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Integrationszentrum Mi&V e.V. – Mitarbeit und Verständigung

Und wieder über Kundgebungen und Flüchtlingen…

Ende Januar fand eine Welle von sanktionierten Kundgebungen „Wir sind gegen Gewalt“ statt, von Aktivisten der russischsprachigen Bevölkerung ausgelöst.

 

Den Anstoß dazu war der Fall der 13-jährigen Lisa aus Berlin, für den so weit nicht bekannt ist, was mit dem Mädchen passiert sei: in der russischsprachigen Gemeinde Deutschlands wird aktiv die Informationen aus dem russischen Fernsehen diskutiert, dass die Schülerin brutal von Flüchtlingen aus Syrien misshandelt worden sei. Deutsche offizielle Strukturen bestätigen diese Informationen nicht, gegenüber deren die Demonstranten aktiv das Misstrauen zeigten. Und hier ist es bereits der Fall nicht in der Gewalttatsache gegen das Mädchen (ob es nun gewesen sei oder nicht, wird jetzt herausgestellt), sondern wie wir uns in dieser Situation zeigen.

Die Mailing ist auf Russisch durch den beliebten Netzwerk-Messenger „WhatsApp“ den Protestdemonstrationen vorausgegangen, die in vielen Städten stattfanden, unter anderem auch in Rastatt, Bruchsal, Pforzheim, Freudenstadt, Lahr, Kaiserslautern, Leimen. Mich erreichte folgender Text (Die Rechtschreibung und die Zeichensetzung vom Autor sind erhalten): „Achtung! Das ist ein Krieg! Ein 13-jähriges Mädchen wurde in Berlin vergewaltigt. Die korrupte Regierung und seine treuen „Hunden“ Polizisten versuchen diese Tatsache zu verdecken. Die Presse ist schon seit einer Woche ganz still. Am Sonntag, den 24.01.2016 vom 14 bis 16 Uhr gehen wir, all die russischsprachige Bevölkerung, an die Hauptplätze oder zu den Rathäuser aller Städten in Deutschland, alle zusammen, von jung bis alt, in der gleichen Zeit. Diejenigen, die das ignorieren werden, sollen diese Vergewaltigung ihrem Gewissen anrechnen. Dies ist der erste warnende friedliche Protest gegen die Regierung. Wir sind auf der letzten Zeile, wenn wir uns jetzt nicht zusammenschließen und Deutschland nicht verteidigen werden, dann werden wir festgenagelt sein, wie Ratten, jeweils in ihren Höhlen“

Und hier ist eine andere Nachricht, die mir am 19. Januar (die Rechtschreibung und die Zeichensetzung sind auch erhalten) geschickt wurde: „Wache auf, der Rußlanddeutscher, unsere Kinder werden vergewaltigt. Komme am  24.01.2016 um 13 Uhr zum Flüchtlingslager (die Stadt ist bekannt, aber wir lassen den Namen weg – Autor). Ein Einzelner ist kein Krieger im Felde! Leite an einen Freund weiter!!! Aufgrund der Gesetzlosigkeit seitens der Flüchtlingen in Köln und in anderen deutschen Städten! Eine schreckliche Geschichte passierte mit unserer Rußlanddeutschen, aber die Männer haben den Mut nicht verloren. Gut gemacht. Die Südländer (Flüchtlinge aus Fernstaaten) haben in der Stadt Bruchsal ein Mädchen aus einer Familie von Russlanddeutschen vergewaltigt. Aufgrund von Inaktivität und fehlender Bestrafung der Vergewaltiger, haben die Russlanddeutschen von Baden-Württemberg ein Kampfruf ausgerufen – und die Jungs aus Karlsruhe, Pforzheim, Rastatt, Mannheim haben alles hingeschmissen und alle mit den Autos zum Asylheim in Bruchsal angekommen. Nach Angaben der Polizei, kamen über 120 Autos mit den Volksrächern. Die Südländer (Araber, Marokkaner) haben versucht zu schießen, aber sie waren „zurückgeschlagen“ (ein obszönes Wort – Autor) mit Baseballschläger, Lattenzaun und mit den, im Heim gefundenen, Stühlen. Sie gingen durch alle Etagen des Flüchtlingsheims und zertrümmerten die Stühle auf den Köpfen der Vergewaltiger-Flüchtlinge. Der Russlanddeutsche verlässt seinen auf dem Krieg nicht.“ Und endet dieser „Werk“ mit einem lustigen Smiley … Eine solcher Grund haben diese Genossen zu lächeln… Es ist ganz in dem Geist des Marquis de Sade, muss ich sagen. Aber wenn ich ernst bin, dann macht es mir Angst, ein so unbedachtes „Jonglieren“ mit dem schrecklichen Wort „Krieg“

Gemessen an den Aussagen der Bewohner von Bruchsal und das Fehlen von zumindest etwas mehr Informationen zu diesem Vorfall, ist nichts von der Art in der Stadt, die in der Meldung genannt ist, passiert. Diese, ehrlich gesagt, verrückte Geschichte wurde nur eine Erfindung von jemand kranker Phantasie. Aber wie wund muss den Geist sein, um überhaupt so was nur zu erfinden, ganz geschweige davon, um zu planen solche schreckliche Absichten in die Tat zu bringen!…

