Start // Artikeln // Kultur // Geschichte // Welche Geschichten Weinflaschenetiketten erzählen
Integrationszentrum Mi&V e.V. – Mitarbeit und Verständigung

Welche Geschichten Weinflaschenetiketten erzählen

«Süßer, als die Milch der Madonna!» So haben ihre Bewunderung die Kapuziner-Mönche aus Worms* ausgedrückt, als sie das neue berauschende Getränk im Weinkeller des Klosters kosteten und diese bis heute erhaltenen Räumlichkeiten den Namen der Madonna trägt – Liebfrauenkriche.

 

Dieser Wein heißt auch „Liebfraumilch“, also „Die Milch der Madonna“ und nicht „Die Milch der geliebten Frau“, wie viele fälschlicherweise ins Russische übersetzen.

Die breite Popularität in den Weiten Europas bekam der Wein erst im ersten Viertel des 19. Jhd. nachdem die berühmten Klosterweinberge im Zuge der napoleonischen Säkularisation** im Jahr 1808 vom holländischen Winzer Valckenberg (1764-1837) bei einer Auktion ersteigert wurden. Der gescheite Geschäftsmann schaffte es die Engländer, mit denen er auch schon vorher Handel getrieben hatte, von diesem edlen Getränk „süchtig zu machen“. Und von England aus verbreitete sich die Berühmtheit des „neuen“ deutschen Weines mit einem, in meinen Augen, ziemlich vulgären Namen, auf der ganzen Welt.

 Eine nicht unwichtige Rolle in der Popularität der „Liebfraumilch“ spielte der Fakt, dass der süßliche Wein, der an den Ufern des Rheines gedieh und von Legenden der Nibelungen umgeben war, der britischen Elite, und vor allem den Grafen von Norfolk und von Northumberland, aber auch den Mitgliedern der schwedischen königlichen Familie zusagte. Außerdem wurde der Wein auch gerne von vielen anderen, wie man heute sagen würde –VIPs, dieser Zeit getrunken, wie z. B. vom Erzbischof von York oder von Charles Dickens. Und schon im Jahre 1900 hat das englische Handelshaus Berry Brothers & Rudd die Weinproduktion aus den Weinreben um die Liebfrauenkriche herum zu gleichen Preisen wie die berühmten französischen Weine aus Bordeaux verkauft. Solche wie Château Margaux und Château d’Yquem.

image004

Die erste Erwähnung der Wormser „Liebfraumilch“ in den Geschichtsannalen ist von 1744. Und zu dem Zeitpunkt wurde der ein wenig veraltete Name „Lieben Frauen Milch“ ausschließlich den Weinen zugeschrieben, die aus den Weinsorten gemacht wurden, die in einem bestimmten Gebiet wuchsen – dort „wo der Schatten der Klostertürme fiel“!

image006Diese Regeleung besteht bis heute. Und heute, wenn man entlang der Klostermauern spazieren geht, kann man sehr leicht in Erfahrung bringen, welcher Weinrebe die große Ehre erteilt wird „eine Blume“ im „Strauß“ der echten „Liebfraumilch“ zu werden. Diese Gesetzesstrenge in Bezug auf die Eigentümerrechte kommt normalerweise nicht aus dem Nichts. So war das auch im Fall der „Liebfraumilch“. Der Wunsch vieler deutscher Winzer (und nicht nur aus der Region Rheinhessen) schnell reich zu werden durch eine gut vermarktbare Marke, veranlasste sie dazu ihren Weinen auch so eine „himmlische“ Herkunft, wie bei den Weinen von Valckenberg, zuzuschreiben. Den Holländer empörte diese Dreistigkeit und als er zum Bürgermeister von Worms ernannt wurde (1822-1837), erreichte er letztendlich die Rechtsgültigkeit seiner Rechte. Seither zählen nur die Weine, deren Etiketten mit ihrer Herkunft aus dem Klosterweinkeller des Wormser Liebfrauenstift-Kirchenstücks versehen sind, zur echten „Liebfraumilch“***.

Die Nachkommen (schon in der siebten Generation!) des berühmten Bürgermeister-Winzers**** führen seine Geschäfte auch heute (teilweise leben sie auf dem Gelände des ehemaligen Klosters). Das Problem mit den plagiatorischen Konkurrenten hat nicht nur einmal ihr Leben und ihr Geschäft erschwert. Einer von Valckenbergs Nachfolgern hat sich sogar dazu entschieden ein Korrektiv in die Herstellung der berühmten Marke einzuführen. In 1909 führte er einen neuen Wein auf den Markt ein, der den Namen „Liebfraumilch Madonna“ trug.

Dieser Wein bestand unter anderem aus willkürlichen rheinhessischen Weintraubensorten, das komplett gegen die anfänglichen Qualitätsforderungen ging. Heute sind die Weintraubensorten, aus denen die Liebfraumilch gemacht wird, streng den Vorschriften unterworfen. Da die „Liebfraumilch“ ein weißer halbtrockener Wein ist, erlaubt das deutsche Weingesetz (WeinG) für dessen Herstellung die Weintraubensorten Riesling, Müller-Thurgau, Bacchus, Silvaner und Kerner. Interessant ist, dass welche Weintraubensorte genau zu dem Abstich des einen oder anderen Jahres geht, wird üblicherweise nicht auf den Etiketten vermerkt.

