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Legenden des alten München

„Das Münchener Kindl“

Einige 100 Meter von der Frauenkirche, passend zu der schicken Hochzeitstorte in der Vitrine der beliebten Konditorei, steht das Neue Rathaus. Gebaut im s.g. gotischen Stil, zieht sie sofort alle Blicke derer auf sich, die hierher kommen, um diese Sehenswürdigkeit auf dem Marienplatz sich anzuschauen.

In der verschnörkelten Fassade des monumentalen Gebäudes, das hundert Meter entlang des es der bayerischen Landeshauptstadt sich ausgebreitet hat, sind erstaunliche Geschichten verschlüsselt. Wenn Sie ihn zum ersten Mal sehen, entsteht unfreiwillig das Gefühl, dass Sie vor einem prächtigen Schloss eines verrückten Zauberers stehen.

 

Denn was ist gibt es da nicht! Die in Stein gemeißelten Herolde in Begleitung ihrer majestätischen Gefährten mit gruseligen Wasserspeiern und Chimären, scheinen absichtlich von den Türmen von Notre Dame dahin gekommen zu sein. Und anmutige Arkaden und Bogenfenster krönen die von der Zeit türkis-bronzeverfärbten Türme. Und über all diesem prächtigem Steinbau – ein hoher Turm mit einer Uhr, auf der Spitze welchen ein Kind in Klostergewändern der Benediktiner mit ausgebreiteten Armen „balanciert“. Das ist das Münchener Kindl. Aber dieser Münchener Kindl mit einer Kapuze auf dem Kopf und in roten Schuhen verziert nicht nur den Stadtwappen. Interessant ist, dass das Münchener Kindl zuerst…ein benediktinischer Mönch war. Seine frühste Abbildung auf dem Münchener Stadtwappen ist mit 1304 datiert. Aber mit der Zeit, dank vielen Bemühungen verschiedener Maler, verwandelte sich dieser Kirchendiener immer mehr, bis er sich in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts in ein hübsches Mädchen verwandelte. Der Autor der uns berühmten Abbildung war der Maler Kaspar Braun. Seine Skizze des aus dem Wappen heraus spazierenden Kindes in Klostergewändern, die in 1847 ausgeführt wurde, wurde zur Grundlage der modernen Abbildung.

Heute kann man dieses Motiv der Münchener Heraldik in der bayerischen Hauptstadt überall finden. Angefangen bei Gullydeckeln bis hin zu Bierflaschen. Mit dem einzigen Unterschied, dass auf dem Stadtwappen das Kind in der linken Hand ein Buch hält (wahrscheinlich die Heilige Schrift), und die Finger seiner rechten Hand erstarren in der Eidesgeste. Und, z.B. auf den Flaschenetiketten und Postkarten hält er in der Hand…einen Bierkrug. Obwohl, das Münchener Kindl mit vollen Gläsern des schaumigen Getränks kann man auch auf dem Geld sehen… In 1921 hat ein gewisser Oscar Sohm, Besitzer einer Hamburger Brauerei und Schänke „Münch´ner Bräustüb´l“ eine eigene Währung herausgebracht – einen Bon im Wert von 50 Pfennig. Der Besitzer dieses Geldes konnte nicht nur gut essen und trinken in dem erwähnten Stübchen, sondern auf Wunsch auch das Geld in Reichsmark umtauschen. Darüber wurde detailliert auf der Rückseite des Geldes berichtet. Seine Vorderseite verzierte die Abbildung des Münchener Kindl gleich mit vier Bierkrügen.

 

Puc2 Hamburg  Munchner Braustubl Oscar Sohm 50 Pfennig

Bild 2 Hamburg – 50 Pfennig aus 1921 – „Münchener Kindl“ in der Rolle einer Kellnerin aus der Brauerei.

 

Übrigens, links vom zentralen Bild hat der Maler auch noch Türme des Münchener Doms der hl. Maria platziert, die durch die charakteristischen zwiebelartigen Kuppeln erkennbar sind.

Das Auftreten des Mönchs auf dem Wappen von München, wie auch, des Namen der Stadt selbst, werden mit folgender Legende erklärt.

„Wie München zu München wurde“

 

Vor langer, langer Zeit stand an der Stelle der heutigen bayerischen Hauptstadt ein benediktinisches Kloster. Die Ländereien waren damals nicht besonders dicht besiedelt, und die Mönche genossen die Einsamkeit und die Ruhe. Jedoch blieb das nicht lange so. Und dann gelangten an die Einsiedler unlustige Gerüchte über Bestialitäten, die unter der Bevölkerung der bayerischen Ländereien die Hunnen veranstalteten – wilde Steppennomaden aus dem Osten. Sie machten auch keinen Halt vor den Kirchendienern.