Und womit sind diese Menschen, die so was ausdenken, besser als solche, die wehrlose Frauen angreifen? Damit, dass sie unter bestimmten Vorwänden bereit sind, in wilder primitiver Art der Selbstjustiz, zu verstümmeln und zu töten nicht nur die Täter, aber auch unschuldigen Menschen, die ohnehin viel Schreckliches in ihren Heimatländern erlebt hatten? Also sorry, aber die Antwort ist hier offensichtlich …

Und generell sollte man nicht besagen, dass alle diese nationalistischen Angriffe seitens der russischsprachigen Bevölkerung in Deutschland bezüglich der Flüchtlingen, nur eine Reaktion auf die Schrecken der Silvester-Nacht in Köln gewesen (worüber, nebenbei bemerkt, nur selten auf der Demonstrationen gesprochen wird, sondern viel mehr den Fall mit dem Mädchens aus einer Familie von Russlanddeutschen erwähnt wird…) und andere Beispiele, die den „Gästen“ aus der afrikanischen und arabischen Ländern negativ prägen. Noch am 23.November letzten Jahres, habe ich durch denselben WhatsApp-Messenger folgenden Newsletter bekommen (die Rechtschreibung und die Zeichensetzung vom Autor sind wieder erhalten): „Sagen Sie allen, die Sie kennen! Der Ladenbesitzer vom russischen Laden „Mix-Markt“ in Dortmund wurde ermordet. Er war von fünf Flüchtlingen niedergestochen worden, nachdem sie aufgefangen wurden beim Diebstahl. Bei einer anderen Gelegenheit, brachen bis zu 7 Flüchtlinge in dem Haus ein, haben eine junge Frau und ihre kleine Tochter vergewaltigt und beraubt. Als die Polizei gefragt war, warum es nicht in den Medien erschien, sagte sie, dass es einen Befehl von oben gibt, der alle solche Fällen verbietet zu veröffentlichen, um die Panik zu vermeiden. Solche Fälle gibt es eine Menge … Jetzt ist es nicht mehr das Deutschland, wo wir einmal zugestrebt hatten. Es kamen hierher nicht einfach Banditen, sondern Bestien, die nicht einmal wissen, was eine Zivilisation ist“.

Danach waren die Vertreter des russischen Ladens „Mix-Markt“ in Dortmund gezwungen die Widerlegung im Internet zu schreiben, die besagte, dass der Inhaber dieses Geschäftes ist am Leben und gesund und über solche eigene „Abenteuer“ nicht einmal gehört hat. Ich gehe davon aus, dass auch der zweite Teil dieser Nachricht mit der Realität wenig zu tun hat…

In solchen Nachrichten sind die Fakten offensichtlich zur Anstiftung des rassistischen Hasses, zur Gewalt und zu den militanten Bedrohungen. Wobei genau das, dass sie im ganzen Land blitzschnell verteilt wurden, besagt darüber, dass viele solche Ansichten teilen, die replizieren und somit unterstützen solche Ideen.
Und auch wenn solche Tragödien wirklich stattgefunden hätten, ob wir das Recht überhaupt haben, alle Flüchtlinge wahllos unter einer Schere zu scheren und besagen, dass es „hierher nicht nur Kriminelle kamen, sondern die Bestien, die nicht einmal wissen, was eine Zivilisation ist?“ Ja, müssen wir anerkennen, dass in vielen Fällen das Vertrauen deutscher Bürger, die ihre Gastfreundschaft gegenüber Flüchtlingen gezeigt haben, getäuscht wurde. Und doch, ja, unter ihnen sind offenbar viele, die sich unangemessen benehmen, die, wie man es sagen kann, die zu den „demokratischen Speisen“ gierig gefallen sind. Angriffe auf junge Frauen in der Silvester-Nacht in Köln und in anderen deutschen Großstädten, natürlich empörend, beunruhigend und beängstigend für sich und eigene Familie sind…ABER! Wir verhalten uns ehrlich gesagt, nicht viel mehr kultiviert, wenn wir uns die Aussagen der Art erlauben … Ist unsere russischsprachige Gemeinde in Deutschland so sauber und unschuldig, und es unter uns keine Verbrecher gibt, den Menschen, die sich zu viel erlauben? Oder gibt es sie nicht unter der Einheimischen in Deutschland? In jeder Gesellschaft gibt es sie, leider. Zur Bestätigung wage ich euch nur über zwei Beispiele zu erinnern. Im vergangenen Jahr hatte der 32-jährige deutsche Staatsbürger Silvio S. buchstäblich brutal einen 6-jährigen deutschen Kind Elias und einen 4-jährigen Jungen Mohamed aus der syrischen Flüchtlingsfamilie getötet. Und vor einigen Jahren hatte der Russlanddeutsche Andreas P. in Hagnau, was auf dem Bodensee liegt, eine junge Frau-Taxifahrerin getötet, wonach zwei kleine Kinder die Waisen bekamen… Und es gibt leider viel zu vielen solchen Beispielen, nur jetzt die Angelegenheit mit den Flüchtlingen mehr aktuell ist, und alles, was sie schief tun, zieht eine besondere Aufmerksamkeit nach sich.