 Apropos Weinetiketten. Es gibt eine Unmenge von ihnen, was die Sammler dieser bunten, größtenteils Flaschenpapieraufkleber, erfreut. Diese Sammelleidenschaft nennt sich ganz einfach Weinetiketten-Sammeln. Das Hauptmotiv der Mehrheit der Liebfraumilch-Etiketten ist selbstverständlich das Abbild der Madonna mit Kind. Dabei ist trotz der künstlerischen Vielfalt, die konkrete Reliquie gemeint – die wunderschaffende Statue der Madonna aus der Liebfrauenkirche in Worms (XIII Jhd.). Geehrt wurde diese Skulptur von Anfang an (die Gründung des Klosters ist mit dem Jahr 1382 datiert).

Der Pilgerweg zu der Statue, die Heilung schenkte und andere Wunder erschuf, wurde bis zu der Ankunft der Soldaten der napoleonischen Armee regelmäßig benutzt. Nach der o.g. Säkularisation wurde die Statue vorübergehend aus dem Gotteshaus entfernt. Damals durchlebte die Liebfrauenkirche, die der bedeutendste rein gotische Bau zwischen Straßburg und Köln war, die schwerste Zeit in ihrer Geschichte. Zu dieser Zeit, wurde auch z.B. die Kapelle des heiligen Valentin zerstört, dem Schutzpatron des Klosters, dessen Pilgerreise zu den heiligen Reliquien noch im Jahr 1311 gefeiert wurde. Die Anbetung der Statue der Madonna mit Kind wurde erst wieder im Jahr 1928 erlaubt. Interessant ist, dass auf den Weinetiketten meistens Portraits der Jungfrau Maria abgebildet, die dem kirchlichen Original nicht besonders ähnlich sind. Meistens sind das entweder stilisierte Abbildungen des bekannten Bildes oder komplett eigenständige Schöpfungen der Etiketten-Kunst.

Sammler haben beim genauen Studieren der Flaschenaufkleber festgestellt, dass die Sujets mit der heiligen Mutter Gottes erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jhd. auftauchen. Vorher haben oft Abbildungen von Weinreben oder Weintrauben die Etiketten geziert, wie auf den Etiketten aus 1846 und 1862. Und einer der ersten Bilder der berühmten Klostertürme, die einen Schatten auf die Weinberge werfen, erschien in 1880. Dieses Etikett wurde im sehr populären Jugendstil ausgeführt und zierte die Flasche mit der „kopierten“ „Liebfraumilch“ aus dem Weinkeller der Gebrüder Derstroff. Dieses Motiv wurde auch vom Herrn Wilhelm Mahler bevorzugt, der das Bild der Liebfrauenkirche auf dem Etikett seines Rieslings von 1941 verewigte. Der berühmte Sakralbau mit den zwei Türmen befindet sich fast in der Mitte des Bildes. Unter dem Datum befindet sich die Aufschrift „Wormser Liebfrauenstift“, was bedeuten sollte, dass auch dieser Wein aus den Klosterweingärten stammenden Früchten gemacht wurde.

In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist die Liebfraumilch unterschiedlichen Abstichs (nicht Wormser) auf den Regalen der deutschen und englischen Supermärkte gelandet. Und in den 90er Jahren auch in Russland. Dabei wird das Getränk nicht nur in Flaschen, sondern auch in Tetra-Paks abgefüllt, was in großem Maße das Ansehen dieses leichten und unwahrscheinlich leckeren Weins beeinträchtigt, dem eine jahrhundertelange Geschichte zuteil kommt, die im Klosterweinkeller und mit Brüdern im Rau…im Namen Christi ihren Anfang nimmt.

Anmerkungen des Autors:

 *Rheinland-Pfalz.

 ** ist in der Geschichtswissenschaft die Aufhebung kirchlicher Institutionen und die Verstaatlichung ihres Besitzes sowie die Einverleibung der geistlichen Fürstentümer und Herrschaften des Heiligen Römischen Reiches durch größere Territorialstaaten während des Napoleonischen Zeitalters (aus Wikipedia).

 ***im 20. Jhd. Wurde die Monopolie des Weinverkaufs mit dem berühmten Namen abgeschafft. Jetzt können auch andere Winzer Deutschlands die Liebfraumilch abfüllen und ausschenken.

 ****zu Ehren Valckenbergs wurde eine der Straßen in Worms benannt.

 

 Aus dem Russischen von Yevgeniya Marmer

русская православная церковь заграницей иконы божией матери курская коренная в ганновере

Über Rolf Meisinger (Mannheim)

Auch lesen

Kipling: Ost und West

Zum 160. Jahrestag von Rudyard Kipling„Oh, Ost ist Ost, und West ist West, und es …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Яндекс.Метрика