung http://www.mpg.de/1057970/research_responsibility 

 

Link zum Sketch Das Europäische Huhn von Erwin Pelzig        http://www.youtube.com/watch?v=RwMwHOlZLe0 

 

*Niko Paech: Befreiung vom Überfluss, Oekom Verlag, München, 5. Aufl. (2013), 149 S. Interview:   https://www.youtube.com/watch?v=RYnSTDgyrJg 

 

*Felix zu Löwenstein: Food Crash, wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr (Pattloch 2011), 320 S. Link zu Vortrag: https://www.youtube.com/watch?v=e5Qj9nxDoA4 

 

*FJ Radermacher, J Riegler, H Weiger: Ökosoziale Marktwirtschaft  (Oekom Verlag 2011), 156 S. Vortrag vom 6. 6. 2016:   https://www.youtube.com/watch?v=6hRXx8nNrls 

 

*Papst Franziskus: Evangelium Gaudii (2013), mit treffender Analyse der globalen Probleme, Laudato si (2015), mit viel Ökologie, Ökonomie und Soziologie (Google)

 

 

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Über IF: Prof. Em. Dr. Karl-Ernst Kaissling

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