In den Online-Netzwerken bringen die Deutschen die Verwirrung und Unverständnis zum Ausdruck über die Tatsache, dass es gerade die russischsprachige Vertreter der Kategorie Spätaussiedler sich am meisten über die Anwesenheit von Flüchtlingen in Deutschland empören. Dies sind die Menschen, die hierher aus der ehemaligen Sowjetunion kamen und auch durch sehr schwierigen Prozess der Einpassung zueinander gingen, sowohl für sich selbst, als auch für die einheimischen Bewohner. Unnötig zu sagen, viele der Russlanddeutschen, die hier seit Jahren leben, haben sich nicht in die deutsche Gesellschaft integriert und nicht einmal auf der elementaren Ebene gelernt haben, sich auf Deutsch zu verständigen…

Es war schrecklich das Video von der Kundgebung in der Stadt Lahr, die am 24. Januar stattgefunden hat, in dem der Bürgermeister der Stadt Wolfgang G. Müller mit den Demonstranten gesprochen hat. Wenn der Beamte erinnerte ihnen, dass er in den 90-er Jahren eine große Aufklärungsarbeit mit der lokalen Bevölkerung zu tragen hatte und buchstäblich versuchte sie davon zu überzeugen auf einer Umsiedlung von 3.000 Spätaussiedler-Rußlanddeutschen in der Stadt zu einigen, in der versammelten Menschenmenge ist das Brummen aufgestiegen, wobei die Schreie waren meist in russischer Sprache: „Was vergleichen Sie überhaupt? Wir sind nicht so! Diese Flüchtlinge sind doch keine Menschen!“. Dabei wurde versucht das Megaphon aus den Händen Bürgermeisters wegzuschnappen, die Menschenmasse um ihn herum begann zu bewegen, was von außen sehr bedrohlich aussah… Glücklicherweise war die Polizei schnell in der Lage die sich empörende Menschenmenge zu beruhigen. Und hier stellt sich die Frage, ob solche aggressiv abgestimmte Menschen wirklich sich leiten lassen können von einem so unschuldigen Motto: „Wir sind gegen Gewalt!“, anstehend unter den Bannern des Protests und mit eigenem Verhalten zeigen die Bereitschaft Gewalttaten zu begehen?

Die Erklärung der Initiativgruppe „WirSindGegenGewalt!“, die die Demonstrationen in Deutschland initiiert hat, besagt: „Wir sind nicht gegen Flüchtlinge! Jede Person, der vom Krieg, Hunger und Verfolgung von jeglicher Seite leidet, die ihm nur für die „falsche“ Religion, zu helle oder zu dunkle Hautfarbe oder für seinen Glauben mit dem Tod drohen, hat das Recht auf Sicherheit! Wir sind nicht gegen die Leute, die in unser Land ankommen und erkennen, dass sie in ein anderes Land gekommen sind, wo es bereits die eigenen Regeln und seinen Verhaltenskodex gibt, und die es wissen, dass diese Regeln und Vorschriften sind strikt einzuhalten, weil von vornherein die Leute zu respektieren sind, die dich gerettet haben, dir ein Dach über dem Kopf gegeben haben, dich gekleidet, beschuht und genährt haben! Wir sind davon überzeugt, dass solche Menschen, die zu uns jetzt kommen, – ist die Mehrheit. Aber leider sind die jüngste Ereignisse, die der Öffentlichkeit aufgrund seiner beispiellosen Zahlen bekannt wurden, trotz aller Versuche der Behörden die zu verdecken, haben uns gezeigt, dass es unter diesen Menschen solche gibt, die glauben, dass sie berechtigt seien, ihre mittelalterlichen Verhaltensnormen auf unsere Heimat zu übertragen! Und wir sind gegen DIESE Leute!“

Diese Einstellung ist vollkommen klar, ziemlich im Einklang mit den Grundsätzen des Humanismus, und es ist schwierig, sich nicht mit der einverstanden zu sein. Und die Tatsache, dass wir mit Demonstrationen auf das reagieren, was uns nicht zufrieden stellt und wollen dem nicht klein beigeben, ist ein Zeichen der Zivilgesellschaft. Nur warum die vernünftige Versprechen, welche den Grundstein für diese Aktion seien, sich in die rassistische Parolen verwandeln im Geiste „sie sind schlecht, aber wir sind die anderen!..“? Leider, beobachten wir aufgrund dieser Trend, dass sowohl den Flüchtlingen das gleiche für alle Etikett angeheftet wird, als auch jetzt den russischsprachigen Einwohner von Deutschland droht als Nazis den Ruf zu haben im Lande, das sich so ihrer NS-Vergangenheit schämt.

 

Diana Revazova.
Foto vom Autor – Waldemar Baron (Pforzheim).

Übersetzung – Alla Rosco.

русская православная церковь заграницей иконы божией матери курская коренная в ганновере

Über IF: Diana Revazova

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