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Palm Springs-Das Schlimmste ist überstanden

Der Schlagzeuger grinste den Gitarristen an, obwohl er nur dessen Rücken sehen konnte. Ein maskenhaftes Grinsen, das seine Konzentration überspielte, während er die paar Takte auf den Snare-drums trommelte. Dann drehte er abrupt seinen Oberkörper und bearbeitet die Toms, sein Gesicht entspannte sich sofort. Er nickte dem Organisten zu.

Hin und her gingen die Bewegungen des Schlagzeugers, den ganzen vorwärtstreibenden Beat von Sneakers On A Rooster hindurch. Sein Grinsen sah immer grotesker aus, wie bei einem Komiker aus einem Stummfilm.
Dann kam Alabama Train und der Gitarrist bekam seine Gelegenheit für ausgezackte Soli. Er stand kerzengerade ganz vorne an der Rampe und lehnte sich manchmal in seinen hinten flachen Gesundheitsschuhen so weit zurück, dass es schien, als ob er sich nur noch an der Gitarre festhielt. Wenn er sang, sah er meistens mit halb geschlossenen Augen aus dem Fenster.

 

Die Bar war im vierten Stock, und wenn ich dem Blick des Gitarristen folgte, schaute ich über das Publikum hinweg durch die Panoramafenster in den Nachthimmel hinaus, wo unaufhörlich die Positionslichter von Flugzeugen blinkten.
Ich schaffte es nie, mir vorzustellen, dass dort oben Menschen sitzen, eingeklemmt in ihren Sitzen, vielleicht eine Zeitschrift in den Händen haltend oder vor sich hindösend.

Die Band spielte jetzt eine Hard-Rock-Version von HonkyTonkin´. Die wuchtigen Orgelkaskaden im Vordergrund konnten das Tempo nicht bremsen, aber sie machten das Lied irgendwie ausgeglichen und stabil. Ich hatte gehört, dass der Gitarrist zugleich der Besitzer des Clubs war und dass er jeden Abend mit anderen Musikern auftrat. Er hatte mir zu Beginn des Konzerts zugezwinkert, wie einem alten Bekannten. Vielleicht verwechselte er mich mit jemandem. Oder ich hatte es mir nur eingebildet.

Ich hatte vorher schon getrunken, bis ich den Alkohol merkte. Dann waren wir essen gegangen, und ich hatte dabei weiter getrunken, langsam, ohne Hast. Wir waren erschöpft, erschöpft von der Hitze.
Den ganzen Nachmittag waren wir in der Stadt herumgefahren, weil das Gehen in der Wüstenluft zu anstrengend war. Die Hitze machte das Atmen schwer. Die Stadt lag in einer Senke, umgeben von kargen Gebirgszügen. Alle Straßen waren von den sehr hohen und schlanken Mojawe–Palmen gesäumt, und die Häuser standen so weit entfernt vom Bürgersteig, dass sie klein und unansehnlich aussahen.

Am Abend waren wir ein paar Schritte auf der Suche nach einem Restaurant eine Straße entlanggegangen und hatten uns sehr schnell entschieden, weil wir schon angefangen hatten zu schwitzen. Über der Terrasse vor dem Restaurant sprühte aus hunderten feinster Düsen Wasserüber die Tische. Wir saßen hinter diesem Nebel und sahen auf den Bürgersteig. Direkt gegenüber lag der Musikklub. Das Licht der Straße spiegelte sich in den winzigen Tropfen, und es störte uns beim ständigen Summen der Düsen nicht, dass wir nicht miteinander sprachen.

Der Gitarrist kündigte eine Pause an und winkte dem Publikum zu wie vertrauten Freunden. Ich rutschte tiefer in den zu großen runden Sessel. Jetzt werden wir sprechen, dachte ich. Das Schlimmste haben wir überstanden. Sprechen und streiten, und dann kommt die Versöhnung.
Die Flasche war leer, der Kellner stand an der Bar und plauderte mit dem Chef.
⦁    Man ist immer auf den Falschen eifersüchtig, sagte ich schnell zu ihr und winkte gleichzeitig in Richtung Bar.
⦁    Vielleicht hast du recht.
Sie dachte nach. Ich versuchte, mich wieder halbwegs gerade hinzusetzen. Der Kellner kam mit zwei neuen Flaschen und wir stießen an.
⦁    Aber immer, wenn ich es schaffe, sie zu vergessen, sagte siegedehnt und jedes Wort gleichmäßig betonend, vergesse ich dich auch.

Warum sind eigentlich alle Taxis gleich?

