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Integrationszentrum Mi&V e.V. – Mitarbeit und Verständigung

Das Gerstenfeld

Die heiße Sonne im Juni verbot mir im Haus zu bleiben, wir hatten keine Klimaanlage, die die 40 ͦ C hätte senken können. Mein Vater, der Lehrer war, hätte zehn Monate lang sparen müssen, um dieses Gerät zu kaufen, aber Brot ist wichtiger als so etwas!

Ich musste meine Schulferien neben dem Fluss und zwischen den Schatten der Linden verbringen. Unser Fluss fließt mitten durch die weiten Gerstenfelder. Der leichte Wind hatte die Gerste geschüttelt und zeichnete sich am Horizont in den Wellen der See ab. Die Ähren hatten goldene Hüte angezogen und tanzten im Wind als warteten sie auf die Hochzeit der Ernte.
Salwa, die hübsche Frau mit der unglaublichen Figur, dem schönen Gesicht, die Haare unter einem gelben Kopftuch versteckt, sie sieht wie eine Ähre
zwischen der Gerste aus! Sie hilft ihrem Bruder Jameel bei der Arbeit. Jameel hatte einen großen Körper, seine Augen waren wie die eines Tigers, der schwarze Bart vollendete sein starkes Gesicht.
Ich war eifersüchtig, als ich hörte, dass Khalil, der Traktorfahrer aus unserer Stadt, seit ein paar Tagen ihr Verlobter war.
Obwohl Salwa zehn Jahre älter war als ich, liebte ich ihr Engelslächeln.
Am schönsten war es, wenn sie zu mir sagte: ,,Wie geht es dir, dem Doktor der Zukunft?“ Ich schämte mich und meine roten Wangen gaben die Antwort: ,,Meine Prüfungen waren sehr gut und ich werde das Zertifikat bekommen.“
Dann sagte sie: ,,Oh, Held, mach weiter“.
Wenn Jameel einmal nicht da war, lud sie mich zu einem Tee ein. Ich las ihr dann eine Geschichte von Tolstoy, Thomas Mann, Albert Camus oder Charles Dickens vor. Am Ende fragte ich sie: „Darf ich deine Haare sehen?“ Sie hatte lange, braune Haare, aber mein sehnlichster Wunsch war es, ihre rosa Lippen zu küssen.  ,,Warum versteckst du deine schönen Haare?“ fragte ich. ,,Lass sie mit den Ähren der Gerste tanzen!“
Ihre Antwort war, dass sie sich wegen unseres wunderbaren Glaubens, des Glauben des Friedens verschleiert. Dann sagte ich: ,,Das Kopftuch ist der Feind des Friedens, weil es gegen die Freiheit ist und die Freiheit ist die Mutter des Friedens.“
Sie hatte keine Antwort sondern sprach: ,,Das sind große Worte, wo hast du das gelernt? Willst du, dass Jameel und Khalil mich umbringen?“ Sie hatte also leider keine Wahl, das Kopftuch oder der Tod.
Es tat mir weh mit ansehen zu müssen, wie sie ihre Haare wieder unter dem Kopftuch verbarg!
Ich ging, und Sonne und Schatten legten sich im Wechsel auf mein Buch. Mein Buch verströmte einen wunderbaren Duft, denn Salwa hatte mein Buch in ihren Händen gehalten.
Schade, dass Salwa nicht zu meiner Generation gehörte.
Wir könnten doch zusammen in der Schule lernen! Ach, ich hatte vergessen, die Mädchen bei uns dürfen nur unter ihresgleichen lernen und wir unter unseresgleichen …
Die Mädchen in unserer Stadt dürfen nur bis zur zehnten Klassen lernen und der Besuch eine Universität ist ihnen vom Elternhaus untersagt. Es gibt aber eine Frau, die es geschafft hat sich allem zu widersetzen. Sie hat studiert, die Uni mit Erfolg absolviert und ist jetzt Ärztin in unserem Krankenhaus: Doktor Leila. Nur ihrem Vater hatte sie es zu verdanken. Aber er musste damit leben, von den Leuten als Ungläubiger beschimpft zu werden. Aber er war glücklich und stolz auf seine Tochter und das entschädigte ihn.
Ich verbrachte meine Tage weiter mit Lesen am Fluss, der nun nur noch allein da war, ohne die Gerste, die mit dem Fluss, dem Wind und mit der Sonne gespielt hatte. Denn sie ist eingefahren und zermahlen worden.
Auch Salwa war weg, ich habe sie nicht wiedergesehen. Sie hat jetzt keinen Grund mehr, das Haus zu verlassen, die Ernte ist vorüber.