Als die Neuigkeiten über die Näherung der barbarischen Fremden die Mauern des Klosters immer öfter erreichten, versammelte der Abt seine Brüder zur Beratung. Ein Teil der Benediktiner war dafür das heilige Kloster zu verlassen und die Invasion der Feinde im Wald zu überstehen. Aber es gab auch solche, die daran glaubten, dass der Allmächtige sie vor dem Tod hinter den Klostermauern bewahren würde. So entschieden sie das auch. Ein Teil der Brüder gingen entlang des Flusses Isar (nimmt ihren Anfang in den österreichischen Alpen, fließt durch das süd-östliche Bayern und mündet in der Donau) und ließen sich im Walt in einer selbstgebauten Hütte nieder.

Nachdem der sächsische und bayerische Herzog Heinrich Leo (1129-1195) Siege in vielen Kämpfen erzielte, die Hunnen hinter die Grenzen seines Königreiches vertrieb, kehrten die benediktinischen Mönche zurück. Das Kloster war verbrannt und alle ihre Brüder tot. Jedoch war das Unheil vorüber und die Benediktiner errichteten ihr Kloster erneut. In der Antike wurde dieser Ort „bei den Mönchen“ genannt. Und schon später wurde aus der lateinischen Wortverbindung „apud munichen“ das moderne „München“.

Jedoch gibt es auch andere Versionen diesbezüglich. So brachte eine Legende zu uns eine ziemlich grausame Geschichte über den Fund eines abgeschlagenen Kopfes eines Mönches bei dem Bau der Fundamente und der ersten Steinhäuser in der Stadt. Dabei blutete der Kopf wohl weiterhin… Wahrscheinlich, in diesem konkreten Beispiel, stoßen wir an das Widerhallen der Legenden aus dem Leben des berühmten Propheten des Christentums Johannes den Täufer, der für seine Gerechtigkeit buchstäblich mit dem Kopf zahlen mussten. Er wurde auf Befehl des Tyrannen von Galiläa Herodes hingerichtet. Übrigens, der abgeschlagenen Kopfes von Johannes dem Täufer ist einer der Symbole des Heiligen Graals.

„Drachenecke“

Das Gebäude des Neuen Münchener Rathauses kann man auch auf dem Inflationsbon der Stadt im Wert von einer Million Mark aus 1923 bewundern.

 

Puc2 Hamburg  Munchner Braustubl Oscar Sohm 50 Pfennig

Bild 2 München – 1.000.000 Mark aus 1923 – das Gebäude des Neuen Rathauses.

 

Hier kann man auch die Turmspitze mit dem ausgebreiteten Arm des Münchener Kindl sehen. Obwohl, aufgrund der kleinen Größe des Bildes kann man leicht denken, dass es einen Engel darstellt, dessen geflügelte Figuren oft die Turmspitzen in ganz Europa schmücken.

Ungefähr im Zentrum des Turms auf dem Geldscheid kann man die berühmte Münchener Attraktion sehen – das Glockenspiel, das unter dem Turm in 1908 errichtet wurde. Tausende von Touristen aus aller Welt kommen jährlich nach München. Und möchten unbedingt auf den Marienplatz genau an dem Moment, wenn die Figuren dieser gigantischen Musikschatulle in Bewegung gesetzt werden.

 

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Bild 4 – Foto der berühmten Sehenswürdigkeit.

 

Durch das Erklingen der Glocken auf dem Hauptplatz der Stadt ist eine unaufdringliche Musik eines ziemlich eigenartigen Tanzes zu hören – eines Tanzes, der zum ersten Mal zu Ehren des Sieges der Bürger über den grausamen Pestdrachen getanzt wurde…

Jetzt ist schon unbekannt, wann genau das war und ob es überhaupt passiert ist. Aber wenn es so gewesen war, dann vor sehr sehr langer Zeit. Einst kam nach München ein grausames Ungeheuer. Das war ein Drache, dessen übelriechender Atem den unausweichlichen Tod für alles Lebende brachte. Denn es war von der Pest vergiftet. Der Drache flog über den Straßen der Stadt und vergiftete sie mit schwarzem Tod. Viele Menschen sind damals gestorben und die Überlebenden verbarrikadierten die Fenster und Türen ihrer Häuser und beteten um Rettung. Jedoch hatte das Ungeheuer kein Glück! Unter den Beschützern der Stadt gab es einen präzisen Schützen. Mit der ersten Kugel schlug er den Drachen nieder. Die Gardisten jubelten, aber die Straßen der Stadt blieben trotzdem leer. Die Menschen wussten nichts von dem tollen Sieg über dem schrecklichen Tier.