Auf der Straßenseite gegenüber fuhr das erste Taxi los, und die nächsten rückten auf. Eine Lücke entstand, weil zwei Fahrer sich auf dem Bürgersteig unterhielten. Dann hängten sie sich halb in die Tür und schoben ihre Wagen vorwärts, bis die Kolonne wieder geschlossen war. Sieben Taxis standen jetzt in der Reihe, Mercedes, das gleiche Fabrikat, die gleiche Farbe, Eierschale.
Warum sind eigentliche alle Taxis gleich, dachte sie.
Das Café war sehr voll, deshalb saßen sie draußen auf einer Terrasse. Sven redete, sie sah an ihm vorbei und beobachtete den Taxistand. Irgendwann kamen doch noch andere Taxis dazu, große Vans und einmal sogar eine andere Automarke. Die Farbe blieb jedoch die gleiche.
Sie sah ihn nur an, wenn er wegguckte. Genauso wie früher wusste sie immer schon vorher, was er sagen wollte. Jetzt auch. Vor allem jetzt: Wenn er einen Satz begann und nach Worten suchte, hatte sie ihn in Gedanken schon lange zu Ende formuliert.
Als der Hund wieder von innen gegen die Glasscheibe des Cafés drückte, an die sie sich lehnte, drehte sie sich zur anderen Seite um. Der Hund war riesig, fast wie eine Dogge. Irgendeine Rasse, die sie nicht kannte, aber sein Gesicht war freundlich. Es gefiel ihm bestimmt nicht drinnen unter den vielen Leuten und der lauten Musik, dachte sie.
Der Hund drehte sich mehrmals im Kreis und setzte sich dann genau so hin wie vorher. Sie spürte seinen massigen Körper durch die Glasscheibe, die bis zum Boden reichte. Nachdem er sich umständlich gesetzt hatte, sah er auffordernd zu seinem Herrchen hoch. Der tätschelte ihn nachlässig. Sie konnte sein hageres Gesicht jetzt im Profil sehen. Er musste noch sehr jung sein, nicht mal 18.
Eigentlich war es viel zu kalt, um draußen zu sitzen, und es regnete außerdem. Aber es war zumindest nach dem Kalender noch Sommer, und die wenigen Tische hier unter dem schmalen Dach waren sogar alle besetzt.
Die Kellnerin kam auffallend oft heraus, obwohl es doch drinnen so voll war. Sie trug einen kantigen, schwarzen Pony, messerscharf geschnitten, die Lippen Brombeere, an den Rändern dunkel nachgezogen. Ein Picassogesicht, dachte sie, so als ob da noch andere Gesichter drin wären.
Sie kam an ihren Tisch und lächelte sie freundlich an, ohne ein Wort zu sagen.
– Was kannst du mir empfehlen, sagte sie, vielleicht irgendwas, das zu dem Wetter passt.
Sie hatte noch nie eine Bedienung um so etwas gebeten. Die Kellnerin lächelte, und diePicassogesichter lösten sich zu einem normalen Gesicht auf. Sie schlug einen weißen Rum vor.
– Oder besser Tequila.
– Warum nicht, sagte sie.
Sven bestellte dasselbe für sich noch einmal.
Der Tequila war klar und kalt und brannte scharf in der Kehle. Zusammen mit der Zitrone und dem Salz löste er ihre Anspannung ein bisschen. Sie ließ ihre Schultern fallen und sah nach dem Hund. Der hatte sich wieder zur Glasscheibe gedreht und schaute sie an. Zumindest sah es so aus. Man weiß das nie so genau bei Hunden.
Sie führte ihre Hand zu seiner Schnauze, als ob sie seinen Unterkiefer kraulen wollte. Der Hund zeigte keinerlei Reaktionen, aber sie hatte das Gefühl, als ob er sie direkt ansah. Ob Hunde überhaupt durch dickes Glas gut sehen können, fragte sie sich.
Sie hörte Sven jetzt aufmerksam zu, auch während sie die Taxis und den Hund betrachtete. Er sprach langsamer als sonst, und gepresst, aber was er sagte, war sehr konzentriert, gut überlegt. So wie letzte Worte. Und das waren sie ja auch irgendwie. Vielleicht glaubte er sogar, dass das jetzt die letzte Gelegenheit sei, sie umzustimmen. Andererseits schien auch er auf alles gefasst zu sein. Vielleicht war er auch erleichtert und wusste es selbst nur noch nicht.
Was er sagte, war alles richtig. Fast alles. Sie verstand ihn gut. Es half ihr sogar, dass sie ihn so gut verstand, und sie fühlte sich noch sicherer in ihrem Entschluss.
Sie konnte sich gar nicht mehr vorstellen, wie sie sich früher gestritten hatten. Und sie hatten sich oft gestritten, laut, bösartig, und ohne jede Rücksicht.
Sie antwortete nicht viel, aber wenn, nickte er immer, egal was sie sagte. Sie wurde noch gelassener. Ob der Tequila jetzt vielleicht wirkt, dachte sie.
– Du hast mir von Anfang an keine Chance gelassen, sagte er.
– Das stimmt nicht, sagte sie.
Aber sie hatte keine Lust zu sagen, warum.

Einige Taxifahrer standen wieder auf dem Bürgersteig und unterhielten sich. Es regnet also gar nicht mehr, es sind nur die Bäume vor dem Café, von denen es noch tropft.
Sie wollte etwas sagen. Etwas, das nichts zerstört und gleichzeitig keine Hoffnungen macht. Irgendetwas, was so klang, als wäre es ihr gerade eben erst eingefallen. Nur die Wahrheit kam nicht mehr in Frage.
Damals hatte sie ihm keine Vorwürfe gemacht. Fast keine. Bella war ihr selbstziemlich sympathisch gewesen, von Anfang an, und sie hatte sofort verstanden, warum er sich zu ihr hingezogen fühlte. Sie gefiel ihr vielleicht sogar aus dem gleichen Grund, wer weiß. Deshalb tat es nicht weh. Und es machte ihr nichts mehr aus.
Sie könnte ihn zumindest irgendetwas Belangloses fragen, dachte sie. Um ein bisschen abzulenken. Um Gelegenheit für eine unverfängliche Gemeinsamkeit zu geben. Zum Beispiel könnte sie ihn fragen, warum eigentlich alle Taxis gleich sind.
Aber sie sagte nichts. Sie sah ihn bloß unvermittelt an. Und dann sah sie aus den Augenwinkeln den Hund aus dem Café kommen. Er zog an seiner Leine, und sie war enttäuscht, dass er nicht mal zu ihr rübersah.
Der hagere Junge hielt ihn kurz, versuchte ihn zu beruhigen und stieg in das erste Taxi ein.

 

 

 

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Über IF: Holger Schwenke

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