Sie hatte ein großes Problem mit der zweiten Frau ihres Vaters. Die Frau mit großem Umfang und kurzem Hals war eine schreckliche Person.
Sie hatte eine sehr laute Stimme und so komisch wie sie aussah, war auch ihr Name: Sagida. Der Name bedeutet: die gläubige Frau, die immer vor Gott kniet.
Als die Mutter von Salwa und Jameel starb, heiratete ihr Vater diese hässliche Frau und so kamen die Probleme. Der letzte Streit war wegen Khalil. Sagida wollte Salwa für ihren Bruder und sie nannte Khalil eine arme Ratte. Salwa hatte Sagidas Bruder abgelehnt, weil er schon verheiratet war und zehn Jahre älter als sie.
Nach dem Tod des Vaters blieb Salwa allein gegen die Stürme des Lebens.
Ich vermisste ihr zauberhaftes Gesicht und ihre leuchtenden Augen.
Ich wusste nicht, wie ich Salwa noch einmal sehen konnte, ich durfte nicht zu ihrem Haus.
Bevor das Schuljahr anfing, kaufte mir mein Vater während seines Besuches in der Hauptstadt eine Hose. Aber sie war zu lang. Jeden Tag sagte meine Mutter, dass ich zum Schneider müsste, um die Hose kürzen zu lassen, aber ich hatte keine Lust! Ich beschäftigte mich mit einem neuen Roman, der hieß ,,Hundert Jahre Einsamkeit“. Ich hatte mir den Roman von Doktor Leilas Vater ausgeliehen, der immer zu mir sagte: „Die stärksten Sachen in der Welt sind meine Regale. Ich weiß nicht, wie sie alle diese schweren Ideen tragen können.“
Wir hatten keinen Berg in unserer Stadt, aber er war mein Berg!
Ich ging zum Schneider. Sein Laden lag neben dem Krankenhaus. Während er Maß nahm, hörten wir Lärm. Wir waren draußen. Vor dem Krankenhaus stand ein Auto, das der Polizei gehörte. Aus dem Auto stiegen zwei Polizisten. Sie hatten schmutzige Sachen in eine Decke gerollt, sie wurde dann weggetragen.
Leute auf der Straße hatten sich versammelt und beobachteten, was geschah, und fragten:  Was ist los? Wer ist tot?
In der Decke war eine Leiche. Die Frauen neben mir fingen an über Salwa zu reden und sie zu beschimpften. Salwa die Schlampe und Prostituierte.
Ich konnte in diesem Moment nichts sehen, nur das schwarze Tor des Krankenhauses, die schwarzen Mützen der Polizisten und die schwarzen Kopftücher der Frauen.
Ich wollte alle diese furchtbaren Frauen, die schlecht über Salwa redeten, am liebsten umbringen.
Oh, nein, mein lieber Engel! Ihr Bruder Jameel hatte sie getötet, nachdem ihm zu Ohren gekommen war, dass Salwa mit Khalil geschlafen hat und keine Jungfrau mehr war.
Die Polizisten brachten die Leiche ins Krankenhaus, um die Wahrheit herauszufinden. Wenn es stimmt, dann war Jameel nicht schuldig, dann war es Ehrenmord!
Die Zeit blieb stehen, alle Leute schimpften auf Salwa, auf die schöne Frau, die mit mir Tee getrunken hatte, die mir zugehört hatte.
Das Tor explodierte. Dr. Leila stand draußen. Wie ein Erdbeben klang ihre Stimme. Sie hatte geweint und ihre Hände waren voller Blut: ,,Sie ist Jungfrau! Hört ihr?! Jungfrau! Ihr Mörder! Ihr Verbrecher! Fahrt zur Hölle!“
Dr. Leila fiel zu Boden. Alle anderen verließen den Platz.
Meine Tränen haben sich mit ihren Tränen getroffen, als sie mir in die Augen sah. Ich fragte mich, wie kann ich das nächste Jahr ohne meine Salwa das Geflüster der Gerste hören und meinen Fluss sehen?
Meine Augen werden ohne sie und ihre Worte traurig sein, aber der Duft ihrer Hände wird ewig an meinem Buch sein.

 

 

Aschersleben 2007.

 

*Biografie Für Autoren-Bereich:

Chafia Suliman ist 1975 in Syrien geboren und lebt seit 2005 in Deutschland.
Er ist Kurde und aus politischen Gründen nach Deutschland gekommen.
In Aleppo hat er Zahntechnik gelernt und in Berlin und Magdeburg gearbeitet.
Zurzeit ist er freiwilliger Dolmetscher in mehreren Flüchtlingsunterkünften in Hannover.

 

 

русская православная церковь заграницей иконы божией матери курская коренная в ганновере

Über IF: Chafia Suliman

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