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Integrationszentrum Mi&V e.V. – Mitarbeit und Verständigung

Lady Capulet

(Trauerspiel für eine Person.)

            Eine Klosterzelle mit sehr hohem Gewölbe. Das Kruzifix hängt so hoch, dass nur die Beine von Jesus zu sehen sind; während der Handlung des Stückes erhebt sich das Kruzifix immer mehr, bis es schließlich ganz verschwindet. Ein großer Spiegel mit einem verzierten Rahmen im Stil der Renaissance steht in einem krassen Gegensatz zur asketischen Ausstattung der Zelle.

            Eine Nonne sitzt betend vor dem Spiegel. Wenn sie das Gesicht zum Publikum wendet sieht man, dass sie sehr schön ist und jung. Sie spricht:

– Es ist seltsam. Wenn man so lange schweigt, fällt es einem schwer, mit dem Sprechen wieder anzufangen; die Zunge verweigert ihren Dienst. „Beten kann man auch im Stillen“–, sagte die Mutter Oberin, als sie mir das Schweigegelübde abnahm. Aber es war ja mein eigener Wunsch.

            Sie wird für einen Moment nachdenklich.

– Ich habe alles zurückgelassen, dort, in meinem früheren Leben: meine eleganten Kleider, meinen Schmuck, alles… alles… Die Diener waren wie versteinert. Wahrscheinlich haben sie so etwas von der Signora Capulet nicht erwartet. Aber sie weinten auch nicht. Wer weiß, vielleicht waren sie sogar erleichtert. Nur die Amme jammerte: „Aber warum denn, Signora? Wer soll sich denn um uns kümmern? Ja, wenn man ins Kloster geht, dann lässt man sich doch bei lebendigem Leibe begraben, gleich unsrem lieben Mädchen hinterher.“–

            Drückt ihre Hände an den Mund.

– O, mein Gott! Julia!

            Stellt sich vor den Spiegel.

– Nein! Aufhören! Nicht mehr denken! Keine Erinnerungen! Die Mutter Oberin sagte… Ja, was sagte sie denn? Ach ja, sie sagte: „Meine Tochter, nehmen Sie den Spiegel mit“–, „ Darf man denn?“ – „Das Schweigegelübde ist eine schwere Bürde. Nehmen sie den Spiegel, ich erlaube es“.

            Schaut in die Tiefe des Spiegels hinein.

– Aber warum, warum hat sie das gesagt? Dieser Spiegel, er sieht so fremd, so seltsam aus, hier inmitten all der Kruzifixe und Heiligenbilder, in einem Raum, vorgesehen für Gebete.

            Berührt mit der Hand den bronzenen Rahmen.

– Da ist mein Spiegelbild. Diese blasse Frau da in der schwarzen Nonnentracht das bin ich. Ich, die Signora Capulet, eine stolze Patrizierin, die Gemahlin eines der reichsten Aristokraten in Verona. Mein Gemahl…

            Zuckt zusammen.

– Was war das für ein Schatten? Dort im Spiegel? – Ach nein, nichts. Es scheint nur so… Worüber sprach ich denn mit dir, du blasse Siedlerin des Spiegellands? Mein Mann? Ja, ja, er war ein guter Mensch. Warum sage ich denn „er war“? Er ist! Er ist gesund und munter. Putzmunter. Er wird vielleicht ein bisschen geweint haben, als…

            Unterbricht sich selbst.

– Nein, als ich sagte, dass ich ins Kloster gehe, hatte er keine Träne vergossen. Er dachte gar nicht daran. Er fragte nur: „Bist du dir da ganz sicher? Hast du dir es gut überlegt?“ Und schaute mich an wie… Wie eine Verbrecherin!

 

            Zornig zum Spiegel.

– Ich – eine Verbrecherin? War denn nicht er der Verbrecher, als er beschloss mich zu heiraten? Er, ein vierzigjähriger Mann nahm mich, eine Dreizehnjährige. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft: Er tritt in unser stilles Wohnzimmer ein, wichtigtuerisch, hochmütig, ernst. Nimmt meine Hand in die seine und sagt: „Mein Kind, Ihre Eltern haben zu unserer Vermählung zugestimmt. Ich bin sicher, Sie werden eine gute Gemahlin und Mutter sein“. Ich sah meine Eltern an. Was waren die stolz! Es ist keine Kleinigkeit, wenn selbst der Signore Capulet mit ihnen in verwandtschaftliche Beziehungen treten will! Dann schaute ich meinen zukünftigen Ehemann an: der gestrenge Herr dort sah nicht wie ein Bräutigam aus, schon gar nicht wie der fünfzehnjährige Giuliano, mit dem wir uns gestern zum ersten Mal geküsst hattet. Ich sagte: „Nein, bitte nicht, ich will nicht!“

– Aber das sagte ich so leise, dass weder Vater noch Mutter es gehört hatten. Aber der gewichtige Signore hat es gehört. Doch, doch, er hat es gehört, aber er schwieg…

            Leise, fast kraftlos.