Dann gingen die, die mit dem Drachen gekämpft hatten, von Haus zu Haus, und vollführten dabei den Siegestanz. Und noch nicht ganz an die wunderbare Rettung glaubend, begannen die Bürger ihre Häuser zu verlassen und den Tanzenden entgegen zu kommen. Seitdem werden in München alle sieben Jahre feste durchgeführt, die der Rettung vor dem Drachen gewidmet sind. Verkleidete laufen durch die Menschenmenge, malen ihren Kindern mit Ruß die Nasen an, als Erinnerung an die Pest und tanzen den oben erwähnten Tanz. Und auf dem Turm des Neuen Rathauses kann man ihn jeden Tag sehen. Dabei tanzen die Puppen im Sommer drei Mal am Tag, und zu kalten Jahreszeiten zwei Mal.

Die westliche Ecke des Neuen Rathauses (Kreuzung Weinstrasse und Marienplatz) wird als Wurmeck bezeichnet. An der Wand dort „klettert“ ein Ungeheuer aus Bronze hoch.

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Bild 5 – Foto des „Wurmecks“.

 

Sein Schlangenkörper windet sich, die Krallenpfoten krallen sich in die Steine, die häutigen Flügel umfangen die Ecke der Mauer, und aus der Reißzahnschnauze ragt die gespaltene Zunge heraus. Das Basrelief vor der Schnauze des Tieres zeigt in Panik fliehende Menschen. Das, das links vom Drachen ist – die an der Kanone wuselnden Menschen, und rechts – die tanzenden Sieger. Also, die Schau ist eindrucksvoll! Auf dem Gelschein im Wert von einer Million kann man den Drachen an der Ecke des Rathauses (unten links) kann man auch sehen. Mit Schwierigkeiten jedoch. Und nur mit dem Wissen, dass es ihn dort gibt. Es kann auch gut sein, dass dieser Ort München seinen Namen dem Drachen verdankt. Obwohl auf dem Marienplatz um ihn herum auch andere Abbildungen von ähnlichen Fabelwesen existieren.

Wenn man vom Neuen Münchener Rathaus spricht, darf man nicht den berühmten Weinkeller auslassen. Obwohl, die Bezeichnung Keller wohl kaum zu dieser grandiosen gastronomischen Einrichtung passt, die mehr als fünf Hundert Sitzplätze hat.

Zum ersten Mal wurden für die Liebhaber lecker zu Essen und süß zu Trinken seine Türen am 1. August in 1874 geöffnet. Seitdem wechselten sich die Besitzer oft ab, es wurde umgebaut und vergrößert, ganz zur Freude der Stammkunden und Gäste der Stadt.

Heute nimmt dieses Lokal fast zwei Drittel der Fläche der Keller des Rathauses ein und besteht aus einigen geschmackvoll eingerichteten Räumen. Jeder von ihnen trägt seinen eigenen Namen. Die Weinstube, der Bacchuskeller, der Boticellistuben, der Sumpf, das Prälaten Zimmer oder Prälatenstüberl, und sogar der faszinierend eingerichtete Saal mit dem sehr biblischen Namen Arche Noah.

An den Malereien seiner mächtigen Decken, Kolonnen und Wände arbeitete der talentierte Maler und Träumer Heinrich Schlitt. Mystische Sujets seiner Bilder mit lustigen Weinflaschen und Bierkrügen, mit Hellebarden und Arkebusen bewaffnet, aber auch die Kobolde und Gnome erwecken eine einzigartige Märchenatmosphäre. Diese umringt die Gäste sich der süßen Mattigkeit hinzugeben, zwingt sie zu träumen. Besonders stark spürt man die Wirkung, wenn man ein oder zwei Gläser des dunklen Fassbieres herunter gekippt hat und den ersten Hunger mit den weltberühmten bayerischen Weißwürsten mit körnigem Senf.

 

Rolf Meisinger (Mannheim)

Aus dem Russischen von Yevgeniya Marmer

русская православная церковь заграницей иконы божией матери курская коренная в ганновере

Über IF: Rolf Meisinger (Mannheim)

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