– Danach gab es viele Tränen, Vaters Zorn, eine große Hochzeit und wieder viele Tränen. Aber es nutzte nichts, wie auch Mutters Mitgefühl. Ja, meine Mutter fühlte mit mir, die Ärmste, sie fühlte mit mir…

            In aufgeregter Überstürzung.

– Sie konnte mitfühlen, ich nicht. Bei Gott, ich konnte das nicht. Bei mir war alles ganz anders. Eine andere Familie, ein anderer Mann, nicht wie mein Vater. Eine andere Tochter, nicht so wie ich. Julia war anders, ganz anders. Sie ähnelte mir überhaupt nicht, nein, gar nicht. Vielleicht äußerlich, das Gesicht, die Augen, die Stimme. Aber nicht im Wesen, nicht im Charakter.

            Schreit den Spiegel an.

– Sie war anders! Es war schwer mit ihr! „Ja, Signora“, oder „Nein, Signora“. Schwarz, weiß. Gut, schlecht. Keine Zwischentöne. Aber im Leben ist doch alles gemischt, alle Farben sind vorhanden.

            Flüstert.

– Nein, das ist nicht wahr. Es ist eine Sünde, man darf nicht lügen. Sie war rein und unschuldig. Sie ertrug keine Lügen. Und sie hatte zu viel verstanden. Immer dieser stumme Vorwurf in ihren Augen!

            An den Spiegel gewandt.

– Und du, blasse Nonne! Weißt du überhaupt, was das bedeutet ein alter Ehemann? Vielleicht wusstest du es und hast es vergessen? Ein alter Ehemann, das sind ein kaltes Lager und die heiße Liebe zu sich selbst. Ja, zu sich selbst und zu seinem Geld! Zu seinem unbefleckten Ansehen und zu seinem Clan.

Ca-pu-let! Und wie der befleckt ist! Mit Blut. Mit viel Blut! Was haben euch diese Montagues getan? Das sind doch genau solche aufgeblasene, hirnlose, stupide Rindviecher, wie ihr es seid! Und so viel Blut…

            Betrachtet ihre Hände.

– Aber ich habe damit nichts zu tun. Nein ich nicht! Die haben sich gegenseitig abgeschlachtet nach ihrem eigenen Willen. Meine Hände sind rein und weiß. Diese Hände hatte der andere immer so bewundert. Er, dessen Namen ich hier nicht benennen will, dessen Namen mir jetzt sogar Angst einflößt. Er staunte immer über die schneeweiße Reinheit dieser Hände. Weiß wie die Lilien, die von den Einwohnern Veronas über zwei Särge gestreut wurden. Zwei so junge, weiße Gesichter inmitten all der Lilien.

            Schaut mit Entsetzen in den Spiegel.

– Was ist das im Spiegel hinter deinem Rücken, du Nonne? Ich sehe doch wie dort etwas Weißes und Rotes sich wendet und windet. Was ist das?     

            Mit Erleichterung

– Ach verstehe. Ich wollte deinen Namen nicht nennen, aber du hast mich gehört, Tybalt. Das ist dein Leichentuch so voller Blut. Ich liebte dich, als du noch lebtest und ich fürchte mich auch nicht vor dir, wo du jetzt tot bist. Wie sollte ich Angst vor dem haben, den ich so liebte. Ja, ich liebte ihn wirklich, seine starken Arme, seine Leidenschaft, die manchmal alle Grenzen überschritt, seinen Mut, seine unvernünftige, fast überstürzte Risikobereitschaft.

            Wieder in den Spiegel.

– Was willst du hier, Tybalt? Wolltest du mich an unsere Liebe erinnern? Das glaub ich nicht. Dort, wo du jetzt bist, gibt’s keine fleischlichen Genüsse mehr, sogar die Erinnerung daran vermodert mitsamt dem Körper. Dort herrscht der Tod. Er hat jetzt meinen Platz neben dir eingenommen. Was also soll dein Erscheinen hier bedeuten? Kann es sein, dass du mich auch beschuldigst? Aber wofür? Du hast doch immer mit deinem Leben gespielt, suchtest den Tod. Jetzt hast du ihn an der Spitze des Schwertes des von dir so verhassten Romeo gefunden. Ja, auch ich hasste ihn, diesen jungen Schönling Montague. So ein Träumer, so ein Waschlappen. Ich verstehe nicht, was Julia an ihm nur fand. Neben dir, mein Tybalt, einem Edelmann von Kopf bis Fuß, war er doch einfach eine jämmerliche Gestalt. Wie konnte das passieren, dass er dich getötet hat? Dich, den besten Haudegen von ganz Verona?

            Weicht zurück.

– Nein, schweige still, Tybalt. Ich will es nicht wissen!

            Streckt die Arme zum Kruzifix aus.

– O Gott! Kann das denn wahr sein? Ich dachte immer, Tybalt wäre Glücklich mit seinem Leben, so wie es war. Warum sollte er, ein junger freier Mann, sich binden wollen? Viel besser war es doch, mit mir, einer verheirateten Frau, eine heimliche Beziehung zu unterhalten. Alles lief doch so gut. Die Amme überbrachte dir die Botschaft wann und wo wir uns treffen wollten. Sie kam schnaufend und pustend zurück und war sehr zufrieden mit sich. Ihre kleinen Äuglein glänzten vor Freude. Meinen Mann konnte sie nicht ausstehen, denn er wollte ihre Privilegien nicht so anerkennen, wie sie es gewohnt war. Sie kam ins Haus zusammen mit mir. Meine Eltern dachten, dass ihre alltägliche Geschäftigkeit den Anfang meines Lebens als Ehefrau mir ein wenig erträglicher machen wird. Sie freute sich sogar, dass dem gestrengen, unzugänglichen Signore Capulet langsam Hörner wuchsen. Sie sang oft in seiner Gegenwart das freche Straßenliedchen:

                                    Ein Hirschgeweih im Wappenschild

                                    Bedeutet Kraft und Macht.

                                    Doch manchem stolzen Ehemann

                                    Wächst so was über Nacht.

            Sie lacht.

– Aber mein Gatte hatte keine Ahnung.

            Sie hält inne, als ihr unerwartet ein Gedanke kommt.

– Aber, vielleicht doch? Das unglückselige Fest, bei dem alles angefangen hatte…

– Als Tybalt den jungen Montague erblickte, dessen Maske kaum sein Gesicht bedeckte, griff er zum Schwert, aber mein Mann hielt ihn zurück. Wer möchte schon einen Skandal auf einem Maskenball haben? Ich kam näher, um mich einzumischen, wenn nötig. Aber da hörte ich meinen Gatten reden: „He, junger Mann, wer ist hier Herr im Haus. Er oder ich? Der Streich wird Euch gereuen: ich weiß schon was! Seid ruhig, sonst“–

            Zum Spiegel

– Du wurdest blass, Tybalt, das sah ich deutlich. Deine hellen Augen sprühten Funken und deine Lippen kräuselten sich ganz ungewöhnlich. Du warst fassungslos, zum ersten Mal im Leben fassungslos –. Als du an mir vorbei gingst flüstertest du mir zu: „Er weiß es“. „Na und?“ gab ich dir leichfertig zurück. „Um so besser“, und du strahltest mich an. Oh, dieses Lächeln! Ich sehe es bis heute noch. In diesem Lächeln war Hoffnung. Du hofftest auf das Scheitern meiner Ehe. Du hofftest auf die Zukunft. Unsere gemeinsame Zukunft. So deute ich dein Lächeln jetzt, aber damals hielt ich für besser, dieses Lächeln zu ignorieren. Wer weiß, was mein Ehemann damit meinte?

– Um diese Hoffnung sofort zu zerstreuen, die mein ruhiges Dasein gefährden konnte, beschloss ich unser Treffen, das nach dem Fest stattfinden sollte, abzusagen. Als die schlürfenden Schritte meines Ehemannes im Schlafzimmer verhallten, rief ich die Amme zu mir. Mir schien, dass sie irgendwie aufgeregt war. „Werte Signora“, begann sie „ ich muss Ihnen etwas sagen. Unsere Julia hatte abends auf dem Fest“–

– Aber ich habe die Amme kurzerhand unterbrochen. „Los, geh mit dem Zettel! Ich will nichts hören von deinem Gewäsch!“ Sie schaute mich nur vorwurfsvoll an und ging hinaus.

            Wendet sich an das Kruzifix.

– Oh Herr, sage mir, ob die Dinge anders verlaufen wären, wenn ich damals die Amme angehört hätte? Dann hätte ich erfahren, dass meine Tochter die Bekanntschaft mit dem jungen Motague geschlossen hatte. Hätte ich die Vorsehung abändern können? Den Lauf der Sterne? Deinen Willen?  

            Sie fällt vor dem Kruzifix nieder, steht aber nach einer Pause wieder auf.

– Weißt du, Herr, was ich am toten Körper von Tybalt gefunden habe? Meinen Zettel. Denselben, wo ich ohne weitere Erklärung ihm mitteilte, dass unser Treffen nach dem Fest nicht stattfinden wird. Und auf der Rückseite stand die Forderung zum Duell an Romeo, in der Handschrift von Tybalt geschrieben. Er hatte Romeo zu Hause nicht angetroffen, aber das fatale Zusammentreffen mit ihm fand an jenem Tag rein zufällig statt. Doch ich denke, früher oder später hätten die beiden sich doch getroffen. Und ich weiß, dass auch zwanzig Montagues mit dem einen Tybalt nicht fertig geworden wären, wenn er nicht selbst den Tod gesucht hätte.

            Wendet sich an den Spiegel.

– Dann ist es eben so, dass mich dein Blut befleckt, Tybalt. Deines, aber nicht das von Julia. Dieser dumme Dolch hatte sich einfach verirrt. Seine lehre Behausung hing an Romeos Gürtel. Er selbst traf die Brust meiner Tochter. Ihr Tod trieb mich wie eine Totenglocke in dieses Kloster, in das kühle Grab der Zelle.

– Das Grab. Ich erinnere mich noch, wie es war, als ich das fatale Wort damals aussprach. Mein Gatte trug mir auf, dass ich unsrer Tochter die Botschaft über die Vermählung mit Paris überbringe. Ich war damals so außer mir, so traurig über Tybalts Tod, doch ich ging zu Julia und hörte ihre entschiedene Ablehnung. Ein Zornesausbruch von Seiten meines Mannes war unvermeidlich. Wo sollte ich die Kraft hernehmen, auch noch dem zu widerstehen? Da sagte ich zu meinem Mann: „Sie will es nicht… Wäre doch die Törin ihrem Grab vermählt!“ Dort oben hat man das gehört.

            Rückt ganz nahe an den Spiegel heran.

– Julia, mein Kind, bist du es dort? Dein Hochzeitskleid hat das alte, dunkle Glas des Spiegels mit Licht erfüllt. Mit deiner leichten Umarmung liebkost du meinen dunklen Zwilling, die traurige Nonne. Vergibst du ihr? Und mir? Vergibst du mir?

– Wie sie damals gebettelt hatte: „O süße Mutter, stoße mich nicht weg! Nur einen Monat, eine Woche Frist! Wo nicht, bereite mir das Hochzeitsbett in jener düstern Gruft, wo Tybalt liegt.“ Und ich sagte ihr: „Sprich nicht mit mir, ich sage dir kein Wort. Tu, was du willst, du gehst mich nichts mehr an.“

– Was für schreckliche Worte. Doch ist es denn nicht selbstverständlich für die Ehefrau, dass sie auf der Seite ihres Mannes steht? Umso mehr, weil es um eine so wichtige Sache geht wie die Vermählung der Tochter? Mit diesem Gedanken beruhigte ich mein Gewissen. Und alles geschah, wie es geschah. Und wieder Blut. Deines, Romeos, das von Paris. Und die Bürger von Verona wiederholen wie ein Sprichwort nur das eine: „Niemals gab es ein so herbes Los, als das der Julia und ihres Romeos.“

– Aber ich stehe schon viele Tage und Nächte vor diesem Spiegel, dem einzigen Zeugen meiner guten und meiner sündigen Tage und wiederhole: „Es ist so grausam und kein bisschen nett, das Schicksal der Signora Kapulet.“

– Aber es bringt mir keine Erleichterung.

– Nun, meine stille Gesprächspartnerin, es wird Zeit, Abschied zu nehmen. Abschied von dir, du dunkle Nonne.

            „Die Zukunft ist Schweigen.“

 

            Lady Capulet zertrümmert den Spiegel, der Klang des zersplitternden Glases geht über in einen leisen Choral; sie erhebt die Arme zum Kruzifix, aber es ist schon in der Höhe verschwunden. Die Zelle versinkt in der Dunkelheit.

 

Ende

 

Übersetzt von Melitta Neumann.

русская православная церковь заграницей иконы божией матери курская коренная в ганновере

Über IF: Nina Masur (Hannover